Der Rebell, der nicht googeln mag

Tottenham-Verteidiger Danny Rose fühlt sich unterbezahlt und hätte gerne neue Mitspieler. Das lässt er die Clubführung ziemlich direkt wissen.

Glaubt, dass er bei Chelsea oder in Manchester zwei- oder dreimal so viel verdienen würde: Tottenham-Verteidiger Danny Rose.

Glaubt, dass er bei Chelsea oder in Manchester zwei- oder dreimal so viel verdienen würde: Tottenham-Verteidiger Danny Rose.

(Bild: Reuters)

An diesem Tag im April würde er gerne auch auf dem Wembley-Rasen stehen. Nur ist da eben sein Knie, das er sich im Winter so sehr zertrümmerte, dass ein Einsatz unmöglich ist. Also ist er zum Zuschauen verdammt. Er, das ist Danny Rose, 27, Aussenverteidiger bei Tottenham Hotspur, einer der Besten der Liga.

Am besagten Apriltag duelliert sich Tottenham mit Chelsea um den Einzug in den FA-Cupfinal. 2:2 steht es nach einer Stunde. Dann ereignet sich etwas, das Rose nachhaltig beschäftigen wird: Chelsea-Trainer Antonio Conte bringt nacheinander Eden Hazard, Diego Costa und Cesc Fabregas ins Spiel.

Das Joker-Trio führt die Blues zum Sieg – und in den Final. Für Rose ist das zum einen ein Exempel dafür, wie wichtig ein qualitativ breites Kader tatsächlich ist. Zum anderen fragt er sich, wie stark die Bank Tottenhams im Vergleich ist. Zu schwach, sein Fazit.

Und weil im Sommer darauf die Konkurrenten aus London und Manchester weiter fleissig einkaufen, während sein Club Mitte August noch keinen einzigen Penny auf dem Transfermarkt ausgeben hat, wendet sich Danny Rose an die Öffentlichkeit.

Die Ehrfurcht vor dem Chelsea-Kader

Er teilt seinen Missmut mit dem britischen Boulevard. «Wir haben zweifelsohne eine der besten Startformationen der Premier League», sagt er zu «The Sun». Nur, was danach komme, befriedige nicht. «Wenn ich das Kader von Manchester City oder Chelsea studiere, dann erstarre ich in Ehrfurcht.» Deshalb kommt der Spurs-Verteidiger im Interview ziemlich bald mal zum Schluss, dass sein Club noch zwei, drei grosse Einkäufe benötige.

Und hätte Rose diesen Satz so stehen gelassen, könnte man die Forderung als legitim taxieren, zumal Tottenham der einzige Premier-League-Club ist, der diesen Sommer noch kein neues Spielermaterial akquiriert hat.

Doch dann schiebt der Engländer diesen Satz nach: «Aber bitte keine Spieler, deren Namen ich erst googeln muss, bevor ich weiss, wer sie sind.» Markige Worte eines Verteidigers, dessen Namen wohl auch der eine oder andere Fan googeln müsste, würde er bei einem neuen Club vorgestellt.

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass Rose jene Tottenham-Spieler als unverzichtbar erklärt, die bei ihrer Ankunft ebenfalls fast nur Suchmaschinen bekannt waren. Spieler wie Dele Alli oder Harry Kane.

Daniel Levy, der Gambler

Er sage nicht, dass man zehn neue Spieler holen müsse, so Rose. Seine Worte sollen auch nicht als Kritik an Präsident Daniel Levy verstanden werden. «Er führt den Club brillant.» Nur beschäftigt es Rose nun einmal, was gerade bei seinen Spurs passiert. Oder eben nicht passiert.

Auch, wenn er zwischendurch ausgeliehen wurde. Seit zehn Jahren ist Tottenham sein Club. Für eine Trophäe reichte es nie. Letzte Saison fehlte wenig. Nun glaubt Rose, dass der Club mit seiner Passivität auf dem Transfermarkt eine weitere titellose Saison provoziert. «Ich habe nicht vor, noch weitere 15 Jahre zu spielen», sagt Rose. Er wolle nun endlich mal etwas gewinnen.

Dass Levy auf dem Transfermarkt bisher nicht mit den Pfunden wedelte, hat primär zwei Gründe: Zum einen baut Tottenham gerade ein neues Stadion, dessen Finanzierung eine ziemliche Herausforderung darstellt. Zum anderen ist der Präsident an der Transferfront das, was man einen Gambler nennt. Seine Taktik: abwarten.

Er versteht es, seine Verhandlungspartner so nervös werden zu lassen, dass sich beim Preis meistens noch etwas machen lässt. «Ich hatte schon mit vielen hartgesottenen Eiern zu tun, aber er ist ein 20-Minuten-Ei», sagte David Gill, ehemaliger Vorstandsvorsitzender von Manchester United, einmal über Levy.

Tottenhams Lohndeckel

44 Deals hat Tottenhams Präsident in den letzten zehn Jahren fürs Profiteam abgeschlossen. Davon wurden 20 erst nach dem Saisonstart und 17 in den letzten 48 Stunden des Transferfensters realisiert. Danny Rose kann also beruhigt sein. Es dürfte noch etwas passieren.

Nur ist da eben noch ein anderes grosses Thema, das den zwölffachen englischen Nationalspieler beschäftigt: sein Lohn. «Ich glaube nicht, dass mein Gehalt wirklich meinem Wert entspricht.» Dasselbe gelte auch für seine Teamkollegen. Bei Tottenham verdient kein Spieler mehr als 125'000 Franken pro Woche, was in der Premier League keinem Spitzenlohn entspricht.

Der Lohndeckel ist eine Idee von – Präsident Levy, natürlich. Er will vermeiden, dass das Gehaltsgefüge des Vereins explodiert. Auch, wenn er dadurch Gefahr läuft, einen Spieler an die Konkurrenz zu verlieren.

Denn Danny Rose glaubt, dass er und einige Mitspieler bei Chelsea oder bei den Clubs aus Manchester zwei- oder dreimal so viel verdienen könnten. Dem pflichten viele Kommentatoren auf der Insel bei. Andere bezeichnen ihn wegen seines Verhaltens als Rebell.

Die aussergewöhnliche Reaktion der Mitspieler

Die Statements des Aussenverteidigers lancieren jedenfalls einige Kontroversen. Darüber, ob der Führungsstil von Tottenham-Chef Levy sinnvoll ist. Darüber, was ein ansprechender Premier-League-Spieler verdienen soll. Oder darüber, ob sich ein Spieler in der Öffentlichkeit so beschweren darf.

Rose hat sich nach dem Interview jedenfalls ziemlich schnell wieder entschuldigt. «Meine Worte hätten nicht anecken sollen. Ich entschuldige mich deshalb beim Präsidenten, dem Trainer, den Fans und meinen Mitspielern.»

Vor allem bei Letzteren wäre das wohl nicht nötig gewesen: Britische Medien berichten, dass Rose nur mit einem empfangen wurde, als er nach der Interview-Publikation die Garderobe betrat: ausgedehntem Applaus.

DerBund.ch/Newsnet

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