Der Motor aus Bologna

Blerim Dzemaili fühlt sich mit 30 stärker als mit 20. Und im Nationalteam nicht mehr überflüssig.

Am liebsten sind ihm englische Wochen: Dzemaili im Dress von Bologna. Foto: Giorgio Benvenuti (Keystone)

Am liebsten sind ihm englische Wochen: Dzemaili im Dress von Bologna. Foto: Giorgio Benvenuti (Keystone)

Peter M. Birrer@tagesanzeiger

Als die Schweiz am 1. März 2006 an einem unfreundlich kalten Abend in Glasgow spielte, stand Zuberbühler im Tor, gehörten Vogel, Cabanas und Wicky zum Mittelfeld, stürmten Gygax und Streller. Der Coach hiess Köbi Kuhn. ­Bevor das 3:1 gegen Schottland feststand, kam einer zum kurzen Debüt, der keine 20 und schüchtern war: Blerim Dzemaili.

Wenn sich Dzemaili an die damalige Zeit erinnert, an die fixe Hierarchie in der Mannschaft, sagt er: «Ich fürchtete mich vor den gestandenen Spielern und wollte bloss nichts machen, was sie hätte verärgern können. Ich wünschte, ich wäre damals so unerschrocken gewesen, wie es die heutige Generation ist.»

Dzemaili wird am 12.April 31, seit jenem Mittwoch vor elf Jahren im Hampden Park sind 54 Partien für die Schweiz dazugekommen, und in diesen elf Jahren ist viel passiert im Leben des Mannes, der mazedonische Wurzeln hat und beim FC Zürich gross geworden ist. Die Serie A in Italien, das ist die Liga, die seine Karriere geprägt hat; die Nationalmannschaft, das ist die Auswahl, mit der ihn eine komplizierte Beziehung verbindet.

Es ist der Freitag der vergangenen Woche, Treffpunkt ist das Al Campione im Zentrum Bolognas. Im Restaurant hängen Trikots, kunstvoll verarbeitet zu einer Collage, Leibchen von Del Piero, Kakà, Inzaghi oder Rui Costa, aber die Fahne am Fenster und ein Schwarzweissbild des Stadions klären auf, wer hier wirklich daheim ist: der FC Bologna. Dzemaili taucht auf, und wo er sich in der Stadt blicken lässt, wird ihm auf die Schulter geklopft.

Er ist ein tragendes Element Bolognas und sagt: «Ich fühle mich so gut wie noch nie. Wenn jemand behauptet hätte, dass ich mit 30 physisch stärker bin als mit 20, hätte ich ihn ausgelacht.» Meistens legt der Mittelfeldspieler pro Match 12 Kilometer und mehr zurück, aber Spuren hinterlässt das bei ihm kaum. Am liebsten sind ihm englische Wochen: «Ein Profi muss in der Lage sein, alle drei Tage ein Spiel zu bestreiten. Wer über zu hohe Belastung klagt, sucht nur ein Alibi. Wer im Training an die Grenzen geht, ist auch im Match dazu bereit. Mein Motor läuft ständig. Und er läuft derart gut, weil ich bewusst lebe, mich gesund ernähre und den Körper pflege.»

Der Ärger mit Benitez

Bologna ist Dzemailis fünfte Station in der Serie A, und es macht den Anschein: einmal Italien, fast immer Italien. Nach einem verlorenen Jahr bei Bolton und einem überstandenen Kreuzbandriss hatte er 2008 die Wahl: Torino oder Hamburger SV. Er legte sich auf Torino fest und wusste rasch: «Richtig entschieden.» Parma, Napoli, Abstecher zu Galatasaray und Genoa folgten, bevor er im Sommer 2016 nach Bologna fand. «In Italien hat es am besten gepasst», sagt er. Und doch bereut er im Nachhinein eines: dass er nach den ersten zwei Jahren bei Napoli nicht eines der lukrativen Bundesliga-Angebote annahm. Ihm lief es gut, er glaubte, es würde so weiter­gehen. Bis Rafael Benitez am Vesuv Trainer wurde und Dzemaili zu verstehen gab, dass er nicht mehr auf ihn setzt.

Das Gefühl, kaum oder nicht gebraucht zu werden, das lernte Dzemaili auch als Nationalspieler kennen. Unter Ottmar Hitzfeld besetzten Gökhan Inler und Valon Behrami die zwei Positionen im zentralen Mittelfeld, und für Dzemaili war es «irgendwann Normalität, dass ich auf der Bank sass». 2013 war er nahe daran, seinen Rücktritt zu ­erklären, im Frust darüber, dass er gegen Zypern nicht zu einem Einsatz von Anfang an kam. Aber sein Berater sagte ihm: «Wenn du jetzt gehst, bist du der einzige Verlierer.» Und das wollte Dzemaili nicht sein: «Mir wurde bewusst, dass es sehr schlecht gewesen wäre, einen Eklat zu provozieren. Es ging auch um die Schweiz, die für mich und meine Familie sehr viel getan hat, die unser Leben verändert hat.»

Dzemaili erzählt im Al Campione in Bologna von früher. Wie er Tugenden annahm, die als klassisch schweizerisch gelten, pünktlich zu sein etwa. Und er schildert, wie sich alle in der ­Familie stets darum bemühten, sich korrekt zu verhalten, ja nicht aufzufallen – «auch aus Angst, ausgeschafft zu werden». Dann fügt er an: «Wenn es Leute gibt, die mir die Liebe zur Schweiz nicht abnehmen, weil ich vor einem Länderspiel die Hymne nicht mitsinge, kann ich ihnen nicht helfen.»

Schlüsselmoment mit Petkovic

Dzemaili funktioniert nun in der Nationalmannschaft. Und das hat viel mit einem Anruf von Vladimir Petkovic zu tun. Vor dem EM-Trainingslager im letzten Mai in Lugano erläuterte der Coach ihm seinen Plan: Er sehe Dzemaili in seinem System auf der Position des Zehners ­hinter der Spitze mit dem Auftrag, als ­Bindeglied zwischen Defensive und ­Offensive zu wirken. «Es war ein Schlüsselmoment», sagt Dzemaili, «nach dem Anruf wusste ich: Diese Chance musst du packen. Ja, und dann war meine Karriere als Nationalspieler richtig lanciert.» Bis dahin waren ihm wenige Auftritte in positiver Erinnerung geblieben, das 1:0 gegen Brasilien etwa, das 4:4 gegen Island, aber auch nur, «weil ich mein erstes Länderspieltor erzielte».

Nun zählt er zum Stamm und ist überzeugt, dass die Schweiz an der WM in Russland dabei sein wird. Petkovic wünscht sich jetzt schon, dass Dzemaili noch ein Jahr in Bologna anhängt. Nun ist es aber so, dass Bolognas Präsident Joey Saputo der Eigentümer von Montreal Impact aus der Major League Soccer ist. Und der Transfer Dzemailis nach Montreal ist abgemacht. Offen ist lediglich: 2017? Oder 2018? «Das besprechen wir im Sommer», sagt Dzemaili.

Bis dahin will er beim FC Bologna so dominant auftreten wie bis anhin – als Chef, der auch Tore schiesst. Achtmal hat er in dieser Serie-A-Saison getroffen, dazu einmal im Cup, und egal, wem er auf dem Feld gegenübersteht, er tut es mit der Einstellung: «Ich bin besser als der Gegner. Auf diese Weise versuche ich, die Kollegen mitzureissen.»

Das ist sein Anspruch, das ist auch der Wunsch der Senioren, die in einem kleinen Saal im Al Campione sitzen. Einer ruft entzückt: «Dzema!» Er winkt, sein Daumen schnellt nach oben. Dann winken alle. Und viele Daumen gehen hoch. Dzemaili verabschiedet sich bestens gelaunt.

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