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Der Mathe-Lehrer, der dem FCZ ein Bein stellen will

Stade Lausanne-Ouchy will im Cup-Achtelfinal den FC Zürich überraschen. Und beim aufgeblühten Lausanne-Sport freut sich ein Fussball-Liebhaber auf GC.

Andrea Binotto, Trainer von Stade Lausanne. Foto: Pascal Müller (EQ Images)

Sieben Lektionen stehen auf dem Stundenplan, Lektionen mit Integral- und Wahrscheinlichkeitsrechnungen, mit Vektorgeometrie – Andrea Binotto stellt sich auf einen anstrengenden Dienstag ein. Zwischendurch, glaubt er, wird er in eine andere Welt abtauchen und sich fragen: Habe ich auch an alles gedacht für den Abend?

Am Abend wird die Schule für ihn weit weg sein. Und doch noch etwas Wichtiges auf dem Programm stehen: 20­ Uhr, FCZ.

Binotto (47) ist Mathematiklehrer am Gymnase de la Cité in Lausanne. Seine Freizeit füllt er mit seiner zweiten Leidenschaft: Er ist Trainer bei Stade Lausanne-Ouchy in der Promotion League. Heute empfängt er mit seinem Amateurteam den FC Zürich im Cup-Achtelfinal. Er sagt: «Es wird eine komplizierte ­Aufgabe, aber es wäre eine schlechte ­Botschaft, wenn ich verkünden würde: Wir haben sowieso keine Chance.»

Binotto überquert den Rasen des schmucken Kleinstadions, das idyllisch am Genfersee liegt und nach dem früheren IOK-Präsidenten Juan Antonio Samaranch benannt ist. In einem Büro findet er einen Wimpel, der an die erste Begegnung mit dem FCZ erinnert. Am 15. September 2013 war das, ebenfalls im Cup, und Binotto könnte detailliert den Spielverlauf nacherzählen. Er belässt es bei der 85. Minute und Etoundis 3:2 gegen den damaligen interregionalen Zweit­ligisten. Binotto zuckt mit den Schultern. Pech gehabt.

700 Mitglieder, 26 Nationen

SLO, wie Stade Lausanne-Ouchy der Einfachheit halber genannt wird, ist anders, will anders sein. Ein Verein, der keine Lust hat, ein Auffangbecken für Altstars zu sein, sondern Wert auf Sinnvolleres legt, zum Beispiel: Integration. Die rund 700 Mitglieder stammen aus 26 Nationen. «Uns ist erfolgreiche Arbeit auf ­diesem Gebiet wichtig», sagt Alain Vallélian.

Der 49-Jährige, seit fünf Jahren Präsident, ist stolz auf SLO, spürt aber auch, wie kräfteraubend und belastend die ­ehrenamtliche Arbeit ist. Er sagt: «Ich mache mir immer Sorgen, ob wir alle Rechnungen begleichen können.» Ein Grossteil seines Jobs besteht darin, Sponsoren zu finden, um ein Gesamtbudget von 600 000 Franken pro Jahr zu stemmen.

Wenn nun ein grosser Match bevorsteht wie gegen den FCZ, bedeutet das für Vallélian mehr Stress als Spass. Hohe Sicherheitskosten für ein Spiel an einem Wochentag, tiefe Erwartungen, was die Kulisse angeht («ich rechne nicht mit viel mehr als 700 Zuschauern»), kaum Gewinn – da stellt sich Vallélian unweigerlich die Frage: «Lohnt es sich überhaupt noch, am Cup teilzunehmen?»

An eine solche Frage verschwendet Binotto keinen Gedanken. Der FCZ ist das, was den Mathematiker derzeit beschäftigt. Der Coach, italienisch-schweizerischer Doppelbürger und Anhänger von Inter Mailand, wünscht sich furchtlose Spieler, die «wie die Verrückten ­rennen», ähnlich wie Mitte September, als SLO beim 2:1 im Sechzehntelfinal den FC Sion blamierte. Er träumt davon, dass die Rechnung aufgeht – und davon, am Mittwoch triumphal ins Klassen­zimmer zurückzukehren.

Celestini im Hoch mit Lausanne

Der Weg führt weg vom Seeufer, weg von der Promotion League, den Hang ­hinauf zur alten Pontaise, Heimat von Lausanne-Sport. Auf einem Nebenplatz bereitet sich die erste Mannschaft auf den Mittwoch und GC vor. Sie ist in bemerkenswerter Verfassung: In den letzten 7 Runden sammelte sie 15 Punkte, in der Super League belegt sie Rang 6.

Ein Plakat am Absperrgitter erinnert, worum es bei diesem Sport geht: «Gewinnen und gewinnen und gewinnen und wieder gewinnen . . . Das ist Fussball.» Darunter steht der Name des Trainers, von dem diese Worte stammen: Luis Aragonés, Europameister mit Spanien 2008.

Fabio Celestini gibt den Ton an, er fordert bei den Übungen Disziplin, manchmal unterbricht er, kritisiert, kommentiert, er ist ein Trainer, der von sich sagt: «Ich bin ein Fussball-Lieb­haber. Es heisst: Fussball spielen. Nicht Fussball arbeiten.»

Hat weder Sportchef noch Scoutingabteilung: Lausanne-Sport-Trainer Celestini. Foto Pascal Müller
Hat weder Sportchef noch Scoutingabteilung: Lausanne-Sport-Trainer Celestini. Foto Pascal Müller

Celestini (41) hatte einst als Profi bei Lausanne begonnen, bevor er sich ins Ausland verabschiedete, nach Frankreich und Spanien. Im März 2015 kehrte er als Trainer auf die Pontaise zurück, führte den Club zurück in die Super League und pflegte mit seinem Team einen so erfrischenden Stil, dass er ­dafür viel Lob und an der Award Night der Liga die Auszeichnung «Trainer des ­Jahres 2016» erhielt. Wohl auch darum überstand er schadlos eine Serie von 14 Spielen ohne Sieg.

Lausanne, das mit einem Budget von 8,5 Millionen Franken auskommt, scheint für ihn das geeignete Projekt zu sein, um das eigene Profil zu schärfen. Weil er lernt, Widerstände zu überwinden und Lösungen zu finden in einem Umfeld, in dem ihm keine Schar an ­Spezialisten zur Seite steht. Es gibt ­weder eine Scoutingabteilung noch einen Sportchef. Dafür hat Celestini die alleinige Kontrolle über das Sportliche. Und mit Alain Joseph einen Vorgesetzten, der nicht den Eindruck erweckt, als käme er jemals auf die Idee, den Trainer infrage zu stellen.

Joseph ist seit vier Jahren Clubpräsident, einer, der keine Emotionen zeigt, wenn er auf der Tribüne sitzt. Er bekommt keine glänzenden Augen wegen Traumtoren oder spektakulärer Spielzüge, «es vibriert nie so wie bei Christian Constantin, wenn ich an einem Match bin». Seine Rolle versteht er ganz nüchtern: den Club seriös führen. Aber jetzt plant er seinen Abgang: «Ich bin nicht mehr der richtige Mann.» Ja, so sagt er das.

Prämie nach dem Sieg gegen YB

Er ist müde geworden in diesem Geschäft, in dem ihn vieles erstaunt und ­irritiert. Trainer etwa, die in ihrem eigenen Universum leben und keine Anstalten machen, für Tipps von aussen empfänglich zu sein. Joseph will das nicht als Kritik an Celestini verstanden wissen, es ist eine generelle Beobachtung: «Es sind fast alle Trainer so.» Ihm missfallen auch Spieler, die ihm ständig in den Ohren ­liegen wegen Prämien. «Sie haben doch alle einen Monatslohn», pflegt er dann zu antworten und erzählt, dass er ­zwischendurch ja gerne für eine Geste ­bereit sei. Nach dem 2:1 gegen YB ­versprach er jedem im Kader einen ­Bonus von 1500 Franken.

Joseph mag aufmüpfig sein, ein eigenwilliger Geist. Für ihn zieht der Fussball zu viele Selbstdarsteller an. Auch deshalb sucht er einen Nachfolger. Und wenn er Werbung macht für seinen Club, tönt das so: «Der Club funktioniert, auf dem Konto liegen mehr als 2 Millionen Franken, und das neue Stadion ist auch gesichert.» 2019 ist die 76 Millionen Franken teure Arena mit 13 000 Plätzen bezugsbereit, sie liegt im Stadtteil La Tuilière. «Das eröffnet neue Möglichkeiten», sagt Joseph, «das Budget kann auf 12 Millionen anwachsen.» Die Realität der Gegenwart ist die Pontaise. Und die sportliche Realität ist für Trainer Celestini die, «dass wir weiter gegen den Abstieg kämpfen».

Das nächste Ziel ist der Einzug in den Cup-Viertelfinal. Celestini freut sich auf das Duell mit GC und einem Gegner, der ebenso aufgeblüht ist: «Wir wissen, was auf uns zukommt. Aber wir sind nicht mehr das Lausanne von Anfang Saison, wir sind jetzt ein echtes Team.»

Und Präsident Joseph? Ist natürlich nicht aufgeregt, weil GC kommt: «Der Cup ist ein sympathischer Wettbewerb. Wenn wir gewinnen – umso schöner.» Und wenn nicht? Auf seinem Gesicht zeichnet sich ein zufriedenes Lächeln ab. Halb so wild.

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