Der Machtwechsel

Freude in Bern, Frust in Basel. Die Kräfteverhältnisse zwischen den beiden Schweizer Topteams haben sich rasant verschoben.

So sehen Sieger aus: Die YB-Spieler kommen aus dem Feiern fast nicht mehr heraus.

So sehen Sieger aus: Die YB-Spieler kommen aus dem Feiern fast nicht mehr heraus. Bild: Christian Pfander

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Der Donnerstagabend dokumentierte das gegensätzliche Befinden der zwei führenden nationalen Fussballclubs einwandfrei. Der FC Basel schied auf Zypern im Europa-League-Playoff kläglich gegen einen Verein namens Apollon Limassol aus. Klassisch verbaselt sozusagen. Und das keine zwei Stunden nachdem YB in die wohl attraktivste Champions-League-Gruppe eines Schweizer Clubs der Geschichte gezogen worden war.

«Wir haben versagt»

Während die Young Boys erstmals die Königsklasse erreichten, verpasst der FCB zum ersten Mal seit 14 Jahren eine internationale Gruppenphase. Der Primus aus Basel leckt seine Wunden – und begreift selber kaum, wie rasant der einstige Serienmeister in die monumentale Krise schlitterte. Mit einer fatalen Mischung aus Misswirtschaft, Inkompetenz und Überheblichkeit.

Keine Aussage steht besser für die groben Basler Fehleinschätzungen als jene des damals angehenden Sportchefs Marco Streller vom April 2017, als der FCB gerade seinen achten Meistertitel nacheinander errang. Sie besitzt längst Kultstatus in der Branche. «4 bis 8 Junge im Kader zu haben, ist für uns realistisch. Und wir müssen die Jungen bringen. Der Abstand zu YB ist so gross, dass man dieses Risiko eingehen kann», sagte Streller. Es ging darum, das neue, kostenbewusstere Konzept des Clubs unter frischer Führung zu verkaufen. Mehr Basel. Mehr Jugend. Mehr Spektakel.

Nun haben sich die Kräfteverhältnisse verschoben. Der FC Basel irrlichtert nach den Abgängen von Präsident Bernhard Heusler und Sportdirektor Georg Heitz seit Sommer 2017 im Zickzackkurs umher. Fast wie die Young Boys einst, bloss sehr komprimiert. Die angestrebte Philosophie, übrigens die gleiche wie jene von YB, ist das Papier nicht mehr wert, auf dem sie möglicherweise niedergeschrieben worden war.

Die handelsüblichen Reflexe haben auch den FCB erfasst. Traineraltmeister Marcel Koller ersetzte kürzlich Nachwuchscoach Raphael Wicky. Fertig lustig für die Jungen. Resultatfussball mit erfahrenen Kräften statt Offensivspektakel mit schwungvollen Talenten. Durchaus erfolgreich – bis zur Blamage in Limassol. «Wir haben versagt», sagte der routinierte Mittelfeldspieler Fabian Frei nach der 0:1-Niederlage bei Apollon. «Das tut uns richtig weh, weil wir ein sehr breites Kader haben und nun im Herbst viel weniger Spiele anstehen.»

Siegenthalers Worte

Die Young Boys sind nach dunklen Zeiten im Schatten des Dominators FCB heute in vielen Bereichen deutlich besser aufgestellt als Basel. Nicht nur, besonders ausgeprägt, auf der Position des Sportchefs. Wenn das jemand vor zwei Jahren prophezeit hätte, wäre er für komplett verrückt erklärt worden. Es passt nach dieser Formulierung ganz gut, auf legendäre Äusserungen von Urs Siegenthaler hinzuweisen.

Der Basler hatte als YB-Verwaltungsrat vor bald 24 Monaten in wirren Reden unter anderem erklärt, es sei für die Young Boys «völlig unrealistisch», den FCB anzugreifen und – sinnigerweise – nach den Sternen zu greifen. Jener Siegenthaler notabene, der zuletzt im Sommer in Deutschland nach seiner total verfehlten Expertise über den ersten WM-Gegner Mexiko als Chefscout des Nationalteams schwer in die Kritik geriet.

In Bern war Siegenthaler nach seinen verbalen Verirrungen bald Geschichte. Der erneute Umsturz in sportlich wie wirtschaftlich ungemütlicher Lage beförderte Christoph Spycher im September 2016 als wohl einzig verbliebenen Hoffnungsträger der am Boden liegenden Organisation in die Verantwortung. Zwei Jahre nach den tumultartigen ­Ereignissen feiert YB mit dem Heimspiel am 19. September gegen Manchester United Premiere in der Champions League.

Spychers Bodenständigkeit

Die Young Boys stehen unter Spychers Führung fussballerisch und finanziell erstklassig da. Die Strukturen sind derart verbessert worden, dass es bei YB mittlerweile vielleicht gar keine so grosse Rolle spielt, wer Trainer ist. So wie das beim starken FC Basel jahrelang der Fall gewesen war.

Und nun sorgt die 5-Sterne-Champions-League-Gruppe mit Juventus, Manchester United und Valencia in Fussballbern für kollek­tive Begeisterung. Seit dem 2:1-Sieg im Playoff-Rückspiel in Zagreb am Dienstag wurden rund 800 Dauerkarten verkauft, insgesamt sind es 16 500. «Wir geniessen den Moment», sagt Spycher. «Aber wir gehen konsequent unseren Weg.» Basel sei, sagt der Sportchef, wirtschaftlich immer noch die klare Nummer eins des Landes. «Wir können in einem Jahr nicht aufholen, was sich der FCB so lange erarbeitet hat.»

Die Young Boys sind inmitten der Euphorie bemüht, den Fokus auf das Spiel am Samstag bei Sion zu lenken. «Wir denken nur daran», sagt Trainer Gerardo Seoane. Das mag für den abgeklärten Jungtrainer gelten, aber es wird YB nicht leicht fallen, all die Risiken und Ne­benwirkungen der Champions League zu ignorieren. Viele unberechenbare Kräfte wirken ein.

Und es gehört nun ja dazu, die Vorkommnisse bei der prominenten Gegnerschaft zu verfolgen. Bei Manchester United kämpft José Mourinho nach einem Fehlstart in die Saison um seinen Job, am Montag verlor sein Team 0:3 gegen Tottenham. Es war die höchste Heimniederlage in seiner famosen Trainerkarriere. Er legt sich gewohnt scharf mit der Journaille an und gibt schier grössenwahnsinnige Pressekonferenzen. Aus Berner Sicht wäre es, so anmassend das klingen mag, vielleicht gar nicht schlecht, würde Mourinho in zweieinhalb Wochen noch zur Reisedelegation des strudelnden Riesen gehören.

Strellers Demut

YB nimmt sich in der Sternenliga übrigens Basel zum Vorbild, der vor allem gegen Premier-League-Giganten oft brillierte – und noch vor ein paar Monaten im Achtelfinal gegen Manchester City stand. Das ist lange her. Am Freitagabend gab sich FCB-Sportchef Streller kämpferisch, als er an einer Pressekonferenz auf Rücktrittgerüchte angesprochen wurde. Aber er meinte auch demütig: «Es wäre vermessen, YB anzugreifen.»

Die Zeiten ändern sich. Auf die Young Boys wartet jedoch ein komplizierter Spagat, bestens illustriert durch die erste Woche nach der Länderspielpause: Zuerst geht es am 15. September im Cup zum Challenge-League-Vertreter Schaffhausen, vier Tage später kommt Manchester United, ehe das Heimspiel gegen Basel folgt. Es wird für den (europacuplosen und ausgeruhten) FCB die grosse Gelegenheit sein, ein Zeichen gegen die Trendwende zu setzen. Es kann schnell gehen im Fussball. Zeugen gibt es in Bern und Basel genug. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 01.09.2018, 11:57 Uhr

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