Der Kopf ein bisschen schwer

Der Matchwinner des denkwürdigen Spiels gegen Schachtar Donezk, Yuya Kubo, zeigt nach vollbrachter Tat asiatische Zurückhaltung.

Yuya Kubo wird nach dem Sieg gegen Schachtar Donezk von Fans und Mitspielern gefeiert.

Yuya Kubo wird nach dem Sieg gegen Schachtar Donezk von Fans und Mitspielern gefeiert.

(Bild: Keystone)

Eigentlich hatte er dieser Tage geplant, sich auf das erste Spiel der japanischen Olympiaauswahl gegen Nigeria in Rio de Janeiro vorzubereiten, das in der Nacht auf Freitag ausgetragen wurde.

Stattdessen zählte Yuya Kubo am Mittwoch zu den Protagonisten eines denkwürdigen Fussballabends im Stade de Suisse zu Bern. Mit seinen Toren in der 54. und 60. Minute zum 2:0 gegen Schachtar Donezk egalisierte der 22-jährige Japaner den Rückstand der Young Boys aus dem Hinspiel in Lemberg. Und bei der anschliessenden Penaltylotterie behielt er die Nerven und bezwang Schachtar-Torhüter Andriy Pjatow zum dritten Mal an diesem Abend.

Draussen jubelten sich die YB-Fans in Ekstase. Yuya Kubo stand im Stadiontunnel, der zu den Kabinen führt, und sprach nach diesem aufwühlenden Match in seiner Muttersprache mit einer japanischen Journalistin. Höflich, fast bedächtig, unterhielten sich die beiden ausführlich. Manchmal huschte ein verlegenes Lächeln über das Gesicht des YB-Stürmers.

Um die japanische Journalistin scharten sich immer mehr Schweizer Medienleute, sie brachten sich in Stellung; nervös hantierten sie an ihren Aufnahmegeräten, lauschten angespannt dem Gespräch – und verstanden kein Wort. Vom Tonfall und der Gestik der beiden aus dem Land der aufgehenden Sonne liess nichts darauf schliessen, dass sie über den emotionalen, begeisternden Auftritt der Young Boys sprächen.

Eher machte es den Anschein, als diskutierten sie über neue Bücher in der Bibliothek des japanischen Kulturzentrums in Bern, derart konzentriert und sachlich wirkten sie.

Ein TV-Mann nutzte dann eine Redepause, um eine Frage auf Englisch zu stellen. Doch Kubo schüttelte den Kopf, liess sich die Frage von seiner Landsfrau übersetzen. Erst als ihm Fragen auf Deutsch gestellt wurden, antwortete der Japaner ohne Dolmetscher. Ja, es sei für ihn eine grosse Enttäuschung gewesen, als YB ihm nach der Verletzung von Alexander Gerndt den Flug nach Rio zu seinem Olympiateam verweigert habe, bekannte er.

«Mein Kopf war ein bisschen schwer. Aber ich musste mich auf dieses Spiel gegen Schachtar konzentrieren.» Das ist ihm trotz der für ihn schwierigen Situation ausnehmend gut gelungen, wie seine beiden Tore beweisen. «Jetzt bin ich glücklich», fügte er an.

Ob die Enttäuschung, das Abenteuer Rio mit seiner Olympiaauswahl zu verpassen, immer noch an ihm nagt, war indes schwer zu eruieren. Kubo zeigte asiatische höfliche Zurückhaltung und lächelte. Immerhin bekannte er, dass Familienmitglieder in Japan und Freunde in Gesprächen geholfen haben, den Schlag zu verdauen. Er habe sich sehr auf Rio gefreut, könne aber auch verstehen, dass es für YB nach der Verletzung von Gerndt ein Notfall war.

«Es ist ein Zwiespalt für ihn», meinte YB-Trainer Adi Hütter. «Da ist sein japanischer Enthusiasmus für die Olympischen Spiele. Kubo ist ja nicht der emotionalste Mensch. Aber ich sehe, wie er sich nun innerlich freut, dass er hier geblieben ist und uns geholfen hat.

Das beeindruckt mich.» Und Hütter verbindet mit dem starken Auftritt des Japaners gegen Schachtar auch die Hoffnung, «dass Kubo in Bern nun durchstartet».

Die Suche nach der Balance

So wie man nie so recht weiss, woran man bei YB ist, so verhält es sich auch mit Kubo. Es gibt Spiele, da begeistert er durch Technik, Spielwitz, Tempo und Kaltblütigkeit – wie am Mittwoch. Andererseits gab es auch Auftritte in der Vergangenheit, da Kubo seltsam abwesend wirkte; und er vergab auch schon Riesenmöglichkeiten, wie vor einem Jahr bei der 1:3-Heimniederlage in der Champions-League-Qualifikation gegen Monaco.

Zu Hause habe er sich Mittwochnacht im TV nochmals die Highlights des Spiels angeschaut, erklärte er tags darauf. «Ich habe nach Spielen grundsätzlich Probleme mit dem Einschlafen.» Immerhin sei er danach zu zwei, drei Stunden Schlaf gekommen.

Kubo ist nicht nur daran, sich immer besser im europäischen Fussball zurechtzufinden. Obwohl er noch Zurückhaltung übt, versteht er leidlich gut Deutsch. Zurzeit mache er beim Deutschunterricht eine Sommerpause. Aber er werde danach den Unterricht wieder fortsetzen.

Am Samstag nun folgt die nächste Herausforderung, YB muss gegen den FC Thun beweisen, dass es in der Lage ist, die Balance zwischen Super League und den Einsätzen im europäischen Clubfussball zu finden. Kubo sagte denn auch pflichtbewusst. «Das nächste, sehr wichtige Spiel ist nun das gegen Thun.»

Der Bund

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