«Der ewige Assistent» schweigt eisern

Harald Gämperle lässt sich nicht in die Karten blicken, ob er sich zutraut, bei YB vom Interimscoach zum Cheftrainer aufzusteigen. Am Abend empfangen die Berner Lugano.

Harald Gämperle lobt die Offensivqualitäten von Lugano. Trotzdem ist heute ein Sieg gegen den Aufsteiger Pflicht.

Harald Gämperle lobt die Offensivqualitäten von Lugano. Trotzdem ist heute ein Sieg gegen den Aufsteiger Pflicht.

(Bild: Keystone)

Ruedi Kunz

Medientermin mit Harald Gämperle vor dem heutigen Meisterschaftsspiel YB - Lugano in der Mixed-Zone des Stade de Suisse. Der Interimscoach versucht es sich auf einem Ledersessel bequem zu machen, den Pressechef Albert Staudenmann hurtig organisiert hat. Es will nicht so recht gelingen. Ohnehin macht Gämperle nicht den Eindruck, als habe er die Fragestunde kaum erwarten können. Er war noch nie einer, der sich ins Rampenlicht drängt. Viel lieber, als Journalisten Red und Antwort zu stehen, arbeitet er auf dem Fussballplatz und in der Kabine oder betreibt Videostudien.

Der Ostschweizer ist quasi ein Gegenentwurf zum extravertierten, wortgewaltigen Uli Forte, dessen Funktion er letzten Freitag vorübergehend übernommen hat. Den Unterhalter spielen, ausschweifend erzählen, Anekdoten zum Besten geben: Das sind nicht seine Dinge. Der 47-Jährige antwortet kurz und knapp, sachlich, nüchtern. Aussagen, die Anlass zu Diskussionen, Kontroversen oder Angriffsfläche bieten könnten, versucht er tunlichst zu vermeiden. Auf die Frage nach den angeblichen Differenzen zwischen Forte und seinem Staff mag Gämperle gar nicht erst eingehen.

Den Rollenwechsel vom Assistenten zum Chefcoach will er relativiert haben: «Die Aufgaben sind etwas anders, doch deswegen muss ich mich als Typ nicht verändern.» Er versuche immer einen kühlen Kopf zu bewahren und den Spielern während der Woche zu vermitteln, was sie im Match zu tun hätten. Was sagt Gämperle zur wenig schmeichelhaften Bemerkung eines TV-Reporters, er sei und bleibe der ewige Assistent? «Das ist die Einschätzung eines Journalisten, die ich nicht mitbekommen habe und deshalb auch nicht kommentieren möchte.»

Die nötigen Papiere im Sack

Fehlanzeige auch beim Thema, das derzeit weitaus am meisten interessiert beim BSC Young Boys: Trotz mehrmaligem Nachfragen drückt sich Gämperle um eine klare Stellungsnahme dazu, ob er sich vorstellen könne, in Fortes Fussstapfen zu treten. Es sei nicht an ihm zu entscheiden, ob er für diesen Job geeignet sei, sagt er. Das notwendige Papier, sprich die Uefa-Pro-Lizenz, hat der gebürtige St.?Galler demnächst im Sack. Was einzig noch fehlt: das Abhalten eines Trainings bei einem Super-League-Club unter Aufsicht eines Instruktors.

Was klar ist: Sollte sich Sportchef Fredy Bickel für einen anderen Kandidaten aussprechen, wird Gämperle nicht den Aufstand proben. Ein solches Verhalten passt nun mal nicht zum loyalen Ostschweizer, der stets zur Stelle war, wenn Bickel rief. Im Juni 2000 kam er ein erstes Mal nach Bern, um dem damaligen YB-Trainer Marco Schällibaum zur Seite zu stehen. 2004 folgte er Bickel zum FC Zürich, mit dem er zwei Meistertitel und einen Cupsieg feiern konnte. Nach dem Abstecher zu Hertha Berlin, der mit der Entlassung seines damaligen Chefs Lucien Favre endete, dauerte es nur ein paar Monate, bis das Duo Bickel/Gämperle abermals vereint war.

Wenn Bickel und seine Mitstreiter nicht kurzfristig ihre Meinung ändern, darf sich Gämperle zumindest bis Ende August Interimstrainer nennen. Als solcher bestreitet er heute Abend das zweite Heimspiel innert vierer Tage. Gegner ist Aufsteiger Lugano, der zuletzt gegen GC einen sehr unvorteilhaften Eindruck hinterliess (1:6-Niederlage). Das hindert Gämperle nicht daran, die Tessiner wegen ihrer offensiven Qualitäten über den Klee zu loben. «Sie kombinieren sehr gut.»

Sulejmani wieder dabei

Die personellen Probleme bei YB sind vor der fünften Meisterschaftsrunde nicht kleiner geworden. Guillaume Hoarau muss wegen der roten Karte im Berner-Derby die erste von zwei Spielsperren absitzen, Renato Steffen fällt wegen eines viralen Infekts weiter aus, Loris Benito, Sékou Sanogo und Alexander Gerndt sind verletzt.

Immerhin kann YB wieder auf Miralem Sulejmani zählen, der am Sonntag wegen einer Rotsperre fehlte. Ob der Serbe in die Startformation zurückkehrt, will Gämperle erst heute entscheiden. Er müsse längerfristig planen, da am Samstag bereits der enorm wichtige Cupmatch in Kriens auf dem Programm stehe. Wer von den Rotationen betroffen ist, lässt sich nur erahnen. Erster Anwärter auf die Position der einzigen Sturmspitze ist Haris Tabakovic, der gegen Thun als Einwechselspieler einen guten Eindruck hinterliess. Und was für einen Stürmer das Wichtigste ist: Er schoss ein Tor. «Der Trainer hat mir nicht gesagt, ob ich von Anfang an eine Chance kriege», sagt der 21-Jährige knapp 32 Stunden vor dem Anpfiff.

Das zentrale Mittelfeld dürften wieder Milan Gajic und Leonardo Bertone besetzen, für die Aussenbahnen kommen Gonzales, Nuzzolo und Sulejmani in Frage.

Der Bund

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