Früher belächelt, nun einer der aufregendsten Fussballer der Welt

Beim FC Basel hatte Mohamed Salah einen schweren Start. Dann begann sein unglaublicher Aufstieg. Morgen spielt er im Letzigrund.

Spektakulär, weltklasse: Mit Toren wie diesem wurde Salah zum Weltstar.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Ein 14-jähriger Knabe mit einem Zettel, der ihm erlaubt, bereits um neun Uhr morgens die Schule zu verlassen. Vier Stunden fährt er danach allein mit drei verschiedenen Buslinien nach Kairo, wo um halb drei trainiert wird. Erst abends um zehn, halb elf ist er wieder daheim und schläft meist sofort ein. Die Mutter sorgt sich um seine Zukunft.

Ein kalter Märzabend auf dem Basler Rankhof. 500 Menschen sehen, wie ein 19-Jähriger in einem Testspiel eingewechselt wird und zwei Tore schiesst. Der Junge ist so schnell, dass sich einige die Augen reiben.

Champions League im St.-Jakob-Park, ein weiter Ball aus der Basler Abwehr. Ein 21-Jähriger rennt allen Gegnern davon, lupft den Ball über den Goalie. Das grosse Chelsea ist geschlagen.

36 Tore hat Salah in dieser Saison in 41 Wettbewerbsspielen für Liverpool erzielt. Dazu kommen 12 Assists.

75'000 in Alexandria, ein Einbeiniger tanzt am Spielfeldrand im Kreis, hinter ihm hüpfen Menschen in Rollstühlen, gestandene Männer liegen sich in den Armen und weinen hemmungslos. Soeben hat ein 25-Jähriger Ägypten an die Fussball-Weltmeisterschaft geschossen. Er wird auf Händen getragen.

Liverpool gegen Watford, ein Schritt rechts, ein Haken links, zwei Gegner landen auf dem Hosenboden, drei werden auf dem falschen Fuss erwischt. Der Ball rollt gemächlich ins Tor. Ian Rush, ehemalige Stürmerlegende des FC Liverpool, sagt: «Wir müssen aufpassen, dass keiner kommt und 200 Millionen Pfund für ihn bietet. So gut ist er.»

Ja, so gut ist Mohamed Salah geworden, dass er zu den aufregendsten Fussballern der Gegenwart gehört. 36 Tore hat er in dieser Saison in 41 Wettbewerbsspielen für Liverpool erzielt. Dazu kommen 12 Assists. Die Quote ist so fantastisch, dass der Sommertransfer inzwischen als Schnäppchen durchgeht. ­46 Millionen Franken hat Liverpool an die AS Roma überwiesen.

Das alles kann Georg Heitz nicht ­ahnen, als er fast exakt vor sechs Jahren an einem Sonntagabend an einen charmlosen Ort in der Basler Agglomeration fährt. In einem Dreisternhotel über einer Coop-Filiale trifft der damalige Sportchef des FC Basel einen freundlichen, fast scheuen 19-Jährigen, der seinen Agenten als Übersetzer braucht.

Ein Testspiel als Vorwand

Aber eines, das macht dieser Salah schnell klar: Er will unbedingt wieder Fussball spielen. In seiner Heimat ruht die Liga, nachdem bei Ausschreitungen an einem Match in Port Said 74 Menschen ums Leben gekommen sind. Niemand weiss, wann wieder gespielt wird. Ägypten befindet sich nach der Revolution von 2011 im Ausnahmezustand.


Noch eine Kostprobe: Zwei Tore im gleichen Spiel, einmal die ganze Verteidigung blossgestellt


So wird der FCB indirekter Nutzniesser der Umwälzungen am Nil. Nachdem er Salah an der U-20-WM gesehen hat, organisiert er im März 2012 ein Testspiel gegen die ägyptische Olympiaauswahl. Im Grunde ist die Partie ein Vorwand, um Salah anschliessend eine Woche in Basel testen zu können, ohne dass das in Ägypten hohe Wellen schlägt. Aber dann braucht der Linksfuss nach seiner Einwechslung bloss zehn Minuten, um alle von sich zu überzeugen.

Salah wird zu einem der lukrativsten Transfers der Basler Clubgeschichte, weil er für rund 3 Millionen Franken kommt und anderthalb Jahre später für 20 Millionen zu Chelsea wechselt. Aber auch ­Salah profitiert vom Wechsel. Das sagt er später selbst auf der Website des ­FC ­Liverpool: «Zu 100 Prozent wäre ich ohne den FCB nicht der Spieler geworden, der ich heute bin.»

Beim FC Basel ist er so ­beliebt, dass ihm sogar Alex Frei Nachhilfe im Torschuss anbietet.

Beim Basler Publikum ist Salah rasch beliebt, weil er schnell ist, wendig und nie einem Dribbling abgeneigt. Aber er gilt auch bald einmal als Chancentod, weil seine Bälle kreuz und quer am Tor vorbeifliegen. Gegen aussen wirkt Salah jeweils überaus gelassen, wenn er eine grosse Chance verdaddelt hat. Aber in ihm drin sieht es anders aus. Wie ein Häufchen Elend sitzt er jeweils in der Basler Garderobe, wenn der Ball mal wieder zu hoch geflogen ist.

Heitz erinnert sich an den Neuzugang Salah, der sich selbst enorm viel Druck auflädt. An einen, der denkt, er müsse den europäischen Fussball in drei Monaten erobern. Doch bei allem Ehrgeiz strahlt ­Salah auch eine so ansteckende Fröhlichkeit aus, dass er die Kabine schnell für sich gewinnt. Wobei hilft, dass die Spieler schnell merken, welche Waffe sie dank ihm haben. Wer nicht weiss, wohin mit dem Ball, haut ihn einfach nach vorne. Dort rennt und wuselt Salah und verbreitet beim Gegner Panik.

Die Kabine gewinnt er im Sturm

So beliebt ist Salah, dass ­sogar der nicht als geborener Dienstleister bekannte Alex Frei anbietet, Nachhilfe im Torschuss zu geben. Wenn Salah heute vor dem Tor wirkt, als bringe ihn nichts und niemand aus der Ruhe, dann darf sich also auch der Rekord­torschütze der Schweizer National­mannschaft etwas auf die Schultern klopfen.

Aber natürlich ist vor allem einer verantwortlich für den Aufstieg des bus­fahrenden Teenagers aus einem Dorf 120 Kilometer nordwestlich von Kairo zu einem weltweit begehrten Stürmer: ­Salah selbst. Sein erster Ausflug nach England zu Chelsea ist noch kein Erfolg. Aber in seinen zweieinhalb Saisons in Florenz und Rom bildet er sich vor allem taktisch so sehr weiter, dass er nun die Premier League im Sturm erobert.

In den wenigen Interviews, die er in seiner Basler Zeit gibt, ist er schwer zu fassen. Mal gibt er den Clown, mal flüchtet er sich in Floskeln. Doch etwas ist ­immer spürbar: Er ist sich selber der grösste Antrieb, wenn es darum geht, sich zu verbessern. Vielleicht hilft ihm der eigene Anspruch, um nicht am äusseren Druck zu zerbrechen. Denn in seiner Heimat, da sei Salah längst kein Held mehr, erklärt Marwan Ahmed, Journalist bei der Website «Kingfoot»: «Er ist eine nationale Ikone, der Retter des ägyptischen Fussballs. Auf ihm ruhen die Hoffnungen einer Nation.»

Fussball war in Ägypten immer schon wichtig. Aber seit der Revolution sind die Spiele des Nationalteams noch aufgeladener als zuvor. Als Salah das Land im Oktober in der 95. Minute gegen den Kongo an die WM schiesst, sind für einen Moment alle politischen Differenzen vergessen. «Fussball bringt die ­Nation zusammen», sagt Ahmed.

Der unterlassene Handschlag

Für Heitz geht die Verehrung von Salah noch weiter. Er glaubt, dass der Stürmer der beliebteste Sportler der gesamten arabischen Welt ist. Auch vor diesem Hintergrund muss sein Auftritt 2013 in Tel Aviv gesehen werden. Um dem Handschlag mit den Israelis vor dem Spiel zu entgehen, bindet er sich die Schuhe und sorgt so für viel Aufregung.

Es ist die kontroverseste Szene im ­Leben eines jungen Mannes, der sich sonst darum bemüht, neben dem Feld für möglichst wenig Aufsehen zu sorgen. Für Skandale im Ausgang ist er als stark gläubiger Muslim, der seine Tochter nach dem wichtigsten muslimischen Wallfahrtsort Makka getauft hat, sowieso nicht geeignet. Lieber spendet er für gemeinnützige Projekte in Ägypten. Seine Stiftung unterstützt neben rund 400 Familien in seinem Heimatdorf auch syrische Flüchtlinge.

Für Mohamed Salah ist es ein Gebot seines Glaubens, barmherzig zu sein. Nur vor dem gegnerischen Tor, da hört die Nächstenliebe auf. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.03.2018, 23:39 Uhr

Artikel zum Thema

Mohamed Salah, der All-inclusive-Fussballer

Einst zauberte Mohamed Salah beim FC Basel, heute gehört er zu den aufregendsten Spielern der Premier League. Die Geschichte eines Aufstiegs mit Umwegen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Kommentare

Die Welt in Bildern

Das grösste Tier der Erde: Ein Besucher des Royal National Parks, südlich von Sydney, Australien, betrachtet einen toten Wal, der an die Wattamolla Beach angespült wurde. (24. September 2018).
(Bild: Dean Lewins) Mehr...