Der Anführer ist nun auch Captain

Christoph Spycher sieht seine neue Rolle bei den Young Boys als Zeichen der Wertschätzung. Sonderrechte will der 35-Jährige deswegen nicht.

Der neue YB-Captain Christoph Spycher (rechts) mit der erweiterten Führungsriege des Teams: Neuverpflichtung Steve von Bergen und Ersatzcaptain Marco Wölfli.

Der neue YB-Captain Christoph Spycher (rechts) mit der erweiterten Führungsriege des Teams: Neuverpflichtung Steve von Bergen und Ersatzcaptain Marco Wölfli.

(Bild: Keystone)

Ruedi Kunz

Die Ernennung von Christoph Spycher zum Captain lag auf der Hand. Kein anderer YB-Spieler verfügt über annähernd gleich viel Erfahrung wie der 35-Jährige aus Oberscherli. Keiner hat so viel Charisma und so viel Sozialkompetenz wie der 47-fache Nationalspieler, keiner das Teamdenken so verinnerlicht. Und nicht zu vergessen: Kein anderer spielte in den letzten beiden Seuchenjahren der Berner ähnlich konstant wie der einstige Bundesliga-Profi (Eintracht Frankfurt).

Trainer Uli Forte brauchte darum keine lange Überlegungszeit, als es um die Captainwahl ging. «Christoph Spycher nimmt bei uns eine vergleichbare Rolle ein, wie sie Veroljub Salatic letzte Saison bei GC innehatte. Er ist der Chef auf dem Platz.»

«Besondere Herausforderung»

Spycher weiss um seine Wichtigkeit innerhalb des Teamgefüges. Es käme ihm aber nicht in den Sinn, deswegen auf die Mitspieler hinunterzublicken oder sich Sonderrechte auszubedingen. «Ein guter Captain ist ein Teamplayer», sagt er bestimmt.

Das neue Amt betrachtet Spycher als «besondere Herausforderung» und «Zeichen der Wertschätzung». Grundsätzlich ändere sich für ihn nicht viel, auch wenn er jetzt die Captainbinde trage. «Ich habe schon immer Verantwortung übernommen.» Wie wahr: Spycher ist einer der ganz wenigen YB-Akteure, die mit gutem Recht behaupten können, sie seien Führungsspieler gewesen in den vergangenen drei Jahren. Als er im Spätherbst wegen einer Knieoperation für mehrere Monate ausfiel, zerfiel die ohnehin unkonstante Mannschaft zusehends in Einzelteile.

«Nicht auf der To-do-Liste»

Einen solchen Absturz kann sich YB kein zweites Mal leisten. Wenige Tage vor dem Saisonstart tönt Spycher wie alle anderen YB-Spieler ausgesprochen zuversichtlich, wenn man ihn auf das Team-Innenleben anspricht. «Wir sind in den vergangenen drei Wochen zu einer Einheit zusammengewachsen auf dem Platz.» Auch neben dem Platz macht er eine positive Stimmung aus. Als Beispiel nennt er die rasche Integration des Japaners Yuya Kubo, der noch kaum ein Wort Deutsch und Englisch spricht.

Andere junge Spieler wie Marco Bürki, Michael Frey und Haris Tabakovic hätten ihn nach dem Training zum Essen oder zu einem Kaffee mitgenommen. Was die Kommunikation betrifft mit Kubo, ist auch der mehrsprachige Spycher rasch an seine Grenzen gestossen: «Japanischlernen steht nicht auf meiner To-do-Liste.»

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«Sehr, sehr intensiv»

Spycher steht vor seiner 16. Saison als Profi. Entsprechend gross ist sein Erfahrungsschatz – auch was die Vorbereitung angeht. Die aktuelle unter der Leitung von Forte bezeichnet er als «sehr, sehr intensiv». Sie seien oft gegen zwei Stunden am Stück auf dem Trainingsplatz gestanden, und der Coach habe «sehr hohe Ansprüche an die Spieler». Forte fordere aber nicht nur viel, sondern suche auch die Nähe zu den Spielern, ohne anbiedernd zu wirken. «Er ist authentisch und hat eine hohe Sozialkompetenz», ist Spycher aufgefallen.

Der Könizer ist guten Mutes, dass es dem temperamentvollen Zürcher gelingen wird, das zuletzt arg schlingernde YB-Schiff wieder auf Kurs zu bringen. Wenn es die Mannschaft schafft, die Vorgaben des Trainers umzusetzen (Anm. der Redaktion: Forte will mit YB «einen dynamischen, vorwärtsorientierten Fussball» spielen), so werde sie einen Schritt nach vorne machen.

Titelträume sind tabu

Wie gross ist dieser Schritt? Reicht er bis zum Meistertreppchen? Spycher winkt energisch ab. «Das Wort Titel dürfen wir nach dem Absturz in der letzten Saison nicht in den Mund nehmen.»

Der zweifache Familienvater traut sich zu, in seiner möglicherweise letzten Profisaison nochmals eine prägende Rolle zu übernehmen. Doch lässt sein Problemknie überhaupt noch solches zu? Spycher bejaht. Er habe während der intensiven Vorbereitungszeit keinerlei Schmerzen verspürt im operierten Knie. «Mein Körper hat auf die Belastungen super reagiert.»

Sollte er wider Erwarten wieder Schmerzen verspüren, wäre das für die Young Boys fast so schmerzhaft wie für den Spieler selber.

Der Bund

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