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Das Missverständnis

Michael Silberbauer hat man in Bern einst aufgetragen, YB zu einem Titel zu führen. Am Mittwoch ist er mit dem FC Luzern zu Gast im Stade de Suisse – als Video-Assistent im Trainer-Staff.

Mit den Erwartungen bei YB vermochte Michael Silberbauer, hier während eines Spiels der U-21 im Oktober 2013, nie ganz Schritt zu halten.
Mit den Erwartungen bei YB vermochte Michael Silberbauer, hier während eines Spiels der U-21 im Oktober 2013, nie ganz Schritt zu halten.
Anliker

Der Königstransfer und sein Wegbereiter, sie lächelten in die Kameras. Es war der 20. April 2011 und Michael Silberbauer setzte sich in einer edlen Loge des Stade de Suisse für seinen ersten Pressetermin in Diensten der Young Boys an diesen langen, dunklen Tisch, ihm gegenüber der damalige YB-Manager Ilja Kaenzig. Symbolisch unterschrieb Silberbauer ein Papier. Dann ein Spruch, ein Lachen, ein Händedruck. Dass sein echtes Arbeitspapier, sein Vertrag, in der Zeit bei den Bernern der Stein des Anstosses sein würde, ahnte damals noch niemand.

Es ist viel passiert in diesen sechs Jahren, bei YB sowieso, aber auch im Leben des Michael Silberbauer. Der Bart ist grau, das Deutsch markant besser geworden. Es ist September 2017, am Pilatus kleben Wolken wie lästige Erinnerungen, der Däne sitzt in einem etwas dunklen Raum der Swisspor-Arena, trägt einen Trainingsanzug des FC Luzern, wippt auf seinem Stuhl hin und her und sagt: «Ich habe keine Eile mehr. Ich muss und will nicht weg von hier, ich fühle mich geschätzt, bin zufrieden.»

36 ist Silberbauer heute, er arbeitet beim FCL als erster Videoanalyst und zweiter Assistenztrainer. Zwischen den Szenen in Bern und Luzern liegt eine turbulente Zeit, zu der jeder der Protagonisten seine eigene Wahrheit hat. Die einen finden, dass YB damals die Katze im Sack gekauft hat und dass die einzigen, die am Ende davon profitiert haben, Silberbauers Berater sind. Andere bezweifeln, dass er während seiner Zeit bei den Young Boys überhaupt je im Vollbesitz seiner Kräfte war. Fest steht: Michael Silberbauer hat in seinen knapp drei Jahren bei YB erlebt, was andere Profis nicht in drei Karrieren erleben würden.

Der Mittelfeldspieler war schon länger auf dem Radar von Kaenzig. Irgendwann wollte es Trainer Vladimir Petkovic genauer wissen. Anruf Petkovic: «Michael, kannst du in meiner Mannschaft vor der Abwehr Bälle erobern und verteilen?» Antwort Silberbauer: «Das kann ich, ja.» So erzählt er das heute. Doch als er im Sommer 2011 die ersten Spiele für YB bestritt, war Vladimir Petkovic weg, entlassen – und bei den Young Boys Christian Gross am Ruder.

Nun, das YB, welches Silberbauer damals verpflichtete, war generell ein ziemlich forsches YB. Nach der zweiten Finalissima-Niederlage 2010 kündigte man vollmundig Titel an, mit CEO Kaenzig und Trainer Gross wurden sogenannte Garanten darauf verpflichtet – kosten durfte alles, was es wollte. Silberbauer wurde als letztes Puzzlestück für eine starke, aber noch führungslose Mannschaft gepriesen. In Dänemark war er dreimal Meister geworden, in Utrecht Captain und Leistungsträger, in der Nationalmannschaft verbuchte er damals 19 Einsätze. Etwas schüchtern sagte Silberbauer bei seiner Vorstellung in der Loge, hoch über dem Rasen: «Ja, Titel gehören auch zu meinen Zielen.»

Dem Versprechen an den entlassenen Petkovic kam er in diesen ersten Saisonwochen nach. YB glänzte kaum je, war aber hinten stabil. Dann begann Gross, seine Nummer 6 öffentlich zu kritisieren, verlangte von ihr mehr Einfluss auf die Offensive. «Ich war nie ein Spieler, der 10, 15 Saisontore schiesst», sagt Silberbauer heute und zuckt mit den Schultern.

Zu schreiben, Michael Silberbauer würde gerne über seine Zeit bei YB sprechen, wäre übertrieben. Weil er aber ein höflicher, aufmerksamer Gesprächspartner ist, beantwortet er Fragen gewissenhaft und formuliert halt dann Sätze, die die Zeit bei YB betreffen, mit noch mehr Bedacht als sonst schon. Viel lieber, viel freier spricht er von seiner Gegenwart in Luzern, über die Stadt und ihren Verein, eine keineswegs immer leichte, aber eine «leidenschaftliche, echte» Beziehung. Er erzählt von der neuen Aufgabe, seiner Wandlung, wie er sich «mehr und mehr das Trainerdenken» angeeignet habe, damals, neben Joel Magnin in der U-21 bei YB.

Im goldenen Käfig

Und schon ist man wieder mittendrin in der Vergangenheit. Denn das eigentlich Unerhörte an der Causa Silberbauer, das, was die Geschichte endgültig zur Posse machte, war die Verbannung in den Nachwuchs. Silberbauers Leistungen hatten weiter stagniert, der Unmut um seine Person wurde grösser. Im September 2012 verlieh ihn YB nach Dänemark zu Odense.

Bei seiner Rückkehr im Sommer 2013 durfte er nicht mehr mit der ersten Mannschaft trainieren. «Niemand konnte den Entscheid vor mir begründen», sagt Silberbauer. Der Königstransfer in der U-21, ein Top-Verdiener der Super League unter Fussball-Lehrlingen. Tendenz des Marktwerts: rapide sinkend. Die Situation war festgefahren. Die Berater des Dänen sollen sich wenig kooperativ gezeigt haben. «Alle haben sich gegenseitig beschuldigt. Der Trainer, der Sportchef, meine Berater.»

Immerhin: Silberbauer sass im goldenen Käfig. Gegen 40'000 Franken soll er pro Monat verdient haben. Monatelang ging das Geplänkel hin und her. «Ich war kein Youngster mehr. Die Vertragsauflösung zu den Bedingungen von YB konnte ich nicht akzeptieren», sagt Silberbauer. Ein Jahr dauerte es bis zur Einigung. YB bezahlte den Dänen aus, er wechselte zu Biel. Dass er dort ausgerechnet mitten in die verrückteste Phase der Vereinsgeschichte rutschte, ist eine fast zynische Laune des Schicksals. 23-mal lief er in der Challenge Leauge auf, bevor er mit Patrick Rahmen das Weite suchte.

Wenig später ging der Verein unter dem wilden Wirken von Präsident Häfeli pleite. Das alles ist weit weg vom Luzerner Presseraum, vom roten Trainingsanzug, vom Auftritt vom Mittwoch im Stade de Suisse. Die Gegenwart zählt für den Familienvater und natürlich die Zukunft. Ist denn die Heimat kein Thema mehr? «Bis meine Tochter zur Schule geht, bleiben wir flexibel», sagt er. Erst einmal will er in Luzern bleiben. Nebenher sein Finanzwirtschaftsstudium zum Abschluss bringen und die Trainerausbildung vorantreiben. Letzte Frage: Wer wird Meister? «YB», sagt Silberbauer.

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