Das klassische Thuner Gesicht

Zäh und effizient: Die Berner Oberländer verdienen sich das 2:0 in Luzern.

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Peter M. Birrer@tagesanzeiger

Nikki Havenaar ist vorzüglich gelaunt, er tänzelt durch den Kabinengang Richtung Garderobe. Hinter ihm liegt ein Nachmittag, den er entscheidend mitgeprägt hat. Mit beeindruckenden Grätschen, mit erfolgreichen Kopfballduellen – und vor allem: mit einem Treffer.

In diesem Sommer kam der 24-Jährige aus der Challenge League vom FC Wil ins Berner Oberland, erhielt zum Auftakt in diese Saison seine ersten drei Einsatzminuten in der Super League gegen Xamax, ehe ihm in Lugano und gegen Basel nur die Rolle des Zuschauers blieb. Aber an diesem Sonntag in Luzern sind seine Dienste erstmals über die volle Distanz gefragt. Er leistet einen markanten Beitrag dazu, dass es im vierten Anlauf zum ersten Sieg in der Meisterschaft reicht.

Der Trainer jammert nicht

Bevor die Mannschaft in die Zentralschweiz aufbricht, verbreitet ihr Trainer Marc Schneider Zuversicht. Die Teilnahme an der Europa-League-Qualifikation ist für ihn kein Grund, wegen der zusätzlichen Belastung zu jammern, er klagt auch nicht, weil ihm ein Teil seines Personals verletzungsbedingt nicht zur Verfügung steht. «Wir sind bereit», sagt er, «die Spieler können die Anstrengungen wegstecken. Wir dürfen nur keine Geschenke verteilen wie am Donnerstag gegen Spartak Moskau.» Und: «Es wird auf die Mentalität ankommen, ob wir uns durchsetzen.»

Tatsächlich kommt eine Mentalität zum Vorschein, die Schneider Freude bereitet. Er sieht eine Gruppe, die ausgesprochen solidarisch auftritt, unaufgeregt, die unangenehm für einen Gegner ist, der am Donnerstag ebenfalls europäisch zu tun hatte und beim 0:3 gegen Espanyol Barcelona chancenlos war.

Und nach einer halben Stunde rückt eben dieser Havenaar in den Mittelpunkt, der zwei Meter grosse Hüne, der holländische Wurzeln hat, aber in Japan geboren ist und nur den japanischen Pass besitzt. Seine primäre Aufgabe besteht darin, Abwehrarbeit zu verrichten, mit seiner imposanten Statur ist er vor allem in der Luft kaum in Bedrängnis zu bringen. In Luzern aber zeigt sich, dass er sehr wohl noch andere Qualitäten als das Kopfballspiel besitzt. Nach 33 Minuten taucht er im Luzerner Strafraum auf und bringt Thun nach einer perfekten Flanke von Matteo Tosetti in Führung.

Nur, Havenaar möchte sich nicht selber rühmen. «Der Treffer gehört zu 95 Prozent Tosetti», sagt er, «nach dieser Vorlage konnte ich ja praktisch nichts mehr falsch machen.» Die Szene ist auch ein Beleg dafür, dass sich Havenaar mit seinen Kollegen bestens versteht. Hinterher erzählt er, wie er den Blickkontakt mit Tosetti gesucht und ihm signalisiert hat, dass er im Sechzehner in Position läuft – «Tosetti hat das registriert und dann genau das gemacht, was ihn extrem auszeichnet.»

Faivres starke Paraden

Luzern steigert sich und kommt zu Chancen. Blessing Eleke hat eine, Francesco Margiotta die nächste. Aber die beiden Offensivkräfte scheitern, weil Goalie Guillaume Faivre bestens aufgelegt ist. Seine starke Leistung rundet er kurz vor Schluss mit einer Parade gegen Pascal Schürpf ab. Die Phase nach der Pause ist jener Abschnitt der Partie, der Schneider nicht gefallen hat: «Wir hatten Mühe und benötigten Glück.»

Das Team fängt sich aber auf, findet wieder zu seiner Organisation und erteilt den Luzernern vor 9639 Zuschauern eine Lektion in Sachen Effizienz. In der Nachspielzeit erhöht der eingewechselte Chris Kablan auf 2:0 - ausgerechnet Kablan, der einstige Luzerner Junior. «Wir haben die bekannte Thun-Mentalität gezeigt», sagt Havenaar, «wir haben trotz müden Beinen eine starke kämpferische Leistung abgeliefert.»

Der Erfolg lässt die Verantwortlichen fürs Erste durchatmen. «Es ging alles sehr gut auf. Dieses 2:0 nimmt etwas Druck weg», sagt Sportchef Andres Gerber, «und wir haben einen ruhigen Wochenstart vor uns.» Schneider bilanziert: «Wir zeigen langsam wieder das Thuner Gesicht.» Und meint damit, ähnlich wie Havenaar, die Qualität, zäh zu sein, solidarisch, unnachgiebig.

Selbstbewusst nach Moskau

Bereits morgen Dienstag brechen die Thuner wieder auf, diesmal ist Moskau ihre Destination. Dort wollen sie sich am Donnerstag gegen Spartak für das Europa-League-Playoff qualifizieren. Als aussichtslos betrachten sie das Unterfangen jedenfalls nicht, trotz des 2:3 im Hinspiel. «Ich bin überzeugt, dass wir das schaffen können», meldet Schneider, «die Partie gegen Luzern muss uns vor allem eines zeigen: Wenn jeder seinen Job zu hundert Prozent erledigt, können wir einiges erreichen.»

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