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«Das ist ein permanentes Abenteuer»

Seit 2009 ist Andres Gerber Sportchef beim FC Thun. Im Schatten der Grossclubs und notorisch klamm auf dem Transfermarkt ist das keine einfache Aufgabe.

Entspannter als auch schon – aber noch lange nicht entspannt: Die Lage bei Andres Gerber und dem FC Thun.
Entspannter als auch schon – aber noch lange nicht entspannt: Die Lage bei Andres Gerber und dem FC Thun.
Valérie Chételat

Herr Gerber, müssen Sie manchmal lachen, wenn Sie Zeitung lesen?

So oft lese ich sie nicht, aber warum meinen Sie?

Weil viele aufgeregt von den jungen Sportchefs Streller und Spycher berichten, während Sie vor bereits acht Jahren direkt vom Spielfeld in diese Funktion aufgestiegen sind.

Das ist halt immer eine Frage der Wahrnehmung. Über uns etwa wird Jahr für Jahr gleich berichtet. Und durchaus auch positiv.

Aber kann man sagen, dass in der Arbeit von Christoph Spycher auch ein wenig Andres Gerber steckt? Schliesslich prägen den Höhenflug von YB auch Spieler mit, die Sie einst für Thun entdeckt haben.

Klar, das kann man so sehen. Aber in unserer Branche schaut man sich jetzt nicht direkt etwas ab, sondern macht einfach seine Erfahrungen. Das gilt für Christoph Spycher, das galt und gilt noch immer für mich. Er ist intelligent, kennt sich aus und wirkt glaubwürdig. Er braucht sich nicht viel abzuschauen.

Ist ein starkes YB für Thun gut, schlecht oder schlicht nicht wichtig?

Das ist nicht so wichtig für uns. Die Leute, die sich im Raum Bern für Fussball interessieren, haben Stellung bezogen. Viele waren für YB und blieben das auch, als der FC Thun in der Super League erschien. Das finde ich gut. Und doch kommt uns auch aus YB-Kreisen viel Wohlwollen entgegen. Die Leute sagen: «Ihr könnt immer gewinnen, einfach lieber nicht gegen YB.» Und im Oberland haben wir unsere Fanbasis . . .

. . . wobei es auch im hintersten Simmental viele YB-Fans gibt . . .

. . . klar, das leuchtet auch ein. Thun gibt es auf dieser Stufe seit 15 Jahren, YB seit über 100. Hinzu kommt, dass es bestimmt gerade einfacher ist, YB-Fan zu sein, als auch schon. Doch was wir als Allerletztes wollen, ist jammern.

Sportlich blicken Sie nicht auf die einfachste Woche zurück: Cup-Out beim FCZ nach 3:1-Führung, null Punkte gegen St. Gallen nach starker Leistung. Was schmerzt mehr?

Die Niederlage gegen St. Gallen. Weil die Meisterschaft die höhere Bedeutung hat, weil mit drei Punkten mehr in der Tabelle alles etwas anders aussähe. Das Aus im Cup ist vom Verlauf her enorm bitter. Aber das ist eine wichtige Erfahrung für die jungen Spieler. Das musst du mal erlebt haben. Ich merke, wie das Team Woche für Woche lernt, es tut sich enorm viel. Ich verstehe schon, dass das für die Fans sehr bitter war. Thun-Fan, das ist hardcore, da musst du tough sein.

Geniesst denn der FC Thun nicht mehr Kredit als etwa das grosse, aber lange titellose YB?

Vielleicht in der Öffentlichkeit. Aber bei uns ist es nicht wie bei andern, wo du vielleicht ab und zu mal um einen Titel spielst und mal einen teuren, guten Namen verpflichtest und der Abstieg kein Thema ist. Hier geht es um die Existenz, um viele Arbeitsplätze, um eine ganze Juniorenabteilung. Das ist ein anderer Druck, das merke ich auch an mir selber.

Inwiefern?

Eine gewisse Anspannung ist ständig spürbar.

Ist das als Sportchef nicht bei fast jedem Club so?

Ich denke, das hier ist eine andere Anspannung. Der FC Thun ist ein permanentes Abenteuer. Du musst hart, du musst stark sein. Es gibt immer wieder Enttäuschungen und Frust, und du musst dich dann hinstellen und dir möglichst nichts anmerken lassen. Das sind grosse Herausforderungen.

Wie auch die aktuelle Phase mit zehn Verletzten. Fragen Sie sich manchmal: Warum gerade wir?

Wir dürfen nicht in die Opferrolle fallen und uns über den Spielplan, den Schiedsrichter, den Zuschauerrückgang beklagen. Der Trainer hätte es ja einfach, er könnte sagen: Wie soll ich mit diesen Absenzen einen Cup-Viertelfinal in Zürich gewinnen? Aber das wäre nicht typisch FC Thun.

Was man in dieser Situation ebenso wenig brauchen kann: eine Torhüterfrage. Nach den zwei groben Fehlern gegen St. Gallen wirkte Francesco Ruberto auch gegen Zürich nicht sattelfest.

Die Diskussion ist jetzt da. Aber wir wollen Ruberto nun stärken, das ist jetzt das Beste für ihn und für uns. Er hat Schuldgefühle, steht im Fokus. Er muss jetzt unser Vertrauen spüren.

Verständlich, dass in dieser Situation der Trainer kein Thema ist. Hat ein Trainer in Thun eigentlich eine längere Gnadenfrist?

Gegenüber Sion vielleicht schon (lacht). Aber die Mannschaft war zuletzt super eingestellt, hat Tore erzielt, die Leistungen stimmten über weite Strecken. Wir haben in der Vergangenheit auch schon bewiesen, dass wir handeln, wenn es nicht mehr stimmt. Wir sind uns unserer Verantwortung bewusst und sind nicht einfach nur liebe Mitspieler.

Vor einem Jahr sagte Präsident Markus Lüthi: «Unsere Lage ist so ernst wie nie zuvor.» Der Club stand kurz vor dem Konkurs. Heute ist die Situation sicher entspannter.

Entspannter, ja. Aber von einer entspannten Lage sind wir noch weit weg.

Müssen Sie der Stadt das Darlehen von einer halben Million Franken eigentlich zurückzahlen?

Ja, das ist so vereinbart.

Bald ist wieder Transferphase. Für Sie die Zeit der Existenzsicherung?

Natürlich, ich bin schon am Planen, nicht nur für die Rückrunde, auch für nächste Saison. Spieler wie Tosetti, Rapp, Spielmann, Lauper – die stehen doch längst wieder in jedem Notizbuch. Aber so geht es allen Vereinen, ausser dass halt der FC Basel für seine Verkäufe mehr Geld bekommt. Wir sind einfach weiter hinten in der Nahrungskette. Kriens ärgert sich über Thun, wir über YB und die vielleicht über Freiburg.

Aber im Budget sind 1–2 Millionen Transfererlös fix eingeplant?

Unser Ziel ist es, ohne diese Einkünfte zu budgetieren. An diesem Punkt sind wir jedoch noch nicht angelangt.

Rund um die ausufernden Ablösen wurde auch ein Transferfenster diskutiert, das vor dem ersten Spieltag schliesst. Das würden Sie bestimmt willkommen heissen?

Die Phase wird dann vorher vielleicht noch etwas verrückter. Aber immerhin wäre sie kürzer. Und wenn die Saison schon angelaufen ist und du dann deinen Schlüsselspieler verlierst, ist es schon sehr unangenehm.

Sie sind seit bald zehn Jahren beim FC Thun. Haben Sie nie an einen Wechsel gedacht?

Nur, wenn ich danach gefragt werde. Der Gedanke daran ist so weit weg.

Warum denn? Sie sind jetzt 44, Ihre Arbeit hat Begehrlichkeiten geweckt, gerade schlägt sich St. Gallen ohne Sportchef durch die Saison.

Es gab schon Anfragen, es gibt immer wieder Gerüchte. Aber da habe ich noch nie lange überlegen müssen. Ich trage hier eine grosse Verantwortung, und es gefällt mir nach wie vor sehr gut.

Haben Sie einen Adventskalender?

Nur den von meinen Kindern.

Wenn Sie einen hätten: Was wünschten Sie sich fürs erste Türchen?

Ein Sieg gegen YB.

Und hinter dem letzten, sozusagen Ende Saison?

Dass wir oben bleiben. Das ist existenziell.

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