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Das Hoch über Monaco

Der russische Multimilliardär Dmitrij Rybolowlew hat die AS Monaco in kurzer Zeit an Europas Spitze geführt – mit kalten, manchmal aber auch recht barocken Methoden.

Der grösste Name im Spieler-Portfolio der AS Monaco: Radamel Falcao.
Der grösste Name im Spieler-Portfolio der AS Monaco: Radamel Falcao.
Keystone

Wenn Dmitrij Rybolowlew auf der Terrasse seines Penthouses im Palais «La Belle Epoque» in Monaco steht, der offenbar teuersten Wohnung der Welt, und geradeaus schaut, sieht er nur Meer. Liegt er da am Schwimmbad, einem so genannten Infinity-Pool, ist es, als liefe das Wasser des Bassins direkt über ins Wasser des Mittelmeers. Nahtlos, endlos, tief blau.

Es ist eine hübsche Illusion, Superreichen vorbehalten. Und vielleicht kommt es dem russischen Multimilliardär ja so vor, als sei der Erfolg, den er nun im Fussball feiert, auch so ein wahr gewordener Traum. Wobei man gleich anfügen muss, dass Dmitrij Rybolowlew aus Perm, 50 Jahre alt, nicht der Ruf vorauseilt, ein besonders romantischer, verträumter Mensch zu sein. Eher im Gegenteil. Seit 2011 ist er Besitzer und Präsident von AS Monaco, dem Halbfinalisten in der Champions League und Gegner von Juventus Turin. In diesen fünfeinhalb Jahren führte er den Verein mit kalter Methode und reichlich Geschäftssinn von ganz unten nach ganz oben. Fussball war ihm davor fremd. Für einen Euro gab es den Club

Rybolowlew schlug zu, als der Verein am Boden lag. Abgestiegen in die Ligue 2, Frankreichs zweite Liga, dort ans Tabellenende abgerutscht. Für einen symbolischen Euro gab es die Association Sportive, so aussichtslos war deren Lage. Fürst Albert II., selber ein grosser Sportfreund, gab die Kontrolle über den Club erstmals in der Geschichte aus der Hand der Grimaldis und begnügte sich mit einem Drittel der Anteile. Das gab viel zu reden in Monaco. Es wurde auch spekuliert, Rybolowlew habe den Verein nur gekauft, weil er sich ausrechnete, dass man ihm den monegassischen Pass geben würde. Und davon versprach er sich offenbar mehr Schutz vor der Justiz, Steuerfahndern und einem allfälligen Rachegriff Wladimir Putins. Es ist eine barocke Geschichte, die diesen diskreten Geschäftsmann mit der frischesten, fröhlichsten und wohl sympathischsten Mannschaft aus dem Quartett von Europas besten Vereinen dieser Saison verbindet. Als Jugendlicher spielte Rybolowlew Eishockey, das war in Perm immer schon grösser als Fussball. Seine Eltern waren Ärzte, Mittelschicht. Dmitrij studierte ebenfalls Medizin und spezialisierte sich in Kardiologie. Praktizieren sollte er aber nie.

Es waren die Jahre des grossen Wandels. Die Sowjetunion fiel auseinander, und mit ihr kollabierte das alte System. Die Rybolowlews, Vater und Sohn, hatten mit einer Firma für elektromagnetische Behandlung etwas Geld gemacht. Der Junior ersann für sich schon früh eine grosse Laufbahn und trachtete dafür nach dem örtlichen Bergbaukonzern, der Uralkali, die mit Dünger handelt. Man erzählt sich, er habe den Mitarbeitern Wodka und Ladas gegen ihre Anteile geboten, bis er die Mehrheit an der Firma besass.

Uralkali wurde zum Weltkonzern. Aus eigener Kraft habe er das geschafft, erzählt er, wenn er sich, was selten passiert, mal mit Journalisten unterhält. Er mag es deshalb nicht, wenn man ihn einen Oligarchen nennt, einen Günstling des Systems. In der Heimat wurde er als «Kali-König» bekannt. Elf Monate sass er da im Gefängnis, weil man ihn bezichtigte, den Mord an einem Geschäftsrivalen in Auftrag gegeben zu haben. Später wurde er vollständig entlastet. Die Erfahrung hat ihn gezeichnet. Für seine Freunde ist sie der ultimative Beleg dafür, dass er kein Oligarch ist. Mitte der Neunziger Jahre zog Rybolowlew mit seiner Frau nach Genf, um sich dem postsowjetischen Chaos und dessen unwägbaren Fährnissen zu entziehen. Auch Jelena, seine Frau, sollte bald weltberühmt werden, was dem Gatten nicht eben zum Ruhm gereichte.Anwesen von Donald Trump

Er hatte sie an der Universität in Perm kennengelernt. Sie heirateten früh, bekamen zwei Töchter. Rybolowlew war oft weg von zuhause, nicht nur beruflich. Während des langen Rosenkriegs räumte Rybolowlew ein, dass er wahrscheinlich «nicht der ideale Ehemann» gewesen sei. Sie nannte ihn einen «serienmässigen Betrüger» und forderte die Hälfte des Vermögens, über vier Milliarden Euro. In erster Instanz bekam sie das Geld tatsächlich zugesprochen. In der Presse lief die Geschichte unter dem Schlagwort «Jahrhundertscheidung». In zweiter Instanz wurde die Entschädigung auf 564 Millionen Euro reduziert. Die beiden einigten sich dann in einem Vergleich, über dessen genauen Inhalt nie etwas publik wurde.

2010 verkaufte Rybolowlew Uralkali. Angeblich hatte ihn Putin dazu gedrängt, ja gezwungen. Da war plötzlich noch mehr Geld für Luxusimmobilien. Rybolowlew kaufte unter anderem das Anwesen «Maison de l’ Amitié» in Palm Beach, Florida. Für 95 Millionen Dollar, in Cash. Der Verkäufer hiess Donald Trump, und der posaunte danach: «It was a great deal.» Er, Trump, sei nun einmal ganz super in Immobiliengeschäften. Nun, offenbar ist Rybolowlew darin noch superer, Trump hatte sich nämlich 125 Millionen erhofft.

Zum Fussball kam Rybolowlew zufällig. Als Roman Abramowitsch, seinerseits ein lupenreiner Oligarch, 2003 den FC Chelsea gekauft hatte, reiste Rybolowlew nach London, um sich das einmal anzuschauen. Er setzte sich nicht auf die Ehrentribüne an der Stamford Bridge, wie er es seinem Biografen Arnaud Ramsay erzählte, er stellte sich mitten in die Fans. Um die Emotionen zu spüren. Von da an habe er gewusst, dass auch er einmal einen Fussballverein besitzen würde. Er mietete sich eine Loge im Old Trafford und schaute sich viele Heimspiele von Manchester United an, um den Sport besser zu verstehen. So jedenfalls geht die Legende.

Als die AS Monaco zum Verkauf stand, meldete er sich sofort. Monaco sei sein Traumland, sagte er dem Magazin «Paris Match», er liebe das Klima an der Riviera, die gute Lebensqualität. Vielen reichen Russen geht es so. Der zwei Quadratkilometer kleine Flecken, 38 000 Einwohner, bietet überdurchschnittlich viel Bling-Bling und Status, Casinos und Clubs und günstige Steuerverhältnisse. Doch seine frühere Frau habe sich immer gegen einen Umzug gesträubt. Nun war er ja frei, und Geld hatte er auch. Monaco holte Claudio Ranieri als Coach und einige Spieler, die heillos überqualifiziert waren für das Niveau der Ligue 2. Nach anderthalb Jahren stieg man auf. Rybolowlew aber wollte viel mehr. Man stellte ihm den portugiesischen Spielervermittler Jorge Mendes vor, so etwas wie der Castingdirektor des Fussballzirkus.

Und der sorgte gegen hohe Kommissionen und 130 Millionen Euro Transfergelder dafür, dass gleich fünf grosse Namen aus seinem Karteikasten nach Monaco wechselten: Moutinho, James, Carvalho, Fabinho und – vor allem – Radamel Falcao. Man wunderte sich, warum der kolumbianische Mittelstürmer, um den damals alle grossen Vereine Europas warben, ausgerechnet nach Monaco zog, wo durchschnittlich 7500 Zuschauer ins Stadion kommen. Ein Grund war wohl das hohe Nettosalär: In Monaco gibt es keine Einkommenssteuer. Selbst über Cristiano Ronaldo, die Hauptaktie in Mendes’ Portfolio, soll schon verhandelt worden sein.

Die Geschäftsbeziehungen zwischen Rybolowlew und Mendes sind offenbar enger, als das Gesetz es vorsieht. Aus den «Football Leaks» ging hervor, dass die beiden auf Zypern heimlich einen Investmentfonds mit dem schönen Namen Browsefish Limited unterhielten, in dem sie die Rechte an Spielern gebündelt hatten. So soll es schon vorgekommen sein, dass Rybolowlew beim Spielerkauf die Interessen unbotmässig vermengte. Überhaupt scheint der Mercato ein besonders interessantes Geschäft zu sein. In der relativ kurzen Ära Rybolowlew tätigte Monaco 197 Transfer- und Leihoperationen.Die Leiden des Fürsten

Seit zwei Jahren konzentriert sich Monaco nun auf die Förderung von jungen, talentierten Spielern, die eine Weile im europäischen Schaufenster ihre Kunststücke vorführen dürfen und dann teuer verkauft werden. Acht von elf Stammspielern sind unter 23 Jahren, für alle gibt es interessante Offerten. Unter ihnen Kylian Mbappé, das neue Wunderkind. Der ist erst 18 und schon 100 Millionen Euro wert. So geht die Rechnung jedes Clubbesitzers auf. Und weil Rybolowlew der Romantik ganz entsagt, lässt er auch die Lieblinge des Publikums locker ziehen und holt dann neue.

Bisher funktioniert das Modell, fussballerisch begeistert es sogar. Monaco steht vor dem Gewinn der Meisterschaft. Es wäre der erste Titel seit 17 Jahren. Auf den monegassischen Pass wartet Rybolowlew aber noch immer. Der Fürst, so hört man, hat nie verwunden, dass er seinen Verein diesem reichen und rätselhaften Russen verkaufen musste.

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