Das erfrischende Gegenstück zu Geld «schiesst Tore»

Real Madrid gedemütigt und ein dank Crowdfounding finanzierter Aufstieg: Eibar ist das Aschenputtel-Team Europas.

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Das Label «Überraschungsteam der Saison» hatte in Spanien eigentlich Deportivo Alavés als Viertplatzierter für sich gepachtet. Auf den zweiten Blick überrascht aber auch der andere Winzling des spanischen Fussballs. Ein ganz besonderer Winzling, wenn man so will.

Für SD Eibar, einen Club, der seit Jahren überrascht. Diese Saison schossen die Basken sogar das grosse Real Madrid mit 3:0 aus dem heimischen Stadion. In der spanischen Liga wirbelt es derzeit einiges durcheinander. Der Vorsprung auf den ersten Abstiegsplatz beträgt sechs Puntke.

Im beschaulichen Eibar in der Provinz Gipuzkoa sind sie zufrieden mit der bisherigen Ausbeute. Für den Club ist es das fünfte Jahr in der höchsten spanischen Spielklasse, und als 2014 der Aufstieg nach einem Durchmarsch durch die zweite Liga gelang, da glaubte keiner daran, dass sich dieser Zwerg überhaupt so lange halten würde. Der Aufstieg glich einem Wunder, von einer «Aschenputtel-Story» schrieb die Zeitung «El País». Das war damals keine Übertreibung.

In einem System, in dem alle nach dem Prinzip «Geld schiesst Tore» agieren, ist SD Eibar eine seltene Ausnahme. Gemessen an Etat und Infrastruktur war nach dem Aufstieg in die Primera División der Klassenerhalt ein Jahr später die nächste grosse Überraschung. Seitdem behauptet sich der einzigartige David unter Spaniens Goliathen immer wieder in der laut Uefa-Ranking stärksten Liga Europas.

Mit Crowdfunding finanzierte sich Eibar die Lizenz für die erste Liga

Der bis heute bekannteste Spieler, der jemals für Eibar auflief, ist wohl Xabi Alonso. In der Saison 2000/01 wurde er von Real Sociedad an Eibar verliehen, dort absolvierte er 14 Spiele. Nach dem Aufstieg vor gut vier Jahren erwarb Alonso Anteile des Clubs, um die Lizenz für die erste Liga zu finanzieren. Der Riesenschritt in die Primera División gelang mit einem mickrigen Jahreshaushalt von gerade einmal 3,2 Millionen Euro. Weil die Ligaverwaltung damals ein Mindestvermögen von 2,1 Millionen Euro verlangte, startete der Verein ein Crowdfunding-Projekt, um die Summe irgendwie aufbringen zu können. Der Aufstieg sei «eigentlich kaum zu fassen, denn sie sind ein wirklich kleiner Club», sagte Alonso, dem der Verein bis heute am Herzen liegt.

Hoch oben im Norden Spaniens, im Baskenland zwischen Bilbao und San Sebastián, schlägt damit das Underdog-Herz des iberischen Fussballs. Eibar, Alavés, Athletic Bilbao – diese Vereine haben sich ihre Eigenständigkeit bewahrt. Auch wenn Bilbao aktuell nur 17. ist. Geschichtsinteressierten könnte Eibar geläufig sein, weil der Ort im April 1931 als eine der ersten Kommunen Spaniens die Zweite Republik ausrief, nachdem die Militärdiktatur von General Miguel Primo de Rivera gescheitert war. Sonst aber ist Eibar nie wirklich in Erscheinung getreten. Die Stadt befindet sich in einem Tal zwischen hügeliger Landschaft, die Winter sind mild, die Sommer nicht besonders heiss, es gibt wahrlich schönere Städte in Spanien.

Der FC Barcelona kann 15 Mal mehr für Gehälter ausgeben als Eibar

Aber auch unerfolgreichere. Als Sociedad Deportiva Eibar dann ein Erstligaclub wurde, interessierten sich erstmals überregionale und englischsprachige Medien für dieses Kleinod. Und obwohl die Gegner nun seit geraumer Zeit Real Madrid und FC Barcelona heissen, hat sich im Umfeld nicht viel verändert. Das Estadio Municipal de Ipurua fasst 7000 Zuschauer, die meisten Drittligisten in Deutschland haben grössere Arenen. Beim Heimspiel gegen Sevilla brach der Zaun im Gästeblock und ein Dutzend Fans fiel auf das Spielfeld, ohne dass etwas Schlimmes passierte.

Das kleine, 1947 erbaute und in den späten 90er Jahren renovierte Stadion, umgeben von einer Autobahn und Wohnblocks, ist Teil der Fussballromantik. Bis zur neuen Saison soll das Stadion so umgebaut werden, dass dann 8000 Zuschauer darin Platz finden. Die Identifikation der Menschen vor Ort mit dem Club ist riesig. Und die Mannschaft zahlt es zurück - nicht immer mit schönem Fussball, aber mit viel Hingabe. Die vergangene Saison beendete man auf Platz neun, aktuell ist man Zwölfter.

Null-Schulden-Politik

Dabei kämpfen die Basken mit ungleichen Waffen. Maximal 41 Millionen Euro darf Eibar inzwischen für Gehälter ausgeben. Das Gefälle in der Liga ist steil. Zum Vergleich: Der Branchenprimus FC Barcelona darf 15 Mal so viel ausgeben, mehr als 630 Millionen Euro. Diese Gehaltsobergrenzen wurden in Spanien eingeführt, um eine Überschuldung der Vereine zu verhindern und Gehaltszahlungen abzusichern. Alle Clubs in La Liga dürfen maximal 80 Prozent ihrer Gesamtetats für Gehälter und damit verbundene Ausgaben verwenden. Eibar verfolgt jedoch ohnehin eine Null-Schulden-Politik.

Zuletzt erwirtschaftete der Verein sogar einen Überschuss von 15 Millionen Euro. Die Präsidentin des Vereins, Amaia Gorostiza, erklärte: «Wir arbeiten weiter hart daran, unseren Traum, in der besten Liga der Welt zu bestehen, zu verwirklichen und wir werden weiter daran arbeiten, den Status des Clubs als Vorbild in unserer Stadt und unserer Region, aber auch ausserhalb der Region, national und international, zu verbessern.»

Im Kader stehen 16 Spanier und nur zwei Nationalspieler

Gorostiza ist seit 2016 im Amt, sie ist die erste Präsidentin in der Vereinsgeschichte, unter ihr hat sich der Verein wirtschaftlich wie sportlich hervorragend entwickelt. Sie hat trotzdem, so berichtet es die Marca, «nie aus den Augen verloren, wo der Club herkommt».

Sportlich hat Trainer José Luis Mendilibar eine homogene, zähe Mannschaft zur Verfügung. Das Team profitiert auch von Marko Dmitrovi?, einem von zwei Nationalspieler Eibars. Der serbische Nationaltorwart hat mit seinen Paraden die teilweise löchrige Verteidigung schon einige Male gerettet in dieser Saison. Der andere Nationalspieler ist Fabián Orellana, der 33 Mal für Chile auflief und den Eibar zu Beginn dieser Saison fest verpflichtet hat. Ansonsten stehen 16 Spanier im Kader, der nicht einmal einen Wert von 50 Millionen Euro aufweist. Und die Saison ist noch lang – Überraschungsteam des Jahres, um diesen Titel spielt Eibar auf jedenfall wieder mit.

DerBund.ch/Newsnet

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