Damals, als...

Fussballgott Grädel erzählt von früher.

hero image

Menschen, die behaupten, dass früher alles besser gewesen sei, sollte man prinzipiell misstrauisch begegnen. Dumm nur: Früher oder später tappen wir alle in diese Falle. Nostalgie ist - das hat Grädel erst neulich aus diesem Internet erfahren - auch eine medizinische Diagnose, und sie soll in früheren Zeiten sogar Todesopfer gefordert haben.

Es beginne oft mit Heimweh, steigere sich dann weiter und bringe körperliche Symptome hervor, die zuerst das Gehirn in Mitleidenschaft zögen und anschliessend die Organe. Im amerikanischen Bürgerkrieg sei die Diagnose 5213-mal gestellt worden, und 58 Menschen seien gar daran verstorben.

Das ist erschreckend und schreckt vom Schwelgen in Erinnerungen ab, das Bundesamt für Gesundheit müsste eigentlich Schockbilder auch auf Geschichtsbüchern vorschreiben. Bei Grädel lässt sich ziemlich exakt datieren, wann diese Krankheit richtig ausbrach; es war im Sommer 2006. Da wurde im neuen Wankdorf, das nicht mehr Wankdorf heissen durfte, ein neumodischer Plastikrasen verlegt, einheitlich lange Grashalmimitationen dermassen in Reih und Glied, dass Nordkoreas Volksarmee vor Neid erblassen müsste.

Dabei war Fussball früher das satte Grün und der Geruch frisch gemähten Rasens, oftmals aber auch der modrige Geruch eines schlammig-bräunlichen und komplett kaputt getretenen Dorfplatzes nach einer Woche Dauerregen, in Grädels Erinnerung der Regelfall in seiner kurzen Aktivkarriere.

Blessuren waren Kriegstrophäen, und die Suva verteilte noch keine Schienbeinschoner an Grümpelturnieren. Fussball, das waren Blutgrätschen und weite Bälle, deren Flugbahn meist weit im Aus und eher selten beim korrekten Adressaten endeten.

Bei den Profis sah das auch nicht viel besser aus, und die damaligen Spieler mussten nebenher noch Versicherungen und Turnschuhe verkaufen, um über die Runden zu kommen. Wer das Spiel nicht im Stadion oder am Radio verfolgen konnte, musste die Nummer 164 wählen, um zu erfahren, dass YB jetzt schon wieder verloren hatte. O tempora, o mores!

Und dann war da letzten Sonntag in Genf wieder mal ein Match auf so einem frisch umgepflügten Acker, es schiffte in Strömen, kein Ball kam beim Empfänger an, Blutgrätschen wurden ausgepackt, und am Schluss hatte sich ein Spieler heftig verletzt und YB verloren. Und Grädel wusste schlagartig wieder, warum man schon bei ersten Anzeichen von Nostalgie besser den Arzt aufsucht.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt