«Da wirst du fast verrückt»

Luzerns Trainer Markus Babbel hat grösste Mühe mit mutlosen Fussballern – und auch nach zuletzt fünf Niederlagen in sechs Spielen keine Angst um seinen Job.

«Einen so unnötigen Absturz habe ich noch nie erlebt»: Markus Babbel spricht Klartext.

«Einen so unnötigen Absturz habe ich noch nie erlebt»: Markus Babbel spricht Klartext.

(Bild: Keystone)

Peter M. Birrer@tagesanzeiger

Früher war alles einfach, früher, als er noch Spieler war. Er trug das rote Trikot, ging auf den Platz und brauchte sich vorher beim Trainer nie zu erkundigen, was dieser unter einem guten Resultat verstand. Siege mussten her, wie immer der Gegner hiess, wo immer die Partie stattfand, wer immer zur Verfügung stand. Schliesslich hiess der Verein FC Bayern München. Und Markus Babbel war einer der Spieler.

Heute ist alles ein bisschen komplizierter, heute ist er Trainer. Vor zwei Jahren hat es ihn aus Deutschland in die Zentralschweiz gezogen, und seither hat er ein paar Eigenheiten des Schweizer Fussballs kennen gelernt, zum Beispiel den Modus der Zehnerliga. Viermal pro Saison begegnet er mit dem FC Luzern jeder Mannschaft aus der Super League. Das hat für ihn eigentlich den Vorteil, dass es auch viermal zu Treffen kommt, auf die sich Babbel ganz besonders freut: Wenn es jeweils gegen den FC Basel geht, weckt das im 44-Jährigen den Ehrgeiz, den Besten der Liga zu ärgern. Nur: Diese Begegnungen enden regelmässig mit einer Ernüchterung. Der Coach fragt sich dann stets: «Wovor haben meine Spieler eigentlich Angst? Was kann sie beim gefühlt hundertsten Auftritt in Basel noch überraschen?»

Am vergangenen Samstag stellte er sich die Frage wieder einmal, als es ein 0:3 gab und Babbel schon nach fünf Minuten gespürt hatte: «Das wird nichts.» Nun hat es etwas von einer Bankrotterklärung, wenn ein Trainer dieses Gefühl so früh beschleicht. Babbel winkt ab: «Diese Feststellung ist für mich nur ein weiterer Beweis, dass ich meine Mannschaft sehr gut kenne.» Dieser Mannschaft hat er auch schon gesagt: «Ihr macht mich kaputt. Ich lüge euch nicht an: Ihr könnt Fussball spielen, verdammt gut sogar.»

Babbel sitzt am Freitag in einem Sponsorenraum der Luzerner Swissporarena. Er lächelt zwar, wenn er erzählt, aber das Lächeln drückt nicht Gleichgültigkeit aus, sondern ist eine Geste der Ungläubigkeit wie das Hände-über-dem-Kopf-Zusammenschlagen. Brave Jungs seien das, die er habe, ausnahmslos, und sie seien richtig gut. «Aber ich müsste ihnen das selbst nach sieben Siegen in Serie immer und immer wieder versichern.» Probiert hat er es schon mit dem Aufruf, das Anständige für die Dauer eines Spiels in der Kabine zu lassen: «Das bedeutet nicht, dass wir unsaubere Mittel anwenden wollen. Aber wir müssen uns mehr auflehnen und selbstbewusster auftreten, wir müssen dem Gegner klarmachen: Es gibt bei uns nichts zu holen.»

«Einen so unnötigen Absturz habe ich noch nie erlebt»

Nur: Wie kann er das seiner Belegschaft vermitteln? «Ich mache mir tausend Gedanken darüber, da wirst du fast verrückt.» Er will den Denksport fortsetzen, bis er die Lösung hat.

Ein halbes Dutzend Mal ist er seit dem 28. August mit dem FCL in der Super League angetreten, ein Punkt ist der ganze Ertrag. Diese Bilanz ist der krasse Gegenentwurf zu jener der ersten fünf Runden mit vier Siegen. «Einen so unnötigen Absturz habe ich noch nie erlebt», sagt Babbel.

Seinen Vertrag hat er im Februar bis 2018 verlängert, und es ist auch nicht so, dass die jüngsten Resultate laute Diskussionen ausgelöst haben – was im Fall des traditionell nervösen Umfelds einigermassen erstaunt. Aber Babbel hat nicht endlos Zeit, das sagt er selbst: «Ich kann nicht noch 20-mal in Serie verlieren, ohne die Konsequenzen tragen zu müssen.»

Eine Niederlage heute Sonntag gegen das ebenfalls in Schwierigkeiten steckende St. Gallen dürfte unangenehme Tage bescheren. Wobei die persönliche Situation Babbel nicht belastet: «Wenn ein Trainer seine Unterschrift unter den Vertrag setzt, weiss er, dass ihn der Rausschmiss treffen kann.» Er glaubt aber, dass dieses Szenario weit weg ist. 72 Partien in der Liga mit dem FCL liegen hinter ihm, und wenn er die Mannschaft heute mit jener im Oktober 2014 vergleicht, sagt er: «Wir sind zwei Klassen besser geworden, physisch, spielerisch, in jeder Hinsicht.» Ankämpfen muss er unverändert gegen latente Genügsamkeit und Selbstzufriedenheit, fördern will er eine Leistungskultur, die für ihn als Profi Normalität war.

Die ideale Luzerner Welt – und der Spagat in der realen Welt

Im nächsten Sommer laufen sieben Verträge aus. Das scheint ein geradezu willkommener Steilpass für einen Umbruch zu sein. Die Sportkommission befasst sich mit dem Plan, das Kader deutlich zu reduzieren und daneben Plätze für Talente freizuhalten. Damit sollen auch Kosten gesenkt werden, weil es bei einem Budget von gut 20 Millionen Franken ein jährliches Defizit von 2 Millionen Franken zu decken gilt. Und die Lust der Investoren, ständig für erhebliche Verluste aufzukommen, ist sehr begrenzt.

In der idealen Welt soll neues Personal kommen, weniger kosten und – natürlich – besser sein als das alte. In der realen Welt aber wird Babbel bei den aktuellen wirtschaftlichen Voraussetzungen zwangsläufig weitere Konzessionen eingehen müssen, was die Qualität der Spieler betrifft. Immerhin hat er die Begeisterung für den Job noch nicht verloren. Bevor er sich verabschiedet, sagt er mit fester Stimme: «Wir bleiben dran!»

Tages-Anzeiger

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