«Da kannst du gar nichts geniessen»

Lara Dickenmann führte die Schweizer Fussballerinnen an der EM als Interimscaptain zurück in Viertelfinal-Reichweite. Allerdings war es ein schmerzhafter Prozess.

Nach langen Diskussionen und einer Reaktion wieder den Viertelfinal im Blick: Lara Dickenmann. Foto: Lea Meienberg (13 Photo)

Nach langen Diskussionen und einer Reaktion wieder den Viertelfinal im Blick: Lara Dickenmann. Foto: Lea Meienberg (13 Photo)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Ein Endspiel um den Viertelfinal gegen Frankreich statt des früh­zeitigen Endes Ihres EM-Traums. Wie gross ist die Erleichterung?
Das Gefühl ist logischerweise viel besser als noch gegen Österreich. Ich bin stolz auf dieses Team und wie es auf diesen Rückschlag reagiert hat. Wir hatten zum Auftakt nicht das gezeigt, was wir ­wollten, und waren natürlich sehr enttäuscht. Jetzt sind wir noch im Turnier.

Wie kam es zu dieser Leistungs­steigerung gegen Island?
Gegen Österreich waren wir taktisch zwar gut auf die Aufgabe vorbereitet, doch wir haben uns einzig darauf verlassen. Das Mentale haben wir voraus­gesetzt, aber nicht wirklich miteinander besprochen. Erst in den Tagen nach dem Österreich-Spiel holten wir das nach und führten viele Gespräche, mit Staff und ohne. Gegen Island war vor allem die mentale Seite entscheidend, das Spiel war eine Kopfsache.

War es ein schmerzhafter Prozess?
Schon ein bisschen. Wobei: schmerzhaft? (überlegt) Er war anstrengend. Wenn man an eine EM fährt, glaubt man, das Turnier auch ein wenig ­geniessen zu können. Nach einem Spiel wie gegen ­Österreich kannst du aber gar nichts geniessen, da wird dir ­bewusst, dass Fussball vor allem harte Arbeit ist. Es war nicht einfach, gewisse Dinge anzusprechen, aber jede hat angenommen, was an ihr kritisiert wurde. Und jede konnte aussprechen, was ihr wichtig ist.

Was waren die Kritikpunkte?
Die Details sind für die Öffentlichkeit nicht wichtig. Es war eine lange und ­intensive Diskussion, die uns alle irgendwann ermüdet hat. Ohne Trainer im Raum diskutierst du anders als mit.

Hatten Sie sich persönlich etwas vorgenommen?
Ja natürlich (lacht), ich will ja nicht so spielen wie gegen Österreich. Ich nahm mir vor, zu kämpfen und als Leaderin voranzugehen. Leidenschaft zu zeigen. Das ist mir gelungen, denke ich.

Tatsächlich erzielten Sie den ­Ausgleich kurz vor der Pause – ­allerdings hätten Sie am Ende ­vom Platz fliegen können.
Dass mir das Tor gelungen ist, war eine Erleichterung nach der Enttäuschung gegen Österreich. Dass ich nicht die Rote Karte sah, ebenfalls.

Verwarnt worden waren Sie für ein Tackling schon in der 7. Minute. Wollten Sie als Interimscaptain damit ein Zeichen in diesem ­kapitalen Match setzen?
Das auf keinen Fall, auch wenn das Foul brutal wirkte. Ich habe die Gegnerin schlicht nicht gesehen. Aber wenn du im Kampfmodus bist, ziehst du nun einmal eher durch.

Kann die kämpferische Leistung Energie freisetzen für die schwierige Aufgabe gegen Frankreich?
Das hoffen wir. Es muss uns aber ­bewusst sein, dass wir gegen Frankreich wieder genauso viel laufen, genauso hart arbeiten und genauso in die Zweikämpfe gehen müssen wie gegen Island.

Nachdem Sie sechs Jahre bei Lyon in Frankreich und mit neun Spielerinnen aus dem EM-Aufgebot schon zusammengespielt haben – wie speziell ist die Partie für Sie?
Natürlich ist sie sehr speziell. Für mich ist es immer wieder schön, alle Nationalspielerinnen zu sehen, die ich kenne – und ich kenne eine Menge.

Was bedeutet Ihnen Frankreich? Eine zweite Heimat?
Ich habe unverändert viele Freunde in Frankreich, auch wenn ich jetzt in Wolfsburg spiele. Ich bewundere den französischen Fussball und liebe das Land und die Kultur. In Lyon habe ich unglaublich gerne gelebt. Es war eine sehr schöne Erfahrung.

Nun erhalten Sie die Chance, mit der Schweiz die Französinnen aus dem Turnier zu werfen.
Sie haben ein Weltklasse-Team und ­waren für mich vor dem Turnier die Topfavoritinnen. Jetzt haben auch sie Mühe. Das zeigt, dass es doch nicht so einfach ist, durch unsere Gruppe zu marschieren. Sie dürften zudem kaum zufrieden sein mit ihren eigenen Leistungen. Ich glaube jedenfalls fest daran, dass wir sie tatsächlich schlagen können.

Warum haben sie Schwierigkeiten?
Den Ball laufen lassen – das ist ihr Spiel, und das können sie gut. Wenn aber der Gegner wie nun Österreich tief steht, haben sie die Räume dazu nicht, und sie können ihre schnellen Spielerinnen auf den Seiten nicht einsetzen. Hältst du gegen die Französinnen lange das 0:0 oder gelingt dir sogar ein Tor, werden sie nervös und spielen auch nicht mehr so präzise, wie sie es könnten.

Es ist das Los vieler grosser Teams: Sie müssen lernen, die Geduld zu wahren.
Nur: Bei Frankreich spielen die meisten bei Lyon oder Paris St-Germain, und dort kennen sie das Gefühl gar nicht, überraschend zurückzuliegen. Bei uns in der Bundesliga ist jedes Wochenende ein Kampf. Die französische Meisterschaft dagegen ist zu einfach für die ­Spitzenteams, mit Lyon führst du nach 10 Minuten meistens schon 1:0. Vielleicht ist das der Grund, warum sie an Turnieren zwar immer zu den Favoritinnen zählen, es aber oft nicht schaffen, zu überzeugen und auch den letzten Schritt zu machen. Andere Teams scheinen das besser zu meistern.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.07.2017, 23:26 Uhr

Artikel zum Thema

Historischer Sieg der Frauen-Nati

Trotz anfänglichem Rückstand bezwingen die Schweizerinnen Island und bleiben im Rennen um ein EM-Viertelfinal-Ticket. Mehr...

Die Frauen-Nati versagt beim EM-Debüt

Das Team von Trainerin Martina Voss-Tecklenburg steht an der EM in den Niederlanden bereits nach dem ersten Spiel mit dem Rücken zur Wand. Mehr...

Löwinnen siegen im Top-Duell

Englands Frauen bezwingen an der Fussball-EM die Spanierinnen. Ausgeschieden sind dagegen die Schottinnen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Werbung

Urban und trendy?

Mal im Selbstversuch, mal beim Ortstermin. Oft mit Nachgeschmack. Immer allumfassend.

Kommentare

Abo

Das digitale Monatsabo Light für Leser.

Nutzen Sie den «Bund» digital im Web oder auf dem Smartphone. Für nur CHF 19.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Festival vereint die verschiedenen Kulturen des Landes: Eine Frau singt und tanzt bei einem Strassenfest in Südafrika in einem traditionellen Kleid. (14. Dezember 2018)
(Bild: Rajesh JANTILAL) Mehr...