«Da drehst du fast durch»

FCZ-Profi Marco Schönbächler sagt, weshalb er lukrative Angebote aus der Bundesliga abgelehnt hat und wie er mit seiner mysteriösen Verletzung umgeht.

FCZ-Torjäger Marco Schönbächler durchlebt gerade schwere Zeiten.

FCZ-Torjäger Marco Schönbächler durchlebt gerade schwere Zeiten.

(Bild: Urs Jaudas)

Marco Schönbächler steht im Museum des FCZ und schaut sich die Bilder der Clublegenden an. Eine nach der anderen mustert er. Er sieht Timo Konietzka: «Bei dem habe ich früher Güggeli gegessen.» Dann Ike Shorunmu: «Dem habe ich gerne zugeschaut.» Und schliesslich steht er vor Köbi Kuhn, der in Sachen Vereinstreue von den Museumsmachern mit neun von zehn zu vergebenden Sternen bewertet wurde. Schönbächler hat jüngst seinen Vertrag um drei Jahre verlängert und sagt mit einem Augenzwinkern: «Ja, da muss ich noch ein bisschen beim FCZ bleiben.»

Sie sind seit 12 Jahren beim FCZ, waren Ballbub und Junior – was bedeutet Ihnen Vereinstreue?
Sie ist heutzutage recht selten. Es wird heute gar zum grössten Rivalen gewechselt. Das wäre unmöglich für mich. Ich bin schon zu lange hier und habe schon zu viel erlebt. Gut, ich bin auch privilegiert, ich kann heute auswählen. Vielleicht würde ich anders denken, wenn ich in einer anderen Situation wäre. Wer weiss, ob ich dann nicht zu einem Club wechseln würde, den ich früher gehasst habe.

Sie hätten diesen Sommer einen lukrativen Vierjahresvertrag mit Bundesligist Hertha BSC Berlin unterschreiben können. Auch Gladbachs Trainer Lucien Favre hatte sein Interesse signalisiert.
Ich möchte nur so viel sagen: Es war ein Club aus der Bundesliga, bei dem ich hätte unterschreiben können.

Aber?
Ich kam von den Ferien zurück ins Training des FCZ und wollte dann entscheiden. Ich habe jedoch wieder die Schmerzen im Bereich der Adduktoren und des Schambeines gespürt, die ich schon die letzten drei, vier Monate hatte und mich auch zum Pausieren zwangen. Verletzt zu wechseln, ohne zu wissen, an was ich leide, war mir ein zu hohes Risiko.

Hatten Sie Angst vor dem Scheitern?
Vor dem Scheitern nicht. Es war mehr die Ungewissheit, wie es sein könnte; ob der neue Club mir die Zeit geben würde mit der Verletzung. Das Risiko wollte ich nicht eingehen. Ich will fit ins Ausland wechseln und nicht drei Jahre verlieren und wieder ganz unten anfangen müssen. Hier in Zürich kennen mich alle, sie wissen, was sie an mir haben. Und ich weiss, was ich am FCZ habe. Das ist mir wichtig.

Auch bei YB kennt man Sie. War ein Wechsel in der Schweiz keine Alternative?
Dieser Transfer wäre wohl möglich gewesen. Doch in der Schweiz zu wechseln, kam für mich nicht infrage. Es gibt für mich in der Schweiz nur den FC Zürich. Doch bei aller Vereinstreue: Ein Wechsel ins Ausland ist nach wie vor ein Ziel von mir.

Also kann man davon ausgehen, dass Sie im neuen Dreijahresvertrag mit dem FCZ eine Ausstiegsklausel haben?
Ja, das ist so.

Sie hätten in der Bundesliga wohl einiges mehr verdienen können als beim FC Zürich.
Stimmt. Wenn ich nur aufs Geld geschaut hätte, hätte ich in der Bundesliga unterschreiben müssen. Aber wie gesagt: Das wollte ich aus den erklärten Gründen nicht.

Wer ist involviert, wenn Sie eine solche Entscheidung fällen?
Natürlich meine Familie. Aber mein wichtigster Ansprechpartner ist mein Berater Dino Lamberti.

Sie haben von einer langwierigen Verletzung gesprochen. Wissen Sie nun, an was Sie leiden?
Lange dachten wir, es sei etwas an der Leiste oder am Schambein. Heute glauben wir, dass ein Nerv im Dammbereich durch die Bewegungen eingeklemmt wird und die Schmerzen verursacht.

Was macht man dagegen?
Vorher habe ich gerade zwei Kortisonspritzen bekommen, jetzt muss ich mich schonen und kann nur hoffen, dass es besser wird. Aber eben, es bleibt vorerst ein Hoffen. Denn noch immer kann mir niemand genau sagen, was ich wirklich habe. Das ist das Allerschlimmste. Du weisst nicht genau, was es ist und wie du es therapieren sollst.

Das muss hart sein.
Und wie, das schlägt auf die Psyche, da drehst du fast durch. Bei einem Muskelfaserriss weisst du, das geht so und so lange, dann ist es wieder gut. Doch hier ist es was anderes. Du weisst es eben nicht.

Wie gehen Sie damit um?
Nicht negativ werden, nicht hadern, positiv bleiben. Das ist leichter gesagt als getan. Ich war bei fünf Spezialisten, unter anderem bei einem Urologen und einem Neurologen. Es ist schon ein Rückschlag, wenn du zu einem Arzt gehst und dieser sagt, so etwas habe er noch nie gesehen und er wisse nicht, was man dagegen tun könne.

Dann könnten Sie also noch Monate ausfallen?
Ich hoffe es nicht. Langsam wird es langweilig, nur Physiotherapie zu machen.

Wie gesagt, Sie haben Ihren Vertrag verlängert und gehören zu den erfahrenen Spielern in der Mannschaft. Ist das Captain-Amt ein Thema?
Klar würde ich gerne noch mehr Verantwortung übernehmen und die Mannschaft führen. Doch Yassine Chikhaoui macht das auch gut. Er hatte ein paarmal seine speziellen Ausraster. Das kann passieren, sollte aber nicht. Doch das weiss er auch selber, das muss ich ihm nicht sagen.

Wie gehen die Spieler in der Mannschaft mit Chikhaouis Extratouren wie etwa seinen Sonderurlauben in Tunesien um?
Das ist bei uns kein Thema und bringt auch keine Unruhe in die Mannschaft, wie das vielleicht viele annehmen. Das wurde ja vor allem dann thematisiert, als es bei uns sportlich schlecht lief.

Stört es Sie, dass Chikhaoui als Liebling von Canepa bezeichnet wird?
Das ist doch eine Tatsache (lacht). Ich glaube aber, da ist keiner eifersüchtig auf ihn.

Andere Teamkollegen wie Nico Elvedi, Dimitri Oberlin und Djibril Sow wechseln im Teenageralter ins Ausland. Was denken Sie darüber?
Das ist ihre Entscheidung. Ich gönne es ihnen. Die Jungs haben etwas drauf, sie haben es sich verdient. Elvedi hat dies bereits auf grosser Bühne in der Europa League gezeigt. Und wenn Gladbachs Trainer Lucien Favre einen Spieler partout und sofort haben will, dann baut er auch auf ihn.

Sie hatten als 18-Jähriger ein Angebot von Mönchengladbach. Weshalb haben Sie damals abgelehnt?
Es war für mich einfach noch nicht der richtige Zeitpunkt. Ich war noch zu jung und nicht reif genug für die Bundesliga. Ich war damals nur Ergänzungsspieler und wollte mich zuerst einmal beim FCZ durchsetzen.

In einer ähnlichen Situation wie Sie damals war Dimitri Oberlin, er hat kaum gespielt, doch er wechselte zu Salzburg. Haben Sie ihm Ratschläge gegeben?
Ich habe ihm im Training manchmal gesagt, er solle weniger kompliziert spielen. Doch in der Karriereplanung muss es jeder selber wissen und entscheiden. Da helfen gut gemeinte Ratschläge meist wenig. Darum habe ich mit ihm auch nicht darüber gesprochen. Ausserdem ging es zuletzt sehr schnell. Plötzlich war er weg.

Was erhoffen Sie sich von der neuen Saison mit dem FCZ?
Die anderen Vereine haben aufgerüstet, es wird nicht einfacher. Wir haben viel Potenzial und den Vorteil, dass die Mannschaft grösstenteils zusammengeblieben und somit eingespielt ist. Aber es muss in der neuen Saison alles stimmen.

Wie meinen Sie das?
Wir haben eine denkbar schlechte Rückrunde gespielt und sind doch trotzdem noch Dritter geworden. Das darf uns natürlich nicht mehr passieren, wenn wir ganz oben in der Tabelle mitspielen wollen.

Kurzfristig wollen Sie gesund werden. Was sind Ihre mittelfristigen Ziele?
Ich will mit dem FCZ, wie gesagt, eine erfolgreiche Saison absolvieren. Und natürlich möchte ich unbedingt auch wieder zurück in die Nationalmannschaft. Eine EM-Teilnahme in Frankreich wäre für mich das Grösste. Das wäre ideal für mich.

DerBund.ch/Newsnet

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