Chaotische Zustände bei Barça

Vom Erzrivalen gedemütigt, Spieler kritisieren den Vorstand und die steigende Angst um Messi: Beim FC Barcelona liegen die Nerven vor dem Saisonstart blank.

Frustrierter Superstar: Wie lange bleibt Lionel Messi noch bei Barça?

Frustrierter Superstar: Wie lange bleibt Lionel Messi noch bei Barça?

(Bild: Keystone)

Er sprach seinen Anhängern aus der Seele, der künftige Präsident. Gerard Piqué, aktuell Abwehrchef beim FC Barcelona, hat nie einen Hehl aus seinen Ambitionen gemacht, seine Liebe zum Verein und die Erfolge mit ihm legitimieren ihn dafür auch bei den sonst so kritischen Barça-Fans. Und in der zweiten Halbzeit des Supercups gegen Real Madrid, bereits auf der Ersatzbank sitzend, sprach er aus, was viele im Entorno, dem berüchtigten Umfeld des Clubs, in diesem Moment dachten: «Diese Typen nehmen uns auseinander.» Gefolgt von einem nicht druckreifen, typisch spanischen Fluch. Nach dem Spiel legte Piqué nach: «Heute habe ich mich erstmals in meinen neun Jahren bei Barça Real unterlegen gefühlt.»

Schwarzmalerei statt Aufbruchstimmung

Aussagen, welche die Gefühlslage Barcelonas nicht besser zusammenfassen könnten. Nach einer Saison mit nur dem Gewinn der Copa del Rey herrscht unter dem neuen Trainer Ernesto Valverde nicht wie geplant Aufbruchstimmung, sondern Schwarzmalerei. Neymar ist weg, statt der Wunschkandidaten Verratti, Bellerin, Coutinho oder Dembélé wurden Ergänzungsspieler wie Benficas Nélson Semedo, der bereits einmal gescheiterte Gérard Deulofeu und kürzlich für 40 Millionen Euro Tottenhams ehemaliger Transferflop Paulinho aus China verpflichtet.

Insbesondere der Brasilianer muss den Frust des Publikums ausbaden. Im Internet kursieren zahlreiche Videos und Bilder, die Anlass geben, seine fussballerischen Qualitäten anzuzweifeln – obwohl er immerhin Stammspieler der brasilianischen Nationalmannschaft und sogar drittbester Torschütze der laufenden WM-Qualifikation ist. Zudem konnten unerwünschte Profis wie Arda Turan, Douglas oder Sergi Samper immer noch nicht verkauft oder ausgeliehen werden.

Die Geduld der Fans mit der Vereinsführung um Präsident Josep Maria Bartomeu schwindet, auf Twitter wurde der Hashtag #BartomeuDimiteYa (Bartomeu, trete sofort zurück) schon zum Trend. Was die Spieler selber von der derzeitigen Führungspolitik halten, liess Sergio Busquets an einer Pressekonferenz durchsickern: «Das Kader muss dringend erneuert werden. Je mehr gute Spieler kommen, desto besser.» Zum neuen Sportdirektor Pep Segura, der im Hinspiel Piqué als Grund für die Niederlage gegen Real ausmachte, sagte Busquets: «Das war keine kluge Aussage und noch weniger von einem Mitglied des Clubs.» Via Facebook wetterte auch der ehemalige Barça-Star Rivaldo: «Es ist nicht einfach, zweimal gegen Real zu verlieren und zu hören, wie ein Neuer im Verein Spieler kritisiert, die alles gewonnen haben. Bitte etwas mehr Respekt.»

Apropos Segura. Der gute Mann hat wirklich nicht den besten Einstand in seiner neuen Rolle. In aller Hektik wollte er nach dem 0:2 gegen Madrid die Fans beruhigen und erklärte, die Transfers von Coutinho und Dembélé stünden kurz vor dem Abschluss. «Es fehlen nur noch die Details», sagte er. Eine derart deutliche Aussage bedeutet im Fussballjargon normalerweise, dass die Spieler in den nächsten Stunden vorgestellt werden. Nur dumm, dass BVB-Boss Hans-Joachim Watzke mehr als tausend Kilometer nordöstlicher kurz darauf antwortete: «Der Transfer von Dembélé ist noch keinen Millimeter näher gerückt.»

Geht Messi in einem Jahr – ablösefrei?

Einmal in Fahrt, zündete Vizepräsident Jordi Mestre gleich das nächste Feuer: «Messis Vertragsverlängerung ist nur noch Formsache.» Was eigentlich gut klingt, hat einen fatalen Hintergrund. Präsident Bartomeu sagte bereits im Juli, dass der Superstar den neuen Kontrakt unterschrieben habe. Das aktuelle Arbeitspapier läuft zum Saisonende aus. Sofort bemühte sich Mestre um Entschärfung: «Wir müssen nur noch einen Termin für die Unterschrift finden.» Weshalb seinen Worten in Barcelona kaum Glauben geschenkt wird? Weil eben dieser Mestre gesagt hatte, dass Neymar «zweihundertprozentig» bei Barça bleiben würde – knapp drei Wochen vor dessen Wechsel nach Paris. Was die Vereinsführung noch älter aussehen lässt: Piqué gab zuletzt an, dass die Barça-Spieler bereits seit Messis Hochzeit, also zwei Wochen vor Mestres Zweihunderprozent-Versprechen, wussten, dass Neymar zu PSG gehen würde.

Und wenn es schon mal weder auf institutioneller Ebene noch auf dem Platz rund läuft, dann kommt auch noch gleich Verletzungspech hinzu. Mit Luis Suarez fällt nach Neymar das zweite Drittel des einst so gefürchteten MSN-Dreizacksturms weg – der Uruguayer fehlt wegen einer Knieblessur einen Monat lang. Dazu sind die angeschlagenen Piqué und Mittelfeldgenie Andrés Iniesta für das Startspiel am Sonntag (20.15 Uhr) gegen Betis Sevilla höchst fraglich. Es sieht so aus, als müsste es Lionel Messi wieder einmal alleine richten. Die Frage ist nur: wie lange noch?

DerBund.ch/Newsnet

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