«Bist du eigentlich wahnsinnig?»

Basels Präsident Bernhard Heusler und sein Sittener Amtskollege Christian Constantin treffen sich zum Warm-up vor dem Cupfinal – und haben sich einiges zu sagen.

«Bernhard ist der beste Präsident» – «Er ist Christian. So ist er»: Christian Constantin und Bernhard Heusler sind im Cupfinal zwar Gegner, schätzen sich aber gegenseitig sehr.

«Bernhard ist der beste Präsident» – «Er ist Christian. So ist er»: Christian Constantin und Bernhard Heusler sind im Cupfinal zwar Gegner, schätzen sich aber gegenseitig sehr. Bild: Christian Flierl/13 Photo

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Warum wird der FC Basel dem Mythos, dass der FC Sion im Cupfinal unbesiegbar ist, ein Ende setzen?
Bernhard Heusler: Schwer zu sagen. Es eines unserer letzten Ziele…
Christian Constantin: . . . es ist dein letztes. . . B. H.: ja, klar.

Sie werden aber überzeugt sein, dass Sion zum 14. Mal gewinnt, oder?
CC: Nein, bin ich nicht. Der FCB hat alle Chancen, uns zu bezwingen.

Dann dürften Sie den Schiedsrichter wieder zum Thema machen und so Druck ausüben.
CC: Nein, nein. Wir spielen ja nicht gegen YB.

Das heisst?
CC: 2009, als wir als Challenge-League-Club im Cupfinal auf YB stiessen, musste ich taktisch vorgehen, und ich wusste, wie schnell sie sich in Bern aufregen, wie gross die Sehnsucht ist, endlich wieder einen Pokal zu gewinnen. Ich habe ein bisschen provoziert, und schon ging es los. Aber die Basler … Da kann ich doch sagen, was ich will, das interessiert die nicht.

Sie haben sich aber auch schon massiv über Christian Constantin aufgeregt, Bernhard Heusler.
BH: Wann?

Als 2011 dem FC Sion 36 Punkte abgezogen wurden und die Fifa dem FCB drohte, ihn als Sanktion aus der Champions League auszuschliessen.
BH: Wir waren unter grossem Druck, das stimmt, ich war nervös und …

. . . wütend?
BH: Wütend …
CC: . . . natürlich warst du das!
BH: Zugegeben: Sion spielte europäisch sehr gut, aber die Punkte für das Uefa-Ranking verloren ihre Gültigkeit, und wir qualifizierten uns danach nicht direkt für die Champions League.

Dachten Sie in diesen Momenten: «Verdammt, der Kerl ist verrückt!»?
BH: Er ist Christian. So ist er. Lustig war, dass ihr damals ohne die gesperrten Spieler besser gewesen seid als mit.
CC: Ja, vor Weihnachten waren wir Leader, und du hattest Angst. Darum hast du uns Serey Die weggenommen.
BH: Angst? Nein, ich habe bei euch nach dem Spiel ein Raclette gegessen und eurer Physiotherapeutin gesagt, dass ich Serey toll finde. Zehn Minuten später stand er da.

Wer ist eigentlich der beste Präsident der Super League?
CC: Bernhard Heusler.
BH: Ahhh . . . (lacht).
CC: Aber es ist die Wahrheit. Wenn du gewinnst, bist du der Beste.
BH: Ich bin nicht einverstanden. Die Teams des FCB, deren Präsident ich sein durfte, waren zuletzt die besten. Aber die Präsidenten in Sion, St. Gallen oder Aarau haben auch ganz andere Voraussetzungen.

Also ist es einfach, in Basel Präsident zu sein.
BH: Nein, überhaupt nicht! Weil der Club so grosse Erfolge hatte, dass es so viele Träume und ­Erwartungen gibt, die du erfüllen musst und gleichzeitig auch so viel Neid.

Sind Sie einverstanden, wenn wir sagen, Christian Constantin sei der schillerndste Präsident?
BH: Der Präsident «Hollywood» (lacht). Was ich an ihm von Anfang an gemocht habe: Er ist zu einhundert Prozent authentisch und mit dem FC Sion verbunden, er ist sein Herz. Das ist das Wichtigste an der Arbeit als Präsident: Du musst es für den Club machen, nicht, weil du irgendwelche eigenen Interessen verfolgst.

Aber Sie haben sicher eigene Interessen, Herr Constantin?
CC: Es ist mein persönliches Interesse, dass mein Club der Stolz der Region ist. Das gibt ihr Kraft und Freude, Leben und Leidenschaft. Natürlich hilft dir der Präsidentenposten, weil du bekannter und anerkannter wirst. Aber was macht diese Prominenz mit dir? Das persönliche Interesse, das ich habe: Es macht mir Spass.

Aber hat Bernhard Heusler recht, wenn er Sie Präsident «Hollywood» nennt?
CC: Natürlich! Du kannst in Basel nicht derselbe Präsident sein wie in Sion. Ich bin der Präsident des Clubs aus der kleinsten Stadt der Super League. Wir machen uns grösser, als wir eigentlich sind. Darum führe ich das Team wie eine Gebirgsinfanterie. Bei Bernhard verkaufen sich die Logen, bei uns bringen sie gar nichts. Wir sind näher beim Raclettezelt.
BH: Das mag ich so am Tourbillon.

«Ich sage allen: «Du, ­salut, ciao, wie gehts?» Für Bernhard wäre es wohl kompliziert, so in Basel aufzutreten.»Christian Constantin

Aber ist das eine Mentalitätsfrage?
BH: Vielleicht braucht der FC Sion tatsächlich eine Person an der Spitze, die mehr Glamour versprüht, als es in Basel der Fall ist. Hier musst du ruhig und professionell sein. Weil hier sofort der Neid spürbar wird. In Sitten braucht es einen Captain an Deck, der sagt: «Hier ist der FC Sion!»

Und er muss ein wenig ein Schauspieler sein?
CC: Basel ist doch eine protestantische Stadt. Bei uns ist es viel ländlicher. Darum mein Stil: Ich sage allen: «Du, ­salut, ciao, wie gehts?» Für Bernhard wäre es wohl kompliziert, so in Basel aufzutreten.

Wenn Sie Christian Constantin als Sänger auf seiner Gala sehen, denken Sie dann, er sei verrückt?
BH: Nein. Ich denke, dass das sein Stil ist. Es wäre komplett unauthentisch, wenn ich dasselbe tun würde.

Aber wie kann man in diesem Amt sich selber bleiben?
BH: Das ist die Prüfung. Kannst du all die künstlichen Dinge um dich herum ausblenden? Dass du erkannt wirst, dass der Taxifahrer «Guten Tag, Präsident» sagt, dass die Leute dich im Restaurant anders behandeln . . . Wenn du es nicht kannst, drehst du durch. Dann wechselst du die Freunde, du änderst alles, und am Ende bist du allein.
CC: Dein Leben als Präsident ist sehr kurz. Fünf, sechs Jahre. Was Bernhard jetzt erlebt, kenne ich aus meiner ersten Zeit beim FC Sion. Ich war 40, hatte Kritiker, denen ich sagte: Macht es doch besser. Und ich ging. Sechs Jahre später kehrte ich zurück, startete bei null, nahm vieles gelassener und schaffte es, den Leuten ins Bewusstsein zu rufen, dass es den FC Sion ohne mich nicht mehr gäbe.

Und die Leute glauben das.
CC: Es ist ja die Wahrheit. Heute geht mir kaum mehr einer auf den Wecker mit Eifersucht oder besserwisserischer Art, weil alle merken: Herrgott, es war schlechter, als Constantin nicht Präsident war. Bei dir werden sie auch irgendwann kommen und sagen: «Wir haben zwar gegen Ludogorez verloren, aber wir waren im Achtelfinal der Champions League, im Halbfinal der Europa League. Das war gar nicht so schlecht.» Viele Leute wissen gar nicht, was es wirklich braucht, um einen Club zu führen, um Erfolg zu haben.

«Es tat auch gut, sagen zu können, dass wir verdient verloren haben.»Bernhard Heusler

Sind Sie müde geworden, Bernhard Heusler?
BH: Müde … Nein, ich stelle bei mir fest, dass ich immer noch voller Energie und extrem motiviert bin, beim FCB zu arbeiten.

Aber?
BH: Worum geht es letztlich in unserem Metier? Darum, Emotionen zu schaffen für die Leute, die den Club unterstützen. Aber wenn dann selbst im Erfolgsfall wiederholt genörgelt wird, fragt man sich schon: Wofür tue ich das alles? Wenn das, was ich anbiete, nicht mehr genügt? Es gibt natürliche Grenzen, die sich nicht verschieben lassen. Ich spürte, wie gewisse Kräfte wirkten, Kräfte, die sich wünschten, dass es uns nicht so gut geht, wie es der Fall ist.

Von welchen Kräften reden Sie?
BH: Ich kann nicht sagen, dass es Herr X oder Frau Y ist. Ich spüre das einfach. Als wir gegen Vaduz 2:2 gespielt hatten, erhielt ich Nachrichten – Sie glauben das gar nicht: «Unglaublich!» Oder: «Eine Schande!» Mir fehlt es da an Realitätssinn.

Und das sind auch Gründe, die es Ihnen leichter machen, die Konsequenzen zu ziehen?
BH: Ich glaube, neue Gesichter, die neue Ideen mitbringen, das kann nicht schaden. Wenn wir nun zum Schluss kommen, dass wir nicht mehr in der Lage sind, den Leuten das zu geben, wonach sie sich sehnen, ist es klüger, einen Schlussstrich zu ziehen. Es ist mir sehr wichtig, ohne Verbitterung und Frustgefühle abtreten zu können.

Liegt die Kunst darin, den richtigen Zeitpunkt für den Abgang zu finden?
BH: Das Geschäft ist erbarmungslos. Nehmen wir das Beispiel Arsène ­Wenger: Er hat über 20 Jahre lang wahnsinnig viel für Arsenal getan. Und jetzt? Wird er behandelt wie jemand, der nichts geleistet hat. Das gibt mir schon sehr zu denken. CC: Bernhard hatte eigentlich nur ein einziges Problem.

Welches?
CC: Zu viel Erfolg. Die Anhänger des FC Basel wissen nicht mehr, wie es sich anfühlt, ein Spiel zu verlieren. Ich sage offen: Ab und zu will ich Niederlagen, damit die Leute die Freude am Sieg neu entdecken. Gibt es in Basel diese Freude noch? Ich glaube es nicht. ­Dabei gerät in Vergessenheit, dass der FCB in den Neunzigerjahren in der Nationalliga B war.
BH: Als wir gegen euch den Cupfinal 2015 verloren hatten, tat mir das sehr weh. Gleichzeitig sah ich, was dieser Sieg den Zuschauern aus dem Wallis bedeutete, was er den Spielern bedeutet, und so seltsam es klingen mag: Es tat auch gut, sagen zu können, dass wir verdient verloren haben. Dass nicht der Schiedsrichter Fehler machte, dass nicht das Wetter schuld war oder sonst etwas, nein, nur wir allein.

Verstehen Sie Bernhard Heusler, dass er den FCB verlässt?
CC: Ich habe ihm meine Meinung per SMS geschickt …
BH: . . . oh ja, hast du, und es hatte den gleichen Inhalt wie jenes, das du geschickt hast, als wir unser Interesse an Carlitos bei dir deponierten.

Konkret?
CC: Sag es Ihnen ruhig, Bernhard!
BH: Er schrieb: «Bist du eigentlich wahnsinnig?»
CC: Bernhard hat enorm viel für den Schweizer Fussball geleistet, darum kann ich nur bedauern, dass er geht. Er ist ein bisschen wie ich: Mit den Schiedsrichtern ist er auch nicht immer einverstanden, er ist leidenschaftlich wie ich, es stinkt ihm unheimlich, wenn er verliert wie den Cupfinal 2015 gegen uns. Aber nach dem Spiel kam er zu mir und gratulierte mir.

Funktionieren Sie auch so?
CC: Wenn der Gegner besser gewesen ist, erhält er ein Kompliment.

Wir müssen in einem Punkt widersprechen: Bernhard Heusler geht mit den Schiedsrichtern nicht halb so unzimperlich um wie Sie.
CC: Okay, aber es braucht doch eine Nummer 1 und eine Nummer 2… (lacht schallend) Was ich sagen will: Es wird in diesem Geschäft oft verhandelt. Heusler will Serey Die, ich sage: gut, zu diesem Preis. Er will weniger zahlen. Am Ende finden wir uns. Das heisst auch: Clubs auf diesem Niveau können ohne Präsidenten wie wir nicht existieren.

«Mit Murat Yakin haben wir uns auf eine Vertragsauflösung geeinigt.» – «Ich habe Peter Zeidler auch nicht entlassen, sondern in die Ferien geschickt!»

Sie sind das Gegenstück zu ­Heusler: Sie tun nichts lieber als zu attackieren.
CC: Bernhard ist zahmer als ich …
BH: . . . diplomatischer …
CC: . . . toleranter. Er ist Anwalt, und in diesem Job ist er verpflichtet, besonnen zu sein. Ich bin eher der Krieger.

In einem Punkt nähert sich Bernard Heusler Ihnen aber.
BH: Ich bin gespannt.

Sie wechselten den Trainer in der Vergangenheit erstaunlich oft.
BH: Mit Christian Gross waren es zwei Entlassungen, mehr sind es nicht. Mit Murat Yakin haben wir uns auf eine Vertragsauflösung geeinigt.
CC: Ich habe Peter Zeidler auch nicht entlassen, sondern in die Ferien geschickt!
BH: Wie viele Trainer hast du «im gegenseitigen Einverständnis» gewechselt?
CC: Insgesamt habe ich mit etwa 20 Trainern zusammengearbeitet.

Und wie viele davon entlassen?
CC: Keinen.

Netter Scherz.
CC: Ich erzähle nur, wie es war.

Sie setzen Trainer so unter Druck, bis sie aufgeben.
CC: Ach was. Ich habe Trainer schon im Nachwuchs weiterarbeiten lassen, nun ist einer halt in den Ferien. ­Zeidler hat jetzt etwas Zeit für sich.

Kommt er zurück?
Das sehen wir. Ich habe noch mit keinem Trainer einen Vertrag für die neue Saison abgeschlossen.

Sind Sie manchmal eifersüchtig auf Bernhard Heusler?
CC: Warum sollte ich?

Er hat einen vollen Pokalschrank.
CC: Ich habe mehr als er.
BH: Inklusive Walliser Cup vielleicht.
CC: Siebenmal den Cup, einmal den Meistertitel und einmal das Double geholt. Hast du ein Double?
BH: Ist doch klar, dass Christian nie Ja sagen wird. Ich bin doch auch nicht neidisch auf den ­Präsidenten des FC Barcelona oder des FC Bayern.

Haben Sie für Bernhard Heusler schon ein Abschiedsgeschenk?
CC: Ja.

Die Cup-Trophäe?
CC: Wenn er verdient, sie zu gewinnen, ist das in Ordnung. Aber er muss dafür etwas tun.
BH: Du hast mir schon ein Geschenk gemacht: Ihr seid in den Cupfinal eingezogen, und wir freuen uns alle enorm auf diesen Abschluss.

Und auf den Sieg?
BH: Nicht einmal das …
CC: . . . ach komm, Bernhard, natürlich freust du dich, wenn ihr gewinnt.
BH: Klar, aber zu diesem Event gehört mehr als das Spiel, der Sieg. Es wird ein Tag, an dem Tausende Menschen nach Genf reisen, aus dem Wallis, aus Basel. Die Zeit vorher ist speziell, und sie ist für uns, die bald aufhören, noch spezieller.

Und danach haben Sie mehr Zeit, um mit Christian Constantin im Wallis Ski zu fahren.
CC: Er kann zu uns nach Zermatt kommen, wann immer er will.
Bleibt nur noch eine Frage: Wer ist der bessere Skifahrer.
CC: Also, das ist klar … (richtet den Zeigefinger auf sich).
BH: Na ja (lacht).
(DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 20.05.2017, 23:38 Uhr

Die Chefs der Cupfinalisten

Christian Constantin, 60, schaffte es als Goalie bis in die Nationalliga A. Der Inhaber eines Architekturbüros in ­Martigny war von 1992 bis 1997 ein erstes Mal Präsident des FC Sion. 2003 kehrte er ins Amt zurück. Sein Palmarès: sieben Cupsiege (1995, 1996, 1997, 2006, 2009, 2011, 2015) und ein Meistertitel (1997). Sein Ruf: gnadenlos im Umgang mit Trainern. Sein Vermögen gemäss «Bilanz»: 275 Millionen Franken. Seine Vorlieben neben dem Fussball: ein Privatjet – und Ferraris. Er leistet sich stets das neueste Modell.

Bernhard Heusler, 53, wird beim FC Basel 2003 bei Hakan Yakins verworrenem Transfer zu Paris St-Germain aktiv – als Anwalt. 2009 übernimmt er das operative Geschäft, 2012 wird er Hauptaktionär und Präsident. Unter seiner Führung feiert der FCB acht Meistertitel und zwei Cupsiege, der Umsatz steigt auf 132 Millionen Franken. Er sitzt im Uefa Club Competition Comitee, ist in der European Club Association hoch angesehen und amtet als Schiedsrichter am Internationalen Sportgerichtshof. Ende Saison tritt er beim FCB zurück.

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