Besser gut aussehen

Fussballgott-Grädel ist ein Freund der Ästhetik, nicht des Gehens.

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Mit schöner Regelmässigkeit wird Grädelvon einemkomischen Traum heimgesucht:Er rennt und rennt, kommt dabei aber nicht vorwärts. Jeder Schritt schmerzt, die Lunge brennt.Es fühlt sich an, als trüge er bleierne Schuhe mit Leim an den Sohlen, während links und rechts Menschen leichten Schrittes förmlich an ihm vorbeifliegen. Grädel schämt sich. Er weiss,dass er eine traurige Gestalt abgeben muss, so wie er sich da schnaufendwie ein asthmatisches Brauereipferd Meter um Meter erkämpft, bis der Wecker ihn irgendwann von der Pein erlöst.

Wie kann man das deuten? Soll man Träume überhaupt deuten? Bereits sind 2,35 km im Marathon absolviert, mit dem Steve von Bergen neulich die Meisterschaft verglich; YB hält nach zwei Runden tapfer die Spitze. Jetzt einfach weiter so, «Gring ache u seckle», ohne Rücksicht auf den Laufstil. Schliesslich beten Trainer jedwelcher Fussballmannschaft bei jeder sich bietenden Gelegenheit eines immer wieder mantraartig vor: nur auf sich selbst zu schauen. Das ist weder besonders originell noch solidarisch oder rücksichtsvoll, aber offenbar ein unverrückbares Grundprinzip im modernen Fussball.

Haben Sie auch schon mal den Gehern zugeschaut? Eine Sportart wie ein Unfall auf der Autobahn – man müsste eigentlich wegschauen, kann es aber einfach nicht. Gehen ist kein Sport für Freunde der Ästhetik – «ums Verrecken das Tram erreichen ohne zu rennen» als olympische Disziplin. Den Gehern wird das egal sein, die schauen auch nur auf sich, zwangsläufig. Die YB-Abwehr hat in Kiew auch nicht gut ausgesehen, Grädel musste mehrmals wegschauen.

Aber abgerechnet wird immer erst am Schluss, und Grädel geht mit Steve von Bergen einig: Eine Saison lang Fussball spielen ist kein 400-Meter-Lauf, dafür ein ausgewachsener Marathon. Man kann zwischendurch stolpern und auf die Nase fallen, schlecht aussehen und am Schluss komatös über die Ziellinie torkeln (googeln Sie sonst nach «Gabriela Andersen-Schiess»,falls Sie noch nicht auf der Welt waren, als YB letztmals einen Titel feierte). Aber laufen muss man, laufen! Ach ja, wegen dieses komischen Traums: Grädel hat sich im Internet auf die Schnelle schlau gemacht und dort gelesen, dass altägyptische Traumforscher das Laufen, bei dem man aber doch nicht von der Stelle kommt,als das lange, manchmal vergebliche Warten auf eigene Erfolge deuten.

Das hat Grädel dann doch ein bisschen beschäftigt. Er wird das mit seiner Frau besprechen müssen.

Der Bund

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