Berner Weg und Spychers Werk

Nach vielen schwierigen Jahren sind die Young Boys sportlich und wirtschaftlich auf Erfolgskurs. Christoph Spycher ist der Baumeister des Aufschwungs.

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YB hört 2018 einfach nicht auf, an seiner Erfolgsgeschichte zu schreiben. Die erstmalige Teilnahme an der Champions League und die Aussicht auf Begegnungen mit der Juventus von Cristiano Ronaldo, mit Manchester United und Valencia haben die Euphorie in Club, Anhang und Stadt noch einmal anwachsen lassen. Mittendrin im Trubel steht Christoph Spycher, der Sportchef, und sagt: «Wir sind stolz und fühlen eine tiefe Befriedigung. Aber wir dürfen nicht vergessen, woher wir kommen.»

Der Aufschwung der Young Boys hat Züge eines Märchens. Und um zu verstehen, welchen grossen Anteil Spycher daran besitzt, muss man rund zwei Jahre zurückblicken. Im September 2016 stand die Organisation wieder einmal vor einem Scherbenhaufen. Sportlich, weil YB zuverlässig die entscheidenden Begegnungen verloren hatte, und wirtschaftlich, weil die Besitzer Andy und Hansueli Rihs die Nase gestrichen voll hatten, seit 2010 Jahr für Jahr ein hohes Millionendefizit übernehmen zu müssen.

Urs Siegenthaler, YB-Verwaltungsrat mit Basler Wurzeln, sprach in bizarren Interviews davon, dass es für die Young Boys «völlig unrealistisch» sei, den FC Basel attackieren und nach den Sternen greifen zu wollen. Sportchef Fredy Bickel und CEO Alain Kappeler wurden entlassen, der «BSC Hollywood» bot prächtige Unterhaltung, wobei sich nach den chaotischen Vorgängen Mitleid und Spott in der Öffentlichkeit die Waage hielten. Lokalmedien nannten YB-Talentmanager Christoph Spycher den «letzten Hoffnungsträger» des Clubs.


Video: Die YB-Spieler nach der Qualifikation

Herzlicher Empfang für den Meister. Video: Tamedia


Spycher rang mit sich. In seiner Karriereplanung war lange Zeit nicht vorgesehen gewesen, auch nach seiner Zeit als Spieler vieles dem Fussball unterzuordnen. Der zweifache Familienvater aber wusste, wie schlimm es um seinen Arbeitgeber stand. Und dass vielleicht tatsächlich nur er den schlingernden Verein wieder auf Kurs bringen könnte. Das hätte er natürlich nie so gesagt. Nach seiner Vorstellung als Sportchef sagte er: «Wir haben viele fähige Leute. Nun geht es darum, YB als Ausbildungsclub zu positionieren und Glaubwürdigkeit zurückzugewinnen.»

Der Einfluss des oft unterschätzten Chefscouts Stéphane Chapuisat

Mit der bodenständigen Identifikationsfigur Spycher setzten die Young Boys zum kaum mehr für möglich gehaltenen Höhenflug an. Der Berner drehte auf den vielen Baustellen an den richtigen Schrauben. Menschen, die ihn näher kennen, staunen über die strukturierte Arbeitsweise des 40-Jährigen. Spycher, mit einem klaren Sparauftrag der Rihs-Brüder angetreten, gelang die Quadratur des Kreises: Die Mannschaft wurde nicht nur jünger, besser, talentierter, sondern vor allem: erheblich günstiger.

Er wurde die Vertreter der teuren Mittelklasse los - erwähnt sei Milan Vilotic - und stärkte die Position des oft unterschätzten Chefscouts Stéphane Chapuisat. Auch Verwaltungsrat Ernst Graf und Ausbildungschef Gérard Castella gehören zum inneren Zirkel. Und Spycher profitierte von guter Vorarbeit; 2017 konnten Denis Zakaria, Yvon Mvogo, Yoric Ravet, Florent Hadergjonaj und Yuya Kubo für rund 30 Millionen Franken ins Ausland verkauft werden.

Spycher war jedoch erschrocken, als er die hohen Löhne vieler YB-Fussballer sah. Schritt für Schritt baute er das Team um und die Kosten ab, wobei er die eine und andere intensive Unterhaltung mit Adi Hütter führte. Der Trainer hegte die Befürchtung, mit Zugängen wie Djibril Sow (Gladbach-Nachwuchs), Christian Fassnacht (Thun) oder den Challenge-League-Spielern Jean-Pierre Nsame (Servette) und Goalie David von Ballmoos (Winterthur) würde es schwer werden, Basel näherzurücken. «Wir waren überzeugt von diesen Spielern», sagt Spycher, «und wir waren überzeugt von unserer Philosophie, Talente einzubauen. Es gibt keine Alternative dazu. Wir müssen Einnahmen über Transfererlöse generieren.»

Wuschu, der Leader und Captain

Christoph Spycher ist ein unaufgeregter Teamplayer, dank seiner Sozialkompetenz kann er Menschen überzeugen und begeistern. «Er arbeitet sehr gewissenhaft», sagt Adi Hütter, mittlerweile bei Frankfurt engagiert. «Er ist ein Chef, der seine Mitarbeiter mitreden lässt.» Spycher, den alle seit Kindeszeiten «Wuschu» nennen, war als Fussballer immer ein Leader und meistens Captain, sogar bei Frankfurt und am Ende seiner Karriere auch bei YB.

Nach wenigen Wochen als Spieler in Bern wurde 2010 jedoch sein Fürsprecher und Stadionchef Stefan Niedermaier nach einem Machtkampf rausgeworfen, es war ein Tiefschlag für Spycher. Als er 2014 zurücktrat, blickte er auf vier turbulente, unbefriedigende Jahre unter ständig neuer Führungscrew bei seinem Herzensclub zurück. Seine Beziehung zu den Young Boys blieb unvollendet, als Junior war er nach einem Probetraining heimgeschickt worden. Nach seinem letzten Auftritt für YB stand Spycher auf dem Zaun vor den Fans im Stade de Suisse und sagte den Anhängern, er werde alles daran setzen, dass es irgendwann mit einem Titel klappe.


Video: Die Entscheidung

Hoarau schiesst YB in die Champions League


Heute muss YB seine Spieler nicht mehr unter Wert verkaufen

Während seiner Zeit als Talentmanager bildete sich Spycher vielseitig weiter; er tritt souverän auf, wird selten laut, ist stets gut vorbereitet. Und er hat viele richtige Entscheidungen getroffen. In diesem Sommer etwa gelang es ihm, mit Ausnahme von Kasim Nuhu alle Leistungsträger zu halten: «Wir sind nicht mehr gezwungen, Spieler aus wirtschaftlichen Gründen unter Wert zu verkaufen.»

Und so sind sie alle noch da, Fassnacht und Assalé, Sow und Sanogo und sogar Mbabu. Auch, weil die gebotenen Summen nicht den YB-Vorstellungen entsprachen. Spycher diskutiert regelmässig mit den Spielern, zeigt ihnen Laufbahnmöglichkeiten auf. Mit Sow und dessen Management fand er gar den Konsens, dass der stark umworbene Mittelfeldspieler noch eine Saison bleibt, um sich besser entwickeln zu können. Sow wird nun mit Auftritten in der Champions League belohnt. Sein Marktwert könnte so noch einmal in die Höhe schnellen.

«Basel ist wirtschaftlich die Nummer 1»

Wenn es Massnahmen gab, die riskant schienen, redet heute keiner mehr davon. Kurz nach dem Einstieg als Sportchef verlängerte Spycher etwa den hübsch dotierten Vertrag mit dem bereits 32-jährigen, verletzungsanfälligen Hoarau vorzeitig bis 2020. Jetzt hat dieser Hoarau YB gegen Zagreb mit zwei Toren in die Königsklasse geschossen, in der Einnahmen von rund 30 Millionen auf den Club warten. Das Risiko hat sich ausbezahlt.

Wie bis jetzt jenes, als Nachfolger von Meistermacher Hütter auf den unerfahrenen Gerardo Seoane zu setzen. Vielleicht spielt es bei den Young Boys gar keine so grosse Rolle mehr, wer Trainer ist, die Strukturen sind gewachsen, wie das beim FC Basel bis Sommer 2017 der Fall war. Trotz aktueller Berner Ekstase und Basler Tristesse bleibt Spycher realistisch: «Basel ist wirtschaftlich immer noch die klare Nummer 1. Wir können nicht in einem Jahr aufholen, was sich der FCB so lange aufgebaut hat.»

Die für YB riesengrosse Sternenliga weckt ohnehin neue Begehrlichkeiten, unberechenbare Kräfte wirken, der Club steht vor einem besonderen Herbst. Spycher denkt auch daran, wenn er sagt: «Es gibt einige Vereine aus kleinen Ligen, die nach einer Teilnahme an der Champions League abgestürzt sind. Wir sind gut beraten, unseren Weg konsequent weiterzugehen.» (SonntagsZeitung)

Erstellt: 02.09.2018, 14:39 Uhr

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