«Beim 5. Mal lasse ich Dampf ab»

Fredy Bickel ist der Sportchef mit der grössten Erfahrung in der Super League. Was ihn mit 50 noch antreibt, sind die Emotionen im Fussball.

«Ich liebe das Geschäft, ich liebe den Fussball»: YB-Sportchef Fredy Bickel.

«Ich liebe das Geschäft, ich liebe den Fussball»: YB-Sportchef Fredy Bickel.

(Bild: Valérie Chételat)

Ruedi Kunz

Das Jahresende naht, die Zeit der Besinnung hat begonnen. Auch für den YB-Sportchef? Besinnen musst du dich jeden Tag ­wieder (lacht). Ich hoffe, dass ich ein paar freie Tage habe vor Weihnachten, in denen ich meine Kinder, Eltern und Schwester besuchen kann. Aber es wartet viel Arbeit, weshalb ich mich entschieden habe, keine Ferien zu buchen.

Wie feiern Sie Weihnachten? Welche Bedeutung hat für Sie Weihnachten? Es ist mir sehr wichtig, auch wenn ich nicht wahnsinnig religiös bin. Das Zusammensein mit meiner Familie bedeutet mir sehr viel. Was ich schon seit über 20 Jahren immer organisiere vor Weihnachten: einen Apéro, zu dem Freunde, alte Fussballkollegen und viele Trainer aus der ganzen Schweiz eingeladen sind. Das ist etwas vom Schönsten für mich.

Gibt es für einen Sportchef im ­Fussball heute sonst noch Tage oder Wochen im Jahr, in denen er es etwas gemütlicher angehen kann? Nein. Die ruhigste Zeit ist in der Regel die Länderspielpause im Oktober, weil dann alle Transfers getätigt sind. Das sind 10 Tage, in denen ich etwas Ruhe habe.

Wie und wo kann Fredy Bickel vom Fussball abschalten? Bei einem ausgedehnten Abendessen oder einem Jassabend mit Freunden.

Kochen Sie auch selber? Nein, nein. Ausser der Kaffeemaschine kann ich praktisch kein Küchengerät bedienen (schmunzelt). In meinem Kühlschrank hat es nicht viel mehr als Milch, einige Liter Tomatensaft und Weisswein.

Welche Rolle spielt die Musik in Ihrer Freizeit? Eine sehr wichtige. Ich gehe gerne an Konzerte – und zwar an verschiedenste. Ich bin nämlich nicht derart auf Schlager fixiert, wie das zuweilen behauptet wird. Bob Dylan, Bruce Springsteen und Status Quo gefallen mir genauso wie Schlagerstars. In Bern gehe ich gerne zu Cuco in der unteren Altstadt. Dort wird über die Berner Musiker oder die Zeiten von Peter, Sue und Marc erzählt.

Woher kommt die Affinität für die Musik? Vielleicht von der Grossmutter, bei der stets Platten gelaufen sind. Ich habe mir zu meinem 3. Geburtstag eine Heintje-Platte gewünscht. Dass es mit dem Singen nichts wird, habe ich schnell gemerkt. Was ich getan habe in jüngeren Jahren: Ich habe versucht, ein paar Sänger zu promoten.

Und hatten Sie Erfolg? Eigentlich nicht. Das wahrscheinlich einzige Erfolgserlebnis hatte ich mit Schlagersänger Leonard, einem Jugendfreund von mir. Dies war eine Tournee durch die DDR in den späten 80er-­Jahren. Wir waren mit meinem roten Peugeot 205 unterwegs.

«Es hat für mich nie etwas Spannenderes gegeben als Musik und Fussball.»Fredy Bickel, YB-Sportchef

Hat Sie das Musikbusiness gereizt? Es hat für mich nie etwas Spannenderes gegeben als Musik und Fussball. Was mich auch an der Musik fasziniert, sind die Emotionen, die ausgelöst werden.

Fussball- und Musikbühnen ­scheinen Sie zu faszinieren? Das hat weniger mit der Bühne zu tun, als mit den Leuten, die darauf stehen. Sie sind meistens unglaublich kreativ, ­eigenständige Persönlichkeiten und ­haben besondere Talente. Mit ­solchen Leuten zu diskutieren, finde ich wahnsinnig anregend. Mit Beat Schlatter habe ich schon ganze Abende über das Funktionieren von Teams auf der Bühne und auf dem Fussballplatz diskutiert.

Können Sie sich vorstellen, beruflich noch etwas anderes anzupacken als das Sportmanagement? Nein. Ich wollte immer etwas mit Fussball zu tun haben. Zuerst war es der Traum, Fussballprofi zu werden. Als ich merkte, dass daraus nichts wird, wechselte ich in den Journalismus, um das Geschehen auf dem Platz zumindest von der Pressetribüne verfolgen zu können. Irgendwann wollte ich noch näher an den Spielfeldrand heran.

Bis auf welche Stufe haben Sie es als aktiver Fussballer geschafft? Ich habe es vorübergehend ins Kader des damaligen Erstligisten SC Zug geschafft. Nach drei Monaten hat mir Trainer Otto Luttrop gesagt: «Junge, konzentrier dich auf deine Lehrstelle!» Er hatte völlig recht, ich hätte es nie geschafft.

Wieso nicht? Ich war zu weich. Ich wollte Fussball spielen, aber nicht hart dafür arbeiten.

Sie sind schon viele Jahre Sportchef. Wie viel anspruchsvoller und stressiger ist der Job geworden? Wirkt sich das auch auf das Wohlbefinden aus? Aussenstehende empfinden meine Arbeit viel stressiger als ich selber. Ich liebe das Geschäft, ich liebe den Fussball. Klar ist mit zunehmendem Alter hie und da die Frage aufgetaucht, ob es nicht auch noch etwas anderes gegeben hätte im ­Leben. Ich habe zu wenig von meinen Kindern gehabt und Beziehungen haben unter dem Fussball gelitten. Ich konnte mich immer schlecht abgrenzen. Andres Gerber vom FC Thun macht das besser.

«Die Gewissensbisse kommen, je älter je mehr.»Fredy Bickel, YB-Sportchef

Haben Sie sich schon Vorwürfe gemacht deswegen? Ja. Die Gewissensbisse kommen, je älter je mehr.

Macht der Job als Sportchef ­überhaupt noch Spass? Ja. Wie gesagt, es gibt gute und schlechte Emotionen. Das erlebst du nirgendwo – ausser vielleicht im Musikbusiness oder auf der Bühne.

Sind Sie süchtig nach Emotionen? Süchtig ist das falsche Wort. Aber ich liebe Emotionen.

Ein Sportchef eines populären Fussballvereins ist heute viel grösserer Kritik ausgesetzt als vor 15, 20 Jahren. Damals gab es nur Zeitungen und TV/Radio, heute Online-Portale und Social-Media-Plattformen, in denen jeder seine Meinung kundtun kann. Oft auch hämisch oder beleidigend. Wie gehen Sie damit um? Du musst lernen, damit umzugehen. Wenn du das nicht kannst, gehst du zugrunde. Was mir am meisten Mühe bereitet – komischerweise mit zunehmendem Alter immer mehr – ist die Dynamik, die eine Nachricht heute zuweilen entwickelt. Sie verbreitet sich in Windeseile, und als Direktbetroffener bist du kaum mehr fähig, Gegensteuer zu geben, auch wenn du noch so genau belegen kannst, dass es nicht so ist.

Sprechen Sie die Kaskade an, die nach der temporären Beförderung von YB-Assistenztrainer Harald Gämperle zum Chefcoach entstand? Die Aufregung, die nach Fortes Entlassung um die neue Rolle von Gämperle entstand, ist tatsächlich ein exemplarisches Beispiel. Bevor wir uns vorsehen konnten, schrieb die ganze Schweiz, ­Bickel wolle seinen alten Kumpel Gämperle fix als YB-Cheftrainer installieren. Wenn du so etwas immer wieder liest, kommt Wut auf – auch weil du ohnmächtig bist.

Haben Sie auch schon bei ­Medienschaffenden interveniert? In vier von fünf Fällen schlucke ich nur leer, beim fünften Mal lasse ich Dampf ab, obwohl es nicht viel bringt. Der ­betroffene Journalist denkt dann erst recht, dass an der Story was dran sein muss. Wie heisst es jeweils so schön: ­Getroffene Hunde bellen (schmunzelt).

Ein anderes delikates Thema für einen Sportchef sind die vielen Spielerberater. Wie sehr erschweren diese die tägliche Arbeit? Als ich als Sportchef begann, gab es ein, zwei Berater, mit denen man sich herumschlagen musste. Heute sind es mehrere Dutzend. Im Verhältnis zur Anzahl Berufsspieler ist die Zahl der Agenten weit überproportional. Das führt dazu, dass sich mehrere Berater um den gleichen Spieler reissen, was die Verhandlungen verkompliziert und verlängert.

Wie viel länger dauert eine Verpflichtung eines Spielers im Vergleich zu früher? Der Transfer geht immer noch schnell, die Vorarbeit ist inzwischen immens. Das läuft aber von Fall zu Fall anders ab. Beim Sulejmani-Transfer lief vieles über Loris Benito. Er sagte mir, dass da vielleicht etwas zu ­machen sei, und hat uns die Tür geöffnet. Es braucht einfach ein grosses Beziehungsnetz. Und dieses muss sehr gut gepflegt werden. Dazu zählen auch ehemalige Spieler, mit denen ich mich regelmässig austausche wie Gelson ­Fernandes, ­Mehmedi oder Dzemaili.

Und wie läuft es bei der Suche nach Schweizer Talenten ab? Unsere Scouts besuchen regelmässig die Spiele der Nachwuchs-Nationalteams. Dann erhalte ich Rapporte über Talente und gehe selber als Beobachter hin. Falls ein ­Spieler interessant ist, suchen wir das ­Gespräch mit dem Club und dem Spieler oder seinem Agenten, wenn er schon einen hat. So haben wir Servette Ende 2014 unser Interesse an Denis Zakaria ­signalisiert. Bis im März hatten wir mit dem Spieler fast alles geregelt und dies dem Club mitgeteilt. Das rüttelte Servette auf und Zakaria rückte sofort von der U-21 in die erste Mannschaft nach. Bald darauf waren vier oder fünf Vereine da, die ebenfalls Interesse an ihm bekundeten. Letztlich hatten wir das Glück, dass wir als erste an Zakaria dran gewesen sind.

Gab es zuletzt interessante Spieler, die YB nicht nach Bern holen konnte? Es gab einen weiteren Spieler von ­Servette, den wir gerne geholt hätten.

Das dürfte Kevin Bua sein, der heute beim FC Zürich spielt? Genau. Aber ein Zuzug muss immer Sinn machen für einen Club. Wir wussten, dass wir auf den Aussenpositionen ­Steffen, Sulejmani, Nuzzolo, ­Seferi und Gonzalez haben. Und einen Spieler nur verpflichten, damit ihn ein anderer Club nicht holen kann, ergibt keinen Sinn. Das ist nicht unsere Philosophie.

Nun, YB spielt schon seit Ende ­Oktober wieder bloss um die Ehre. Wie stark schmerzt das? Dass wir es im Cup und der Europa League nicht weitergebracht ­haben, stört mich noch immer sehr. Auch in der Liga ist der Rückstand schon gross. Nach aussen ist klar: Das wars, YB holt wieder ­keinen ­Titel. Intern haben wir noch ­etliche Ziele. Dazu gehört die Europa-League-Qualifikation. Ausserdem wollen wir die Kaderplanung vorantreiben, ­damit wir nächste Saison bereit sind.

«Es ist nicht gut, immer von Geduld und Zeit zu sprechen. Das mag niemand mehr hören»Fredy Bickel, YB-Sportchef

Wann ist YB endlich soweit, dass es für einen Titel reicht? Es ist nicht gut, immer von Geduld und Zeit zu sprechen. Das mag niemand mehr hören und darum will ich auch nicht betteln. Ich bin aber überzeugt, dass wir auf einem sehr guten Weg sind. Wir konnten sehr viel aufgleisen, von dem wir in Zukunft profitieren werden. Es ist gesät bei YB – in der Mannschaft und im Umfeld. Nun müssen wir das Ganze weiter pflegen, Korrekturen vornehmen, wo sie noch nötig sind, und konstant gute Leistungen zeigen.

Der Trainer ist diesmal der richtige? Wir sind überaus glücklich mit der Trainerwahl. Auch das neue Trainerteam passt perfekt zusammen. Adi Hütter und Harald Gämperle sind beide sehr zielorientiert, während Christian Peintinger auch weiche Faktoren einbringt.

Was macht Sie bei Hütter sicher, dass er der richtige Trainer für YB ist? Seine Arbeitsweise, seine Klarheit, seine Ehrlichkeit, seine Direktheit.

Wer bestimmt bei YB die ­Strategie? Schon vor meiner Anstellung 2013 war die neue Strategie festgelegt worden. Die Besitzer und der Verwaltungsrat wollten einen anderen Weg gehen und vor allem den Nachwuchsbereich stärken. Das bedeutet, die eigenen Spieler mit Perspektiven bei YB zu halten, wieder attraktiv werden für Talente aus der Region.

Hinter dieser Vorgabe stehen Sie? Ja, weil sie sich mit meinen Vorstellungen deckt, wie ich den Fussball in der Schweiz sehe. Den FC Basel einmal ausgenommen, betrachte ich die Schweiz als Ausbildungsliga. Ich glaube, dass eine gute Nachwuchsarbeit in den nächsten Jahren noch wichtiger wird. Deshalb bin ich überzeugt, dass der festgelegte Rahmen bei YB stimmt. Bei meinem Start hatten wir nur einen Spieler im U-21-Nationalteam, heute stellen wir dort mit sechs ­regelmässig aufgebotenen Spielern die meisten Akteure. Davon konnten wir vor drei Jahren nur träumen.

«Ich kann bei YB nicht frei schalten und walten.»Fredy Bickel, YB-Sportchef

Wie streng wird die Strategie bei YB überprüft? Wie oft müssen Sie den Besitzern Rechenschaft ablegen. Wie zum Beispiel am Ende dieses Jahres, in dem ja vieles nicht nach Wunsch gelaufen ist? Ich tausche mich fast täglich mit Präsident Werner Müller aus. Die Besitzer Andy und Hans-Ueli Rihs und die Verwaltungsräte erhalten nach jedem Spiel einen Rapport und monatlich einen Zwischenbericht. Bei uns ist das ein rollender Prozess. Klar ist, dass ich nicht frei schalten und walten kann, dass es klare Leitplanken gibt wie ­finanzielle Vorgaben oder Lohnstrukturen, an die ich mich halten muss. Und dass Entscheide in Kommissionen vorbereitet werden.

Sie haben schon im Sommer gesagt, dass YB noch Spieler verkaufen muss, um das Budget einzuhalten. Es ist klar, dass wir den Bestand in der Winterpause reduzieren müssen. Wir ­haben nur noch 18 Spiele vor uns, da ­reichen 23 Spieler. Das bringen wir hin.

Der neue Trainer wird aber wohl auch noch Wünsche haben? Seine Wunschliste ist zwar lang, aber Weihnachten kann im Fussball auch im Sommer sein. Für gewisse Dinge braucht es auch den richtigen Zeitpunkt.

Die gesammelten Samstagsinterviews unter www.samstagsinterviews.derbund.ch

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