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Bei den Unruhestiftern

Nationaltrainer Michael Skibbe versucht die Vorfälle zu relativieren, die den griechischen Fussball erschüttern – am Freitag testet er mit seinem Team in Athen gegen die Schweiz.

Mit viel Geschick will er es an die EM 2020 schaffen: Griechenlands Trainer Michael Skibbe. Foto: Srdjan Stevanovic (Getty Images)
Mit viel Geschick will er es an die EM 2020 schaffen: Griechenlands Trainer Michael Skibbe. Foto: Srdjan Stevanovic (Getty Images)

Michael Skibbe hat viel gesehen im Fussball. Dortmund, den brodelnden Kessel im Ruhrgebiet, aus dem er selbst kommt. Das deutsche Nationalteam, als es 2002 den WM-Final bestritt. Die Türkei, wo die Löhne gerne einmal nicht ausbezahlt wurden, wie es vertraglich vereinbart war. Hertha Berlin, wo er nach 32 Tagen und 5 Niederlagen entlassen wurde. Die Grasshoppers, wo er im Januar 2015 nach eineinhalb Jahren den Vertrag auflöste, weil er von Grabenkämpfen um Erich Vogel ermüdet war.

Jetzt ist Skibbe in Griechenland, seit zweieinhalb Jahren hält er sich da als ­Nationaltrainer. Das ist schon recht lang. Und in dieser Zeit hat er wieder recht viel erlebt. Gerade zu der Zeit tut er das, da es im griechischen Fussball drunter und drüber geht. Spiele werden wegen ­Ausschreitungen von Zuschauern abgebrochen, Schiedsrichter werden angegriffen, Trainer und Polizisten auch. Im Moment ist auf Geheiss der Regierung sogar die ganze Meisterschaft unter­brochen.

Skibbe nimmt das mit der Gelassenheit hin, die ihm mit seinen 52 Jahren eigen ist. «Der Grieche neigt zu Übertreibungen», sagt er, «aus relativ wenig wird viel gemacht, Dinge werden auf­gebauscht.» So versucht er das zu relativieren, was den Fussball in Griechenland erschüttert hat.

Als Beispiel nimmt er das Spiel zwischen PAOK Saloniki und Olympiakos ­Piräus vor drei Wochen. Er erzählt von der fantastischen Stimmung, als die Mannschaften aufs Feld liefen, von Luftschlangen, die aus Tradition auf den Platz geworfen wurden. Fatalerweise war eine Papierrolle einer Registrierkasse darunter, und die traf Olympiakos-Trainer Oscar Garcia am Kopf. «Es war gar nichts wahnsinnig Schlimmes», sagt Skibbe. Die Fernsehbilder zeigen allerdings, wie vor lauter Pyros das ganze Stadion zu brennen schien. Der Match wurde gar nicht erst angepfiffen. PAOK verlor 0:3 forfait.

Vor zehn Tagen ging es wieder um PAOK, diesmal spielte es gegen AEK Athen, neben Olympiakos und Panathi­naikos der dritte grosse Rivale aus der Hauptstadt. «Ein toller Match, hitzig, umkämpft», berichtet Skibbe. In der 89. Minute wurde ein Tor von PAOK ­wegen eines Abseits annulliert. Pyros flogen auf den Rasen, der Besitzer von PAOK, der russisch-griechische Oligarch Ivan Savvidis, stürmte auf den Platz – im Halfter eine Pistole. «Er scheint immer eine zu tragen», sagt Skibbe, «die ­Erlaubnis dafür hat er.»

Skibbe ist überzeugt: «Wenn ich meine ersten 11 aufs Feld bringen kann, haben wir in etwa das Niveau der Schweiz.»

Während zwei Stunden war das Spiel unterbrochen. Dann entschied der Schiedsrichter, das Tor zähle doch. ­Worauf sich die AEK-Spieler weigerten, auf den Platz zurückzukehren, um den Match zu beenden. «Es war ein Tohuwabohu, ja», sagt Skibbe, «aber kein ­Gewaltexzess.» Savvidis hat sich für seinen Auftritt schnell entschuldigt. Die ­Regierung hat trotzdem vorderhand genug vom Clubfussball. Und der griechische Verband hat das Länderspiel am Freitag gegen die Schweiz von Saloniki nach Athen verlegt.

Aus Griechenland, dem Land von ­Homer, Aristoteles, Sokrates oder Hippokrates, werden immer wieder einmal Nachrichten nicht nur von Gewalt, sondern auch von Korruption im Fussball übermittelt. Evangelos Marinakis stand dabei wiederholt im Zentrum. Es ging um den Vorwurf, Spiele manipuliert und dazu eine kriminelle Organisation ­gegründet zu haben. Marinakis, ein schwergewichtiger Reeder, ist der Eigentümer von Olympiakos, das unter ihm zwischen 2011 und 2017 siebenmal die Meisterschaft gewann. Schiedsrichter sollen ihm dabei geholfen haben.

«Das Problem in Griechenland ist, dass sich alle von den Schiedsrichtern benachteiligt fühlen», sagt Skibbe, «über sie wird dauernd gemeckert: vor dem Spiel, während und nach einer Niederlage erst recht.» Ein früherer Schiedsrichterchef wurde so massiv bedroht, bis er zurücktrat, einem zweiten das ­Ferienhaus abgebrannt. Skibbe hat beobachtet, dass die Clubs und Präsidenten nicht zum Wohl des gesamten Fussballs zusammenarbeiten, sondern lieber gegeneinander. Er sagt: «Alle Beteiligten tun alles dafür, um den anderen in einem schlechten Licht da stehen zu lassen.» Marinakis übrigens, dem auch Nottingham Forest gehört, ist stets von allen Anklagen freigesprochen worden.

Trotz allem fühlt sich Skibbe wohl da, wo er ist, und hat den Vertrag um zwei Jahre bis Ende 2019 verlängert. In Glyfada, einem Athener Vorort, hat er sich ein schönes Appartement eingerichtet. Wenn er um die Ecke schaut, sieht er das Meer. Irgendwann fragt er: «Können wir nicht über Fussball reden?»

In der letzten WM-Qualifikation führte er die Griechen auf den 2. Gruppenplatz hinter Belgien und in die Barrage, die gegen Kroatien verloren ging. Das nächste Ziel ist die EM 2020. Er glaubt an die Qualität des Teams, um das ­erreichen zu können: «Wenn ich meine ersten 11 aufs Feld bringen kann, haben wir in etwa das Niveau der Schweiz.»

Vor allem von seinem Abwehrzentrum ist er überzeugt, von Sokratis (Dortmund) und Kostas Manolas (AS Roma), dem derzeit verletzten Captain. An ­guten Tagen schreibt er ihnen Weltklasse zu. Er redet von Konstantinos Mitroglou (Marseille), «ein guter Stürmer, ein richtiges Schlitzohr». Von ­Panagiotis Retsos (Leverkusen), Marios ­Oikonomou (Bologna) oder Andreas ­Samaris (Benfica), die ebenfalls im Ausland unter Vertrag stehen.

Die Erinnerung an Rehhagel

In der heimischen Super League sieht er derzeit keine griechischen Topspieler engagiert. Deshalb kommen sie auch nicht bei ausländischen Topclubs unter. Das hilft Skibbe und dem Nationalteam auch nicht ­weiter. Ein Problem des Vereinsfussballs ist die fehlende Wirtschaftskraft. Die Griechen haben bei weitem nicht die Mittel, um international mit den Besten mithalten zu können. «Und Geld macht nun einmal den Unterschied», sagt Skibbe. Panathinaikos, dem Meistercupfinalisten von 1971, ergeht es dabei nicht anders als anderen traditionsreichen Vereinen wie Anderlecht oder Roter Stern Belgrad, die ebenso wenig aus einem Land der ­grossen Vier kommen.

2004 war Griechenland Europameister. Das ist heute noch so unvorstellbar, wie es damals war. Der Trainer hiess Otto Rehhagel. Was der Deutsche machte, war keine Zauberei. Er ordnete simplen Betonfussball an, über den alle, ausser die Griechen, die Nase rümpften. «Modern ist, wer gewinnt», verteidigte Rehhagel seine Taktik. Selbst Skibbe sagt: «Am Ende ist der erfolgreiche Fussball der schöne Fussball.»

Von jenem sagenumwobenen Sommer ist eines bis heute in Griechenland übrig geblieben: «der Wunsch nach grundsätzlicher und taktischer Disziplin», so Skibbe. Das ist ein wesentlicher Grund, warum er als Nationalcoach ­engagiert worden ist.

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