Babbel kämpft für sein Glück

Der frühere Luzern-Trainer und zwei Schweizer Spieler stecken mit den Western Sydney Wanderers im Tief. Und erleben, wie Australien wegen der Brandkatastrophe leidet.

«Es müssen wieder bessere Ergebnisse kommen»: Markus Babbel. Foto: Hagen Hopkins (Getty Images)

«Es müssen wieder bessere Ergebnisse kommen»: Markus Babbel. Foto: Hagen Hopkins (Getty Images)

Peter M. Birrer@tagesanzeiger

Manchmal sitzt Markus Babbel auf dem Balkon seiner Wohnung in Kirribilli, der Stadtteil liegt im Norden von Sydney. Mit dem Handy macht er Schnappschüsse oder Videos, die neidisch ­machen: freie Sicht aufs Wasser mit Dutzenden Booten, auf die Harbour Bridge, blauer Himmel, Shortswetter. Dann weiss er: «Mir geht es überragend.»

«Ich hatte auch schon das Gefühl, das sei ein Glücksspiel unter freiem Himmel.»Markus Babbel, Trainer

In diesen Tagen bietet sich ihm ein anderer Ausblick. Es sieht aus, als kündigte sich der Herbst an in Australien. Sydney steckt unter einer Dunstglocke, aber mit einer unfreundlichen Jahreszeit hat das nichts zu tun. In den Bundesstaaten New South Wales und Victoria wüten verheerende Buschfeuer, der kräftige Wind trägt den Rauch an die Küste. Und wenn Babbel hinausfährt aus der Metropole in den Westen nach Blacktown, ist er auch den Blue Mountains näher. Das ist eine der Gegenden, in denen heftige Feuer lodern. Es herrscht der Ausnahmezustand. Australien leidet. Babbel sagt: «Es sind unfassbare Bilder.»

In Blacktown herrschen merklich höhere Temperaturen als in Sydney, sie steigen in diesen Tagen zuweilen auf über 40 Grad. Babbel hat im Vorort beruflich zu tun, weil dort das Trainingsgelände seines Arbeitgebers liegt. Der 47-jährige Münchner, 1996 Europameister mit Deutschland und bis vor zwei Jahren Coach beim FC Luzern, übernahm im Sommer 2018 die Western Sydney Wanderers.

Motor zu wenig stark

Die erste Saison endete früh, weil Babbel mit den Wanderers das Playoff verpasste. Der Start in die zweite Spielzeit glückte mit drei Siegen in Folge. Aber seither sind in neun Partien nur noch fünf Punkte hinzugekommen. Babbel, im Oktober noch zum Trainer des Monats gewählt, steht in der Kritik. Das nimmt er mit einer gewissen Gelassenheit. Zu schaffen macht ihm hingegen das Gefühl, von den Schiedsrichtern benachteiligt zu werden. Öffentlich stellte er deren Integrität infrage, was beim Verband schlecht ankam: Dieser reagierte mit zwei Verwarnungen und einer Busse. Inzwischen versucht Babbel, das Ganze mit Humor zu nehmen: «Ich hatte auch schon das Gefühl, das sei ein Glücksspiel unter ­freiem Himmel.»

Pirmin Schwegler, Western Sydney Wanderers

Nun weiss der Coach sehr wohl, dass sich nicht alle Schuld für Misserfolg auf die Schiedsrichter abwälzen lässt. Er hat im Sommer die Mannschaft zwar verstärkt, mit Alex Meier und Nicolai Müller aus Deutschland, mit den Schweizern Pirmin Schwegler und Daniel Lopar. «Aber der Motor», so formuliert es Babbel, «hat trotz allem noch nicht die gewünschte Leistungsstärke.» Was er vermisst, sind Typen, australische Fussballer mit der Mentalität, die Altmeistern wie Mark Viduka oder Harry Kewell zu ei­ner schönen Karriere in Europa verhalf. «Es gibt im Land einige Talente», sagt Babbel, «aber die haben kaum Interesse, den Kontinent zu verlassen. Sie verdienen ihr Geld in der Liga und haben genügend Zeit fürs Surfen.»

Ende Saison läuft Babbels Vertrag bei den Wanderers aus. «Der Präsident und der CEO können zwar nachvollziehen, warum wir zuletzt Mühe hatten», sagt er, «aber klar ist: Es müssen jetzt wieder bessere Ergebnisse kommen.» Bei allem Spass an Job und Abenteuer weiss er also, dass er für sein Glück kämpfen und sich wehren muss. Das tut er auch für Mitarbeiter. Neulich las er in der Zeitung einen bitterbösen Artikel über seinen Assistenten Jean-Paul de Marigny. Er knöpfte sich den Journalisten vor und machte ihm klar, dass die Zeilen an Verleumdung grenzen: «Ich konnte so etwas nicht kommentarlos hinnehmen.»

Daniel Lopar, Western Sydney Wanderers

Ein anderes Mal schimpfte er vor laufender Kamera gegen «die falschen Schlangen, die sich immer dann zeigen, wenn es nicht läuft». Und einen Reporter, der die Entwicklung der Jungen im Kader infrage stellte, forderte er auf: «Stellen Sie mir nicht so dumme Fragen.»

Schwegler: Chef im Team

In der Elferliga stehen die Chancen der achtplatzierten Wanderers immer noch gut, als eines von sechs Teams das Playoff zu erreichen, der Rückstand auf den Sechsten beträgt nur einen Punkt. Babbels Hoffnungen ruhen nicht zuletzt auf seinem Schweizer Duo.

Pirmin Schwegler ist 32 und der Chef auf dem Feld, über ein Jahrzehnt hat er in der Bundesliga verbracht. Babbel weckte in ihm die Lust auf das Abenteuer am anderen Ende der Welt. Und jetzt sagt der Luzerner: «Ich habe in sechs Monaten so viele Erfahrungen gesammelt wie vorher während Jahren nicht.»

Schwegler könnte es eine Spur gemächlicher angehen lassen als in Deutschland, aber das will er nicht. «Solange ich Fussball spiele, habe ich den Ehrgeiz, erfolgreich zu sein», sagt er und erzählt von Begegnungen mit australischen Talenten, die ihn fragen, ob in Europa jeder so viel in den Sport investiere wie er. Also: mehr tun als nur das obligatorische Trainingspensum abspulen, den Kraftraum auch freiwillig besuchen – und auf die Regeneration achten.

«Ich geniesse es extrem in Sydney.»Pirmin Schwegler, Mittelfeldspieler

Auch der Vertrag des Mittelfeldspielers endet im Sommer. Die Wanderers haben signalisiert, dass sie Schwegler behalten möchten. Er aber will sich mit einer Entscheidung Zeit lassen. «Ich geniesse es extrem in Sydney», sagt er, «und ich kann mir gut vorstellen, noch ein Jahr in Australien zu bleiben. Nur muss ich mich jetzt noch nicht fest­legen.»

Lopar: Die Nummer 1

Bestens aufgehoben fühlt sich auch Daniel Lopar, der Goalie aus der Ostschweiz. Babbel sagt über ihn: «Er gehört zu den drei Besten der Liga.» Lopar ist der 34-Jährige, für den es von 2006 bis 2019 keinen anderen Club als den FC St. Gallen gab. Nach der Anfrage aus Australien löste er den Vertrag mit den Ostschweizern vorzeitig auf.

Jetzt lebt er mit seiner Frau und der Tochter in Balmain, einem trendigen Quartier von Sydney, schwärmt von der Lebensqualität, von den Schönheiten der Region und sagt: «Der Wechsel hat sich für mich und für uns gelohnt.» Gewöhnt hat er sich daran, dass er oft im Flugzeug sitzt, wenn es zu den Auswärtsspielen geht. Die Reisen können ziemlich lang werden und anstrengend, weil viele Städte in anderen Zeitzonen liegen als Sydney.

Auch sein Vertrag läuft Ende Saison aus. Vorstellbar ist für ihn die Verlängerung des Aufenthalts in Australien, weil er spürt, dass der Fussball im Land im Aufwind ist: «Die Liga bemüht sich enorm, Fortschritte zu machen.» Und ihm macht es Spass, wieder die Nummer 1 sein zu dürfen. Fehlt nur, dass sich die Mannschaft für das Playoff qualifiziert. «In einigen Situationen müssen wir abgezockter handeln», sagt er.

Gewisse Schiedsrichterentscheide stören zwar auch ihn. Aber er hat ein simples Rezept, um sich nicht dauernd damit beschäftigen zu müssen: «Wir sollten einfach besser spielen.»

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