Ausweg gesucht, Eingang gefunden

Von unbändigem Willen angetrieben, stand sich Mario Gavranovic früher selbst im Weg. Ein Tiefschlag und der Wechsel nach Kroatien haben den Stürmer reifen lassen.

Der Torjäger: Gavranovic hat diese Saison im Club 24-mal getroffen. Foto: AFP

Der Torjäger: Gavranovic hat diese Saison im Club 24-mal getroffen. Foto: AFP

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Es gibt Momentaufnahmen, die den Ruf eines Menschen prägen können. Bei Fussballern sind es meist nur ganz kurze, ausserordentliche Szenen auf dem Feld oder knapp daneben, in denen das Publikum den Charakter eines Profis zu erkennen glaubt. So wie im September 2013, als Mario Gavranovic im Stade de Suisse für den FC Zürich nicht zum Einsatz kommt. Er rempelt im Frust den eigenen Assistenztrainer an, er ­beleidigt ihn. Er gilt in der Schweiz danach als verzogen, impulsiv, egoistisch.

23 ist Gavranovic zu dem Zeitpunkt. Ein junger Mann, der sich schon einige Male den Kopf angeschlagen hat. Aber noch nicht hart genug, als dass er sich selbst grundsätzlich hinterfragen würde. Als er ein halbes Jahr danach im «Tages-Anzeiger» über seinen Berner Aussetzer spricht, hat er sich zwar längst clubintern entschuldigt. Aber er wirkt nicht wie ein reuiger Sünder. Er meint bockig: «Ehrlich gesagt: Ich habe mich zu null Prozent verändert. Ich sehe keinen Grund dazu.»

«Klar habe ich in meiner Karriere viele Dinge falsch gemacht.»Mario Gavranovic

Fünf Jahre später steht Mario Gavranovic in Lugano; in der Stadt, in der er als Sohn kroatischer Einwanderer aufgewachsen ist. Er sagt: «Klar habe ich in meiner Karriere viele Dinge falsch gemacht.» Die Stimme ist leise, der Auftritt wie jener des viel besungenen idealen Schwiegersohnes.

Als er, der fliessend auf Italienisch, Französisch und Deutsch Auskunft gibt, ausnahmsweise ein Wort nicht versteht, entschuldigt er sich: «Tut mir leid. Was bedeutet ‹Zuversicht›?» Es ist augenscheinlich, dass er inzwischen ein paar Gründe gefunden hat, sich um ein paar Prozentpunkte zu verändern.

Die Sache mit dem Charakter

Gavranovics Weg ist voll von echten und angeblichen Machtkämpfen. Mit Trainern, mit Mitspielern. Thomas Tuchel, unter dem er bei Mainz nicht zum Einsatz kam, nennt er öffentlich «hinterhältig und falsch». Und steht auch mit einiger Zeit Abstand zu seiner Aussage. ­Xavier Hochstrasser, der ihn aus der Schweizer U-21 kennt, sagt einmal über ihn: «Wegen seines Charakters hatten ­einige Trainer Angst vor ihm. Aber ohne ihn wäre er nie so weit gekommen.»

Gavranovic selbst scheint aber inzwischen erkannt zu haben, dass er zu viel Energie mit Reibereien neben dem Platz verloren hat. Er konzentriere sich heute nur noch darauf, was er selber tun könne: «Und nicht mehr auf andere Faktoren, wie ich es in den Jahren zuvor vielleicht getan habe.» Vielleicht hat es dazu einen tiefen Fall gebraucht, der ihn zu einem Neuanfang gezwungen hat.

2014 erwischt es ihn ausgerechnet an seinem Sehnsuchtsort. Verbissen hat er sich einen Platz im Schweizer Kader gesichert, das an die Weltmeisterschaft nach Brasilien reisen darf. Zielstrebig, das war Gavranovic schon immer. Aber in dieser Phase scheint das Testosteron in ihm überzufliessen. Sein damaliger FCZ-Trainer Urs Meier nennt Gavranovics Ehrgeiz «extrem».

In Brasilien findet erst Nationaltrainer Ottmar Hitzfeld keine Verwendung für ihn. Und dann, als sich die Schweiz auf den Achtelfinal gegen Argentinien vorbereitet, passiert es. Im Training erleidet Gavranovic einen Kreuzbandriss. Das Team fliegt nach São Paulo, Gavranovic zurück in die Schweiz. «Dort, an der WM hat alles angefangen», sagt er heute, «die Jahre danach waren schwierig.»

Petkovic kann nicht anders

In der Saison vor der WM hat er für den FCZ 13 Ligatore erzielt. Nach seiner Verletzung trifft er bloss noch viermal in 27 Einsätzen. Und dann, im Februar 2016, scheint sich Gavranovic davon­zumachen. Kaum einer, der versteht, weswegen er sich ins Land seiner Eltern absetzt, zum HNK Rijeka, von dem ­zuvor hierzulande wohl bloss echte Liebhaber des Balkanfussballs gehört hatten.

Aber es ist die richtige Entscheidung. «Ich habe einen Ausweg gesucht und einen neuen Eingang gefunden», stellt Gavranovic fest. 2017 gewinnt er mit Rijeka das kroatische Double. Im vergangenen Winter wechselt er zu Dinamo Zagreb – und holt gleich wieder das Double. Er erzielt den einzigen Treffer im Cupfinal 2018, er trifft in dieser Saison 24-mal in 46 Vereinsspielen, dazu kommen 8 Assists.

«Ich werde für alle guten Offensivspieler einen Platz finden.»Vladimir Petkovic

Mit dieser Form kann Vladimir Petkovic gar nicht anders, als ihn für das Vorbereitungscamp aufzubieten. Auf Gavranovics Chancen auf die WM-Teilnahme angesprochen, sagt der Nationaltrainer: «Ich werde für alle guten Offensivspieler einen Platz finden.» In diese Kategorie gehört Gavranovic definitiv mit seiner Fähigkeit, auch auf engstem Raum etwas mit dem Ball anzufangen.

Kommt dazu: Es gibt nur einen einzigen Angreifer im Schweizer Kader, der als Stammspieler im Club und als regelmässiger Torschütze angereist ist. Er heisst Mario Gavranovic und sagt: «Ich bin heute der bessere Stürmer als vor vier Jahren. Wenn ich meine Chance bekomme, werde ich bereit sein.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.06.2018, 07:26 Uhr

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