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Auswärtsschwäche

Fussballgott Grädel kennt sie nur zu gut, die Auswärtsschwäche.

Grädel kennt sie auch, die Auswärtsschwäche. Früher, als er auf Mutters Schoss das Gedicht ohne jeden sprachlichen Rüttler – also tipptopp auswendig – aufsagen konnte. Dann aber in der Schule vor der Klasse und der mit grossen Augen auf ihn schauenden Lehrerin plötzlich stockte, ganze Zeilen ausliess oder überhaupt gar nicht mehr weiter wusste. Bisweilen schien er geradezu zu vergessen, wer er genau war. Und dann, auf dem Heimweg, fiel ihm alles wieder ein: wie er hiess und all die vergessenen Zeilen.

In Mamas Stube rezitierte er wieder fehlerfrei, als ob er den Text ablesen würde. Sie ist weit verbreitet, diese Auswärtsschwäche. Sie kann überall unverhofft zuschlagen und beinahe jeden treffen. Die Los Angeles Lakers hatten sie in der NBA, St. Pauli kennt sie, die Hamburger hatten im letzten Jahr «saisonübergreifend» von 16 Auswärtsspielen nur 1 gewonnen. Und auch der HSG St Leon/Reilingen litt in der Handball-Badenliga unter der heimtückischen Krankheit. Er verlor gegen den TV Knielingen wieder einmal, natürlich auswärts, 20:26 (Pausenstand 7:14).

YB hat sie auch, diese Auswärtsschwäche – und nicht zu knapp. In dieser Saison in Luzern gewonnen, das wärs dann auch schon gewesen mit der ganzen Herrlichkeit. Wissenschaftler bestätigen, dass es sie gibt, die Auswärtsschwäche und im Umkehrschluss den Heimvorteil. In Studien hat Grädel gelesen, dass sie geografisch in nördlichen Ländern weniger grassiert als in südlichen (ein Schelm, wer sich Böses dabei denkt . . .). Aber Grädel schliesst bei YB Korruption aus.

Ein weiterer Faktor scheint das Testosteron zu sein, das im Heimstadion in höherer Dosis im Körper zirkuliert. Grädel weiss nun nicht, ob am Samstag die Frauen und Freundinnen der YB-Spieler im Kühlschrank Letzigrund zugegen waren, und wenn ja, ist zu bedenken, dass sie dann trotzdem wohl zu weit weg sind, um den Testosteronspiegel positiv zu beeinflussen (wegen der Bahn rund um den Platz in diesem Zürich).

Denkt der Club an solch wichtige Sachen? Grädel zweifelt. Eine Rolle scheint auch der Reisestress zu spielen. Diese A 1 ist ja der reine Horror, gerade im Winter. Vielleicht mal bequem 1. Klasse mit den SBB fahren (Wagen ab Bern reserviert für die 1. Mannschaft des BSC Young Boys). Oder sonst irgendetwas irgendwie anders machen, irgendwie. Denn sie nervt, die Auswärtsschwäche.

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