Ausgefreut

Fussballgott-Grädel freut sich auf die Saison der Young Boys.

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Warten ist Einblick in die Ewigkeit(Erhard Horst Bellermann)

31 Jahre wartet Grädel schon auf den nächsten YB-Meistertitel. Bei all der Warterei ist die letzte Woche vor dem Start immer die schönste Woche des Jahres, eine unbefleckte Zeit der Zuversicht.

Irgendwie kommen unmittelbar vor dem Wiederbeginn immer diese optimistische Grundstimmung und das sichere Gefühl auf, dass es diesmal gut kommt. Anfang dieser Woche hätte Grädel noch sein ganzes Pensionskassenguthaben darauf verwetten können, dass es diese Saison endlich klappt mit dem ganz grossen Coup.

Keine Unruhe im Verein, der Trainer sicher auf seinem Stuhl, keine gewichtigen Abgänge und wenn, dann sind sie schon längst wieder mit hochtalentierten Jungen ersetzt worden. Dazu ein Sportchef, der es endlich fertigbringt, Altlasten von der Lohnliste zu tilgen und erfolgshungrige Spieler aus dem eigenen Nachwuchs hinzufügen. Meisterschaft, Cup, magische europäische Nächte und im Frühling ein Riesenfest auf dem Bundesplatz, das alles müsste mit diesem Team eigentlich reine Formsache sein. Bereits der Start am Samstag könnte zur grossen Sause werden – volle Hütte bei bestem Fussballwetter. Aber eben, der Konjunktiv, der alte Spielverderber. Letzten Dienstag beschloss Grädel, nach der Mittagspause noch rasch einen Kaffee zu trinken. Dazu griff er völlig gedankenlos nach der Zeitung mit den grossen Buchstaben und den verdienten Experten. Er las Kubilay Türkyilmaz’ Saisonprognose: «YB wird Meister.» Drei Worte reichten, um die ganze schöne Vorfreude mit einem Schlag wegzublasen. Drei Worte wie ein Todeskuss.

Kubilay Türkyilmaz! Der knallharte Experte, der vor ein paar Monaten auch feststellte, dass Steve von Bergen bei YB nicht mehr genügt, der Portugal den EM-Titel nicht zutraute und der vor einem guten Jahr sogar noch Philippe Senderos als gut genug für die WM in Russland befand. Dieser Türkyilmaz tippt jetzt also YB als Meister, weil ihm gerade lustig danach ist.

Irgendwann hat Grädel dann beschlossen, es locker zu nehmen. Vielleicht gibt es ja trotzdem ein paar gute Spiele, zwischendurch mal einen Kantersieg gegen einen latenten Abstiegskandidaten und als Zugabe einen Achtungserfolg gegen eine grosse Nummer im Europacup. Grädel wartet jetzt schon 31 Jahre auf den nächsten Meistertitel, da kommt es auf ein Jahr mehr oder weniger nicht mehr an.

Der Bund

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