«Auch wir sind in manchen Fällen machtlos»

Seit Juli ist Gérard Castella Ausbildungschef bei YB. Zuvor war der Genfer beim Fussballverband – und hat erlebt, wie rabiat grosse Clubs schon um 15-jährige Talente buhlen.

Was Gérard Castella bei YB besonders gefällt: «Ehrliche Meinungen haben viel Wert. Das ist zumindest meine erfahrung in diesen zweieinhalb Monaten.»

Was Gérard Castella bei YB besonders gefällt: «Ehrliche Meinungen haben viel Wert. Das ist zumindest meine erfahrung in diesen zweieinhalb Monaten.» Bild: Adrian Moser

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Gérard Castella, eigentlich hat YB mit Ihnen einen fast unverschämten Vorteil.
Wie kommen Sie darauf?

Sie waren acht Jahre beim SFV in der Nachwuchsförderung tätig und kennen entsprechend jeden talentierten Schweizer Fussballer der letzten acht Jahrgänge persönlich.
Das mag sein. Aber wer einmal in einer Nationalmannschaft ist, der bewegt sich in einem Schaufenster. Diese Spieler sind also auch unter den Clubtrainern keine Geheimtipps mehr.

Aber mit vielen YB-Talenten arbeiten Sie schon jahrelang zusammen.
Klar, das ist ein Vorteil. Ich hatte keine Anlaufschwierigkeiten bei YB, keine Probleme, mich zu integrieren. Auch weil ich beim Verband für die Region Bern zuständig war. YB, Freiburg, Köniz, das Team Bern West, Thun – mit diesen Vereinen hatte ich schon vorher Kontakt.

Nun schnuppern Sie also erstmals seit langem wieder «Vereinsluft». Was hat sich verändert?
Vieles. Die Clubs haben viel investiert, haben viel verändert in ihren Strukturen. Aber impulsgebend war der Fussballverband. In den letzten 15 Jahren ist der Ausbildungssektor komplett neu ausgerichtet worden. Es wurde viel für die Professionalisierung der Talentausbildung getan.

Die Ausbildung des SFV geniesst auch international einen hervorragenden Ruf. Ist es den Clubs geglückt, sie zu adaptieren?
Zum Teil schon. Doch Strukturen sind das eine – was man auf dem Platz macht, ist das andere. Ich denke, die Ausbildung für die Nachwuchstrainer ist sehr gut. Das hat Wirkung. Wenn Sie Ihr Französisch verbessern wollen, brauchen Sie einen Lehrer, der Sie auf Ihre Fehler aufmerksam macht. Sonst machen Sie nie Fortschritte.

Und solche Strukturen haben Sie bei YB angetroffen?
YB arbeitet schon seit vielen Jahren sehr gut in der Jugendabteilung. Ernst Graf (früher Technischer Leiter, heute Ausbildungschef U-15/U-16 und Verwaltungsrat/die Red.) hat einen ausserordentlich guten Job gemacht, auch Christoph Spycher, erst als Talent Manager, dann als Sportchef. Das Angebot für die Talente mit Schule, der Aussicht auf eine Lehrstelle im YB-Betrieb, die Trainings, das ist alles sehr, sehr gut.

Was ist denn eigentlich das Ziel der YB-Ausbildung?
Dass möglichst viele unserer Spieler den Sprung in die erste Mannschaft schaffen.

Klingt simpel.
Unser Ziel muss einfach sein, dass die Jungen an ihre Chance bei YB glauben. Wer gut ist und alles für den Erfolg macht, bekommt sie. Das beginnt schon im Nachwuchs-Scouting.

Wie sieht das aus?
Wir wollen zuerst mit den Talenten aus der Region arbeiten, im Umkreis von etwa 30 Kilometern. Freiburg, Biel, Langenthal. Weil bei denen, die von weiter weg kommen, die Chance geringer ist, dass sie als Jugendliche alles unter einen Hut bringen und Erfolg haben.

Ist es für die Berner Clubs in der 1. Liga oder der Promotion League nicht schwer zu überleben, wenn YB ständig die besten Talente abwirbt?
Im Gegenteil. Schauen Sie sich die Verbindungen zwischen YB und Münsingen, Breitenrain, Köniz an. Da gibt es Austausch auf beide Seiten hin. Wohl jeder Zweite bei Breitenrain war früher mal bei YB oder wurde dort ausgebildet.

Und wie hat sich die Talentsuche in den letzten Jahren verändert?
Alles findet heute früher statt. Weil viele Clubs wie Köniz oder Freiburg eine gute Ausbildung bis zum Alter von 15 Jahren haben. Aber dann ist Schluss, eine U-16, U-17, U-18 gibt es vielerorts nicht. Deswegen wollen wir die Spieler in dem Alter holen und ihnen ermöglichen, sich bei uns mit der Elite des Landes zu messen.

Zurück zu Ihnen: Wie sieht Ihr Alltag bei YB aus?
Ich trainiere bewusst keine eigene Mannschaft. Ich trainiere die Spieler. Eine Woche lang begleite ich immer ein Team: U-21, U-18, U-17 und so weiter. Da sehe ich jedes Training, rede viel mit dem Trainer, mit den Spielern. Ab und zu nehme ich mir mal eine Gruppe heraus, die Verteidiger oder die Angreifer. Ende der Woche sehe ich die Jungs dann im Einsatz am Spiel.

Sie haben sich bei YB ja sozusagen mit einem Geschenk eingeführt: Jordan Lotomba.
Na ja, der Transfer kam nicht nur durch mich zustande. Den hatten Chefscout Chapuisat und seine Leute schon vorher auf dem Zettel. Als ich zu YB kam, haben wir dann über ihn geredet, und dann wurde die Sache konkreter . . .

. . . was auch auf andere Offerten für Lotomba zutrifft. Er hat sich doch bestimmt auch wegen Ihnen für YB entschieden.
Schwer zu sagen. Klar kenne ich ihn, wir arbeiten seit drei Jahren zusammen. Aber wissen Sie, was mir an YB gefällt?

Verraten Sie es uns.
Ehrliche Meinungen haben viel Wert. Das ist zumindest meine Erfahrung in diesen zweieinhalb Monaten jetzt. Wir fragen einander nicht: «Der Lotomba, der wär noch einer für uns, hm?» Sondern wir fragen: «Was hältst du von ihm?» Da geben vom Cheftrainer über den Scout und mich bis hin zum Sportchef alle unabhängig ihre Meinung ab – und dann wird entschieden.

Längst nicht alle Schweizer Clubs haben so einen Staff wie YB.
Das mag sein. Diesen Trumpf muss YB ausspielen. Ich finde diese Mannschaft hinter der Mannschaft sehr wichtig.

Auch der jüngste Transfer von Pedro Teixeira dürfte durch Sie zustande gekommen sein.
Es lief ähnlich wie bei Lotomba. Auch ihn hatten Chapuisat und seine Leute schon länger beobachtet. Ich wurde auf ihn angesprochen und sagte, sein Potenzial sei sehr gross. Klar, er muss nun den höheren Rhythmus finden, von ihm darf man nicht sofort Resultate erwarten, aber er ist ein Versprechen für YB.

Auch, weil YB bedingungslos auf Junge setzt?
Auch, ja. Aber wer zum Einsatz kommt, muss immer der Trainer entscheiden.


Was zeichnet ihn aus? Er ist schnell, technisch stark, wendig.

Der neue YB-Prototyp?
Das Geheimnis einer guten Mannschaft ist die gute Mischung. Mit elf Teixeiras oder mit elf Hoaraus gewinnst du nichts. Es braucht den schnellen, den kräftigen, den Lenker, den Kämpfer.

Für hiesige Talente gibt es zwei Modelle: einen frühen Transfer ins Ausland oder sich in der Super League etablieren. Die Lösungen scheinen sehr individuell. Wie erarbeitet man sie mit den Spielern?
In meinen acht Jahren beim Verband sassen wir mit Dutzenden Spielern vor genau dieser Frage. Wir Trainer versuchten immer zu vermitteln: «Bleibt erst mal hier! Macht eure Erfahrungen, eure 30, 40, 50 Spiele in der Schweiz.»

Lassen Sie mich raten: Das ist nicht immer angekommen.
Jérémy Guillemenot (19 Jahre alt, drei Partien in der Challenge League/die Red.) wechselte eben von Servette zum FC Barcelona und wurde nun in die 3. Liga Spaniens zu Sabadell verliehen. Vor drei Tagen habe ich noch mit ihm gesprochen. Wenn ein solcher Club mit einem Jungen verhandelt, verlierst du ihn. Du hast plötzlich keinen Zugriff mehr. Er hört dir nicht mehr zu. Die Eltern auch nicht.

Und daneben sitzen plötzlich auch bei 17-Jährigen die Spieleragenten.
Seit einiger Zeit hat fast jeder talentierte Fussballer einen – und zwar schon im Alter von 15 Jahren. Das ist eine problematische Entwicklung. Wir mussten beim Verband anfangen, ihnen den Zutritt zu verbieten, im Training, im Teamhotel.

Jetzt erzielt aber Haris Seferovic, der mit 18 von GC zu Florenz wechselte, in der Nationalmannschaft Tor um Tor. Einer, der eben diesen anderen Weg gemacht hat.
Ich sage nicht, dass der andere Weg unmöglich ist. Aber es kommen mehr wieder zurück, als sich im Ausland durchsetzen. Seferovic war auch noch einmal bei Xamax. Wenige haben sofort Erfolg. Man kann ja über diese Angebote nachdenken. Aber viele verlieren dabei den Kopf. Man wird eingeladen, alles wird bezahlt, sie zeigen dir die Trainingszentren, wo sogar die C-Junioren in einem 10'000er-Stadion spielen. Doch abgesehen davon sind die Bedingungen vielleicht nicht besser als in der Schweiz.

Welche Strategie verfolgt YB, wenn die grossen Clubs schon nach den ganz jungen Spielern greifen?
Man muss dem Spieler ständig seine Perspektiven zeigen, die vielen Chancen. Gerade bei YB ist der Weg in die erste Mannschaft für junge Spieler offen. Das haben die letzten Jahre deutlich gezeigt. Wir versuchen die Eltern früh einzubinden, viel Kontakt zu halten. Aber natürlich sind auch wir in manchen Fällen machtlos. Ruben del Campo, Jahrgang 2000, wechselte in diesem Sommer direkt aus der U-17 der Young Boys zu Atletico Madrid. Wir haben alles gemacht, damit er bleibt. Vergeblich.

Das ist für YB ja auch finanziell frustrierend: Die ganze Ausbildung bezahlen und nichts davon haben.
Genau deswegen machen wir heute mit den Jungen auch schon Verträge, sobald sie 16 Jahre alt sind. Damit wir uns absichern können.

Und wie sieht der Weg in die erste Mannschaft für ein YB-Talent aus?
Sehr individuell. Der eine macht nach der U-18 eine Saison in der U-21 und schafft den Sprung. Der andere macht dazwischen ein Jahr bei Schaffhausen oder Wohlen, bei Xamax oder Winterthur und schafft den Sprung.

Aber es ist riskant, eine Mannschaft nur mit Spielern aus dem eigenen Nachwuchs aufzubauen.
Klar, für die erste Mannschaft zählen auch andere Quellen. Wir stellen einen möglichst konkurrenzfähigen Nachwuchs zur Verfügung. Aus jedem Jahrgang sollen es theoretisch zwei oder drei Spieler schaffen.

Welches sind für Sie die Teams in Europa, die ihren Nachwuchs vorbildlich organisieren?
Monaco, für die hat es sich ausbezahlt mit dem Verkauf von Mbappé. Ajax Amsterdam. Und Leipzig, obwohl da auch viel Geld in Transfers von Profis fliesst. (Der Bund)

Erstellt: 09.09.2017, 08:35 Uhr

Zur Person

Gérard Castella ist ein unterhaltsamer und initiativer Gesprächspartner. Der 64-jährige Genfer blüht vor allem auf, wenn es um sein liebstes Thema im Fussball geht: die Nachwuchsarbeit. Zwar wirkte Castella auch als Cheftrainer, wurde mit Servette 1999 Meister, war in St. Gallen, bei Lausanne und Xamax. «Aber ich setzte immer nur auf Junge», erzählt er lachend, «ich habe jeweils sofort den Kontakt mit den Ausbildnern gesucht.» 2009 erhält er beim Fussballverband seinen Traumjob als Nachwuchscoach, trainiert nacheinander die Nationalteams von der U-18 bis zur U-20. Seit Juli 2017 wirkt er bei YB als Ausbildungschef und ist verantwortlich für die Teams von U-17 bis U-21. Als Spieler lief Castella in der damaligen Nationalliga A für Servette, Chênois, Lausanne und während zwei Saisons auch für die Young Boys auf. 1981 gewann er mit Lausanne den Cup.

Die «Mausetoten» mit neuer Energie

In den vergangenen Saisons war die Meisterschaft für die Young Boys jeweils bereits gelaufen, wenn die Mannschaft den Betrieb nach der ersten Länderspielpause im September wieder aufnahm. Diesmal ist das ganz anders. Die Berner sind punktemässig auf Augenhöhe mit Basel und liegen nur einen Punkt hinter dem kecken Aufsteiger FC Zürich.
«Wir haben nach sechs Runden zwei Punkte mehr auf dem Konto als letztes Jahr, und vorne ist noch alles beisammen. Doch ganz zufrieden bin ich nicht», sagt Adi Hütter vor dem Start in den zweiten intensiven Block der Saison mit 7 Spielen innert 21 Tagen. Das 0:4 gegen Thun schmerzt den YB-Trainer noch immer, das 2:2 in St. Gallen hat ihm ebenfalls missfallen, vor allem der Auftritt nach der Pause, «auch wenn ich
gesehen habe, dass meine Spieler mausetot waren, körperlich wie mental.»


«Super für YB»


Hütter gönnte jenen Spielern, die nicht international engagiert waren, danach eine eher lockere Woche, «um runterzufahren». Kaum erholen konnte sich jenes YB-Quartett, das in Afrika in der WM-Qualifikation engagiert war. Sanogo und Assalé mit der Elfenbeinküste, Nsamé und Neuverpflichtung Ngamaleu mit Kamerun. Alle vier kamen zumindest zu Teileinsätzen in ihren Nationalteams. Das sei «super für YB», sagt Hütter, auch wenn ihm diese Spieler bei der täglichen Arbeit fehlten und sie stattdessen strapaziöse Tage mit langen Reisen hinter sich haben. Gestern nun konnte der Coach erstmals wieder mit dem gesamten Kader trainieren, wobei ihm die Rückkehrer einen guten Eindruck machten.

Ehrung für Zakaria und Gerndt

Bis auf Seferi sind am Sonntag gegen Lugano alle Kaderspieler einsatzfähig, auch Guillaume Hoarau. Erstmals dabei sind die beiden Neuen: Nicolas Ngamaleu und Pedro Teixeira. Diese würden «gut ins Team passen», sagt der YB-Trainer. Den aus Altach geholten Stürmer beschreibt er als «sehr gut am Ball und schnell», den Nachwuchsnationalspieler, der von Xamax kam, «als jungen Spieler mit Potenzial und einem guten Näschen vor dem Tor», der aber noch am Anfang seiner Entwicklung stehe.

Zwei Spieler, die YB verlassen haben, werden am Sonntag geehrt. Alexander Gerndt, der mit Lugano erstmals ins Stade de Suisse zurückkehrt, und Denis Zakaria, der dafür bei Mönchengladbach gar einen freien Tag beziehen darf. Bei Geschenken vor dem Spiel soll es dann aber bleiben. Gegen Lugano will YB die Serie von zuletzt drei Spielen ohne Sieg in der Super League beenden.

Da am Sonntag «Kids Day» ist, wurden bereits 16'300 Tickets abgesetzt. (atr)

NLA

50. Runde

25.02.HC Lugano - ZSC Lions3 : 2
25.02.Geneve-Servette HC - EHC Kloten2 : 4
25.02.Fribourg-Gottéron - SC Bern4 : 7
25.02.HC Davos - SCL Tigers6 : 2
25.02.HC Ambri Piotta - Lausanne HC3 : 2
25.02.EV Zug - EHC Biel-Bienne4 : 3
Stand: 25.02.2017 22:19

Rangliste

NameSpSU+U-NG:EP
1.SC Bern5031649160:114109
2.ZSC Lions5026987166:115104
3.EV Zug50283613153:12296
4.Lausanne HC50235121154:13980
5.HC Davos50224420152:13578
6.HC Lugano50196421142:15573
7.Geneve-Servette HC501841117135:14073
8.EHC Biel-Bienne50212324146:14070
9.EHC Kloten501451021142:16262
10.SCL Tigers50164327124:15459
11.Fribourg-Gottéron50125231130:17748
12.HC Ambri Piotta5098528113:16448
Stand: 25.02.2017 22:23

Paid Post

Bis zu 20 Prozent Krankenkassenprämie sparen

Mit dem neuen Grundversicherungsmodell KPTwin.easy sparen Sie bis zu 20 Prozent Prämie und eine Menge Zeit.

Kommentare

Blogs

Tingler Brutal kreativ

Zum Runden Leder Beton-Fallen in Gavlevallen

Die Welt in Bildern

Hauslieferung: Der Weihnachtsbaum wird direkt zur First Lady Melania Trump und ihrem Sohn Barron Trump ins Weisse Haus geliefert. (20.November 2017)
(Bild: Carlos Barria) Mehr...