Die Aufgabe ist schwierig, die Ausgangslage einfach

Sieg oder EM-Aus – die Schweizer Fussballerinnen stellen sich heute um 20.45 Uhr Turnierfavorit Frankreich zum Showdown.

Mit Frankreich wartet die grösste Herausforderung auf das Team: Die Schweizer Fussballerinnen beim Training.

Mit Frankreich wartet die grösste Herausforderung auf das Team: Die Schweizer Fussballerinnen beim Training.

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Es ist für sie das Spiel des Jahres. Ein ­Finalspiel – noch bevor an der EM in Holland die K.-o.-Runde beginnt. So sagt das Martina Voss-Tecklenburg, und so wird sie heute Abend ihr Team einschwören. Bevor auf dieses die bislang grösste ­Herausforderung an diesem Turnier wartet – Frankreich. Die Nationaltrainerin sagt: «Es wäre sportlich historisch, sollten wir sie meistern.»

Rechnen müssen die Schweizerinnen nicht. Auch können sie sich auf niemand sonst verlassen als auf die eigenen ­Stärken, die eigenen Qualitäten, ihren Siegeswillen. Die Aufgabe mag schwierig sein, die Ausgangslage ist einfach: ­Gewinnen sie heute Abend in Breda gegen Frankreich (20.45 Uhr, SRF 2), stehen sie bei ihrem EM-Debüt gleich im Viertelfinal. Ansonsten haben sie ihr ­Minimalziel verpasst und fliegen heim.

Die AbwehrfrageWechseln oder nicht?

Auf die Startniederlage vor acht Tagen gegen Österreich reagierte National­trainerin Voss-Tecklenburg mit zahl­reichen Rochaden für das zweite Spiel gegen Island. Vor allem die zentrale Abwehr war betroffen – gezwungenermassen, weil Rahel Kiwic nach ihrer Roten Karte gesperrt und Caroline Abbé angeschlagen war. Lia Wälti und die junge Jana Brunner ersetzten sie, und die stabile Abwehrleistung trug massgeblich zum 2:1-Sieg bei. Nun kehrt ­Kiwic von ihrer Sperre zurück, und auch Captain Abbé ist nach einer Muskelverletzung wieder voll einsatz­fähig.

Was also tun? Change the winning team or not? Als Duo waren Kiwic und Abbé im Auftaktspiel ein Risikofaktor – nun beide wieder aufzustellen, käme einem Poker gleich. Anderseits ist Abbé nun einmal Captain. Und auch wenn nach der Endrunde eine Ablösung der Westschweizerin nicht unwahrscheinlich erscheint, zumal sie von Bayern München zurück in die Nationalliga A wechselt: Sie jetzt auf die Bank zu setzen, obwohl sie fit ist, wäre ein klares Zeichen. Immerhin hat Voss-Tecklenburg die Gewissheit, dass die loyale Genferin auch diesen Entscheid klaglos hinnähme. Für Kiwic wiederum spricht das Kopfballspiel. Wälti schliesslich ist zwar im Mittelfeld am besten aufgehoben, sie verleiht aber der Abwehr Sicherheit.

Das KreativdilemmaEine Frage des Vertrauens

Mit Abstand ist sie die kreativste Schweizer Spielerin, und Ramona Bachmann selbst ist sich dessen bewusst. Dass die Chelsea-Stürmerin unverzichtbar ist, bewies sie wieder einmal mit einer hervorragenden Leistung gegen Island. Dass sie dagegen aber auch ihren Kolleginnen das Leben schwer machen kann, hatte sich davor gegen Österreich gezeigt. Wenn sie in den entscheidenden Momenten lieber den eigenen, aber versperrten Weg zum Tor wählte – und nicht den Pass auf die freie Mitspielerin.

Ihr Problem: Bei Chelsea besitzen fast alle Teamkolleginnen Weltklasseformat, ihnen zu vertrauen, fällt der 26-jährigen Zentralschweizerin leicht. Im Nationalteam hat sie dieses Vertrauen nicht, zumindest nicht in alle. In der teaminternen Aussprache zwischen erstem und zweitem Gruppenspiel ging es deshalb auch um Bachmann und deren Balance zwischen Egoismus und Teamgedanken. Die Frage wird sein: Zeigt die Stürmerin das Österreich- oder das Island-Gesicht?

Die Analyse20 Seiten für Frankreich

Eine sechsköpfige Analystengruppe des Schweizerischen Fussballverbandes (SFV) ist an der EM unterwegs und be­obachtet die gegnerischen Teams. Die Analysten haben zwei Aufgaben: Erstens möchte Laurent Prince, der Technische Direktor des SFV, eine umfassende ­Studie dieser Endrunde erstellen, um Erkenntnisse für die Ausbildung der eigenen Juniorinnen zu gewinnen.

Zweitens sollen die Beurteilungen vor allem Trainerin Voss-Tecklenburg bei der Spielvorbereitung helfen. Die Französinnen wurden von Sascha Stauch beobachtet. Der Süddeutsche, 1993 mit dem FC Aarau Schweizer Meister und zuletzt Nachwuchschef bei den Aargauern, ist Verantwortlicher für ­Analyse und Spielentwicklung beim SFV. Seine Bewertung umfasst 20 Seiten und ist multimedial angereichert, am Sonntag hat er sie Voss-Tecklenburg und deren Assistenten, Simon Steiner, präsentiert.

Eine Erkenntnis: Die Französinnen sind besonders stark auf den Flügeln. Eine andere: In der Rückwärtsbewegung ist genau dies ihre Schwäche. Auch Torhüterin Sarah Bouhaddi hinterliess bislang keinen unbezwingbaren Eindruck. Und schliesslich scheint den Französinnen die Favoritenrolle nicht gutzutun. Dass sie bei grossen Turnieren regelmässig früh scheitern, dürfte kein Zufall sein. Zehnmal war Frankreich an Welt- und Europameisterschaften und Olympischen Spielen qualifiziert, achtmal scheiterte es im Viertelfinal oder früher.

Der SeltenheitswertDickenmanns Erinnerungen

«Druck? Druck haben die Schweizerinnen, sie müssen gewinnen.» Das sagt ­Olivier Echouafni, der Trainer Frankreichs. Auch Amandine Henry, die defensive Mittelfeldspielerin, findet: «Der Druck ist nicht anders als sonst. Es bleibt ein Fussballspiel.» Dass aber ein Out in der EM-Vorrunde nicht gut ankäme in der Heimat, ist beiden bewusst. «Na­türlich wollen wir hier so weit kommen wie möglich», fügt Echouafni deshalb an. Ausscheiden kann aber auch Frankreich schon jetzt: wenn es verliert und ­Österreich gegen Island punktet.

Eine Niederlage gegen die Schweiz hätte Seltenheitswert. Alle der letzten fünf Duelle haben sie gewonnen, jedes einzelne ohne Gegentor. Überhaupt führen die Französinnen im direkten Vergleich klar. Von den 20 Begegnungen seit 1972 haben sie 12 gewonnen und nur 4 verloren. An den letzten Schweizer Sieg kann sich nur eine aus dem aktuellen Kader erinnern: Lara Dickenmann.

Am 14. August 2002 debütierte die damals 17-jährige Luzernerin im Nationalteam und feierte einen traumhaften Einstand: Ihr gelang gleich ein Tor. Es ist ihr auch 15 Jahre und 120 Länderspiele später noch präsent: «Mit Sonja Löffel spielte ich einen Doppelpass, dann zog ich in den Strafraum, schoss mit links und traf am ersten ­Pfosten vorbei.»

Die UnerschrockeneVon Leistungskultur geprägt

Die Angreiferinnen auf den Flügeln sind es also, auf die es zu achten gilt. Heisst: Schwerarbeit für Noëlle Maritz. Die junge Thurgauerin ist die Entdeckung des Turniers. Gegen Österreich gehörte sie immerhin noch zu den Besten, gegen Island war sie überragend. Und nun gegen Frankreich? Ihr ist bewusst: «Auf uns alle kommt eine spezielle Aufgabe zu. Frankreich hat auf jeder Position eine unheimliche Qualität. Wir müssen auch mal dazwischenhauen.»

Die 21-Jährige vom VfL Wolfsburg, die vor vier Jahren vom FCZ in die Bundesliga wechselte und dort einmal die Champions League, zweimal die Meisterschaft und dreimal den Cup gewann, ist unerschrocken und trotzdem un­aufgeregt. Und technisch hervorragend ausgebildet. Sie passt zur Generation junger Schweizer Fussballerinnen, welche die Leistungskultur gewohnt sind, weil sie früh ins Ausland wechselten. «In Wolfsburg habe ich gelernt, dass ich jede Woche liefern muss.»


Voraussichtliche Aufstellung: Thalmann; Crnogorcevic, Kiwic, Wälti, Maritz; Bernauer; Zehnder, Moser, Dickenmann; Bachmann, Bürki.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.07.2017, 23:16 Uhr

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