Auch in der Küche ist er der Chef

Adi Hütter ist der nächste Trainer, der versucht, die Young Boys zum Erfolg zu führen. Bisher ist er mit seiner strengen Führung und seiner Direktheit nicht angeeckt.

Von morgens bis abends für YB am Ball: Adi Hütter, der beim Berner Stadtclub eine neue Leistungskultur einführen will.

Von morgens bis abends für YB am Ball: Adi Hütter, der beim Berner Stadtclub eine neue Leistungskultur einführen will.

(Bild: Keystone)

Ruedi Kunz

Immerhin schon fünf Monate ist es her, seit Adi Hütter seine Tätigkeit beim BSC Young Boys aufgenommen hat. Von der Stadt, in der sein neuer Club zu Hause ist, hat er jedoch noch nicht viel mitgekriegt. Er findet die Altstadt, wo er hin und ­wieder essen geht, sehr schön. Und er geniesst die Aussicht in die Alpen, die sich ihm auf der Fahrt vom Stadion in seinen Wohnort Muri bietet. Zeit, um an der Aare joggen zu gehen, hat der Mann mit der Marathonläuferfigur bisher keine ­gefunden.

Die Arbeit bei seinem ersten Club ausserhalb der Heimat nimmt den Coach von morgens bis abends in Anspruch. Bei wem auch immer man sich über den 45-jährigen Vorarlberger erkundigt, es fallen immer die gleichen Stichworte: klar in der Sprache, direkt, ehrlich, korrekt und gewissenhaft. Es sind ­alles Dinge, die ihm schon als Spieler wichtig waren. Er gehörte in den 90er-Jahren zu den prägenden Figuren im Team von Austria Salzburg, das 1994 den Uefa-Cup-Final erreichte. Hätte er im zentralen Mittelfeld mit Andreas Herzog, Dietmar Kühbauer und Peter Stöger nicht extrem starke Mitbewerber gehabt, wäre er mit grosser Wahrscheinlichkeit auf mehr als 14 Länderspiele gekommen.

Adi Hütter ist kein Gute-Laune-Typ wie Uli Forte, der gerne mit den Spielern feixte und nie um einen Spruch verlegen war. Der frühere Mittelfeldregisseur legt Wert auf eine gewisse Distanz und auf Disziplin, ohne jedoch eine Gefühlskälte zu ­zeigen, wie es Christian Gross während seiner kurzen Tätigkeit bei YB tat. Hütter sei keiner, der in den Keller hinuntersteige, wenn er mal lachen wolle, versichern Spieler und Staff-Mitglieder. Sie schätzen es, dass der Österreicher Dinge, die ihn stören, sofort vor versammelter Belegschaft anspricht, nicht nachtragend ist und alle gleich behandelt.

Autorität und Autoritäres

Ob auf dem Trainingsplatz, in der Kabine oder in der noblen Hotelanlage im Trainingslager in Belek: Hütter lässt keine Zweifel aufkommen, wer der Chef ist. Der grossgewachsene Österreicher strahlt eine natürliche Autorität aus. Und da er keine Halbheiten duldet, hat sein Regime etwas Autoritäres. Das muss nicht zwingend schlecht sein. Schon gar nicht für einen Klub wie YB, der im Ruf steht, eine Wohlfühloase eingerichtet zu haben. Hütter betonte bei Amtsantritt, dass er gewillt ist, eine Leistungskultur zu implantieren, in der der Schlendrian keinen Platz hat.

Die Genügsamkeit, die sich nach einem fulminanten Start (6 Spiele: 5 Siege, 1 Unentschieden) breit machte im Team, war gar nicht nach dem Geschmack des ehrgeizigen Coachs, der von sich sagt, er sei ­eigentlich nie hundertprozentig zufrieden. Bis Ende Hinrunde nahm er sich Zeit, sein Arbeitsumfeld genau zu studieren und zu überlegen, wo er beim Personal den Hebel ansetzen wollte. Der Bannstrahl traf Goalietrainer Paolo Collaviti und Mitglieder des Physiotherapeutenteams. Collaviti musste seinen Job an Stefan Knutti abtreten. Physiotherapeut Timo Maurer wurde in die Nachwuchsabteilung versetzt, um Platz zu schaffen für Patrik Amstutz und ­Andreas Biritz.

Vertrauensleute aus der Heimat

Biritz ist nach Assistenztrainer Christian Peintinger die zweite Vertrauensperson, die Hütter aus seiner Heimat Österreich nach Bern gelotst hat. Kennen und schätzen gelernt haben sich die beiden beim SV Grödig, wo Hütter in den Jahren 2012 bis 2014 erfolgreich tätig war (u.?a. Aufstieg in die 1. Bundesliga). Eine langjährige Freundschaft verbindet den Coach mit Peintinger, mit dem er als ­Aktiver bei Graz gespielt hat. Dieser schmiss im letzten Herbst seinen Job als Referent der steirischen Wirtschaftskammer hin, um im Alter von immerhin schon 48 den Sprung vom Feierabend- zum Profitrainer zu vollziehen. Das alles verbunden mit dem Umzug in ein anderes Land.

Der Rollenwechsel bereite ihm keine Probleme – «zumal Adi und ich die gleiche Fussballphilosophie verfolgen», sagt Peintinger, der bei YB eher für die feinstoffigen ­Belange zuständig ist. Die beiden Österreicher tauschen sich auch ausserhalb des Trainings- und Spielbetriebes regelmässig aus. Nicht selten geschieht das beim gemeinsamen Nachtessen in Hütters Wohnung. Den Kochlöffel schwingt der Gastgeber höchstpersönlich. «Er ist auch in der Küche der Chef», erzählt Peintinger lachend. Wie Hütter hat er seine Frau und seine erwachsenen Kinder in Österreich zurückge­lassen.

Raus aus der Komfortzone

Hütter sieht sich noch lange nicht am Ende seines Berufswegs. Sein Fernziel ist es, eines Tages in der Deutschen Bundesliga zu arbeiten. Um dorthin zu ­gelangen, kann ein Umweg über die Schweiz, deren Trainer in Deutschland einen sehr guten Ruf geniessen seit den Erfolgen von Lucien Favre mit Borussia Mönchengladbach und von Martin Schmidt mit Mainz, nicht schaden. Es sei wichtig gewesen, dass er die Komfortzone verlassen habe nach dem Rücktritt bei Red Bull Salzburg, sagt Hütter. «Ich möchte meine Grenzen kennen lernen.»

Das wird er bei den Young Boys mit ziemlicher Sicherheit, denn seit dem Cupsieg 1987 unter der Führung von Alexander Mandziara hat es kein Coach mehr geschafft, YB zu ­einem Titel zu führen. Vor Hütter waren das immerhin deren 23.

Der Bund

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