Armageddon gegen Ajax

Jetzt befürchtet Real Madrid gar das Champions-League-Aus – und der Weltfussballer attackiert seine Mitspieler.

Zittern vor dem nächsten Debakel: Die Real-Stars um Luka Modric (links) und Gareth Bale.

Zittern vor dem nächsten Debakel: Die Real-Stars um Luka Modric (links) und Gareth Bale.

Falls noch ein Zweifel daran bestand, dass die Dinge in der Umkleide von Real Madrid im Argen liegen, beseitigte sie Luka Modric am Montag. Am Vorabend des Champions-League-Rückspiels gegen Ajax Amsterdam (Hinspiel: 2:1 für Real) sass der Kapitän des kroatischen Nationalteams im Pressesaal der Sportstadt Valdebebas – und warf ein Zündholz in eine Wanne, die schon seit Wochen und Monaten nach Brennstoff riecht.

Es ging, wieder einmal, um Cristiano Ronaldo, der zu Saisonbeginn zu Juventus Turin wechselte, nachdem er neun Jahre lang bei Real für überschlägig 50 Saisontore gebürgt hatte. Ronaldo zu ersetzen, sei fast unmöglich, konzedierte der ehemalige Kollege Modric. Aber die bisherige Saison verführte ihn dazu, seine Angriffskollegen zu attackieren: «Ich will keine Namen nennen», sagte Modric zunächst. «Aber einige hätten einen Schritt nach vorn tun müssen. Ich meine damit nicht, 50 Tore zu schiessen. Aber 15, 20 oder zehn... Wir haben sie (diese Spieler) nicht. Und das ist unser grösstes Problem.» In Zahlen: Vor einem Jahr hatte Real Madrid 25 Tore mehr als in dieser Spielzeit – und Ronaldo lag in der internen Torschützenliste mit 26 Treffern vorn.

Modric selbst führte dann doch eine Liste von Kandidaten an, die sich angesprochen fühlen durften: Er nannte Gareth Bale, den neuen Paria des Bernabéu-Stadions, Karim Benzema – und Marco Asensio, der zu Saisonbeginn erklärt hatte, nicht derjenige sein zu wollen, «der den Karren zieht».

Gegen Ajax würde sogar ein 0:0 reichen

Im Sommer kam ein gewisser Mariano aus Lyon zurück, zudem debütierte der 18-Jährige Vinícius, «der es für sein Alter sehr gut macht», wie Modric sagte, aber so oft daneben zielt, dass die Zeitung Marca am Montag ätzte, er würde «nicht mal einen Pfarrer in einem Salzhaufen treffen».

In dieser Saison hat Real Madrid in zehn Spielen kein eigenes Tor erzielt. Dabei liegen die Zeiten, als sie 73 Spiele mit mindestens einem Treffer aneinander reihten, nicht weit zurück. Die gute Nachricht für Real ist: Gegen Ajax würde ein 0:0 und sogar ein 0:1 reichen. Die schlechte Nachricht: Über der Stadt liegt eine Nervosität, als stünde gegen Ajax ein Armageddon an, eine endzeitlich anmutende Entscheidung von biblischer Dimension.

Wie schon in den Vorjahren muss Real alles auf eine Karte setzten, auf den Sieg in der Champions League. Pokal und Meisterschaft wurden seit Mittwoch in zwei Clásicos gegen den FC Barcelona verloren. Modric mühte sich zu betonen, dass die Mannschaft «seelisch gut drauf» sei. Doch das wirkte schon deshalb bemüht, weil er auch eingestanden hatte, dass man nach den beiden Pleiten gegen Barça «angeschlagen» sei. Das dürfte für alle erdenklichen Ebenen gelten: emotional, fussballerisch und auch physisch.

Warnung an Real

Es nagt am Gemüt, dass man in dieser Saison schon 13 Niederlagen verdauen musste – sieben davon unter Trainer Santiago Solari, der erst seit Ende Oktober amtiert; insgesamt sechs daheim. Das sind Zahlen, die Schalke 04 zur Referenzgrösse stilisieren. Von allen Achtelfinalisten habe nur der Bundesligist in dieser Saison mehr Niederlagen einstecken müssen als Real, rechnete Marca vor. Und als sei das nicht genug, fehlt gegen Ajax Kapitän Sergio Ramos, der die Niederländer provozierte, als er in der Schlussphase des Hinspiels eine Verwarnung und damit eine Gelbsperre provozierte – als sei Real schon durch.

«Vielleicht wird Ramos das noch bereuen», unkte Ajax-Mittelfeldlenker Frenkie De Jong. Ja, vielleicht: Aus Reals Mannschaft kommen Klagen über stressbedingte Ermüdungserscheinungen: «Der Spielplan ist nicht der beste», sagte Verteidiger Dani Carvajal in Anspielung auf die Spiele gegen Barça vom Mittwoch und Samstag.

«Real first!»

Die Ajacieds landeten hingegen ausgeruht in Madrid. Sie bekamen am Wochenende spielfrei, um das Duell mit Madrid vorbereiten zu können. Dieses Entgegenkommen ist einem Solidaritätsgefühl in Holland geschuldet, das dem darwinistisch gefärbten Fussball Spaniens fremd ist. Die Klubs der Eredivisie kamen vor wenigen Monaten überein, die Einnahmen aus der Champions League zu teilen – mit dem Ziel, dass sich das Land im Ranking des europäischen Fussballverbandes Uefa verbessert. In Spanien steht das Partikularinteresse über dem grossen Ganzen, es herrscht eine Form von Trumpismus, nicht nur, aber vor allem in der Hauptstadt. Das Motto von Klubchef Florentino Pérez liesse sich gut mit: «Real first!» definieren.

Nur: Auf dem Platz ist das gerade nicht der Fall. Umso stärker ruhen die Hoffnungen auf dem deutschen Schiedsrichter Felix Brych, mit dem Real noch nie verloren hat. Kuriosum am Rande: Brych muss wieder mit den Assistenten Mark Borsch und Stefan Lupp antreten, mit denen er sich nach einem Bericht der Bild zerstritten haben soll. In der Partie Schalke gegen Düsseldorf assistierten ihm am Samstag Frederick Assmuth und Thomas Stein. Schalke verlor 0:4. Ob Schalke wirklich in jeder Hinsicht eine Referenzgrösse für Real ist, muss dahingestellt bleiben.

DerBund.ch/Newsnet

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