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Angriff der Demütigen

Die Konstellation für einen Angriff von YB auf Basel scheint günstig – die Berner aber meiden solche Voten. Aus schmerzhafter Erfahrung.

YB-Sportchef Christoph Spycher: «Unser Weg ist nicht einfach.» Bild: Keystone
YB-Sportchef Christoph Spycher: «Unser Weg ist nicht einfach.» Bild: Keystone

Das Geheimnis war diesmal früh gelüftet. Gestern Mittag, beim YB-Medien­termin, sagte Captain Steve von Bergen zwischen zwei Bissen Pasta: «Wir möchten Basel so lange wie möglich im Blick behalten.» So. YB wartet also ab. Keine Kampfansage, kein Grossangriff.

Bei den Young Boys kennen Saisonstarts vor allem eine Unbekannte. Nicht das Kader, das war in den letzten Jahren immer stark besetzt. Nicht die Ausgangslage, die ist seit Jahren dieselbe: Basel 1, YB 2. Nein, es war die Einstellung, die ­offizielle Zielsetzung, bei welcher der Betrachter bei den Bernern einen gewissen Hang zum Experiment feststellte. 2014 leckte YB noch die Wunden der berüchtigten «Phase 3», nach der Angriffsrhetorik um die Befehlshaber von 2012 und dem neuerlichen Scheitern. 2015 aber tönte der damalige Sportchef Fredy Bickel bereits wieder: «Wir wollen einen ­Titel gewinnen.» 2016 relativierte der neue Trainer Adi Hütter, man wolle «kleinere Brötchen backen». Und 2017 sagt Hütter in der TV-Sendung «Sportpanorama», nachdem der künftige Basel-Trainer Wicky neben ihm über Spielsysteme philosophiert hat, nur: «Es gibt als Trainer unterschiedliche Ansichten von Fussball. Am Ende des Tages muss man gewinnen.»

YB erfindet sich in zuverlässigen ­Abständen neu, und die Ausgabe 2017 könnte die erfolgversprechendste der letzten Jahre sein. Im Kader ist Qualität vorhanden, auf der Führungsebene herrscht Ruhe und im Auftritt regiert Demut. Nach den internen Turbulenzen im Herbst 2016 hat die neue Führung um Sportchef Christoph Spycher auf Anhieb für Entspannung gesorgt. Und daneben die ­Vorgaben der Besitzer erfüllt: YB soll ­billiger und jünger werden, dabei aber gleichzeitig konkurrenzfähig bleiben. Kein einfaches Diktat.

Kommt Nsamé noch?

Doch Spycher hat gewirkt. Und so kann er jetzt bereits sagen: «Unsere Kader­planung ist so weit abgeschlossen. Wir sind nicht mehr unter Zugzwang.» Wenn es sich ergibt, wird im Angriff noch ein Spieler dazukommen. Im Fokus steht Jean-Pierre Nsamé, falls ihn Servette ­ziehen lässt.

Es ist bemerkenswert, dass YB nun, wo der internationale Transfermarkt durch den Trainingsstart in den grossen Ligen hektischer wird, das Treiben schon mit verschränkten Armen betrachten kann. Spycher hat sich mit den Verkäufen aus der letzten Saison und den Abgängen von Zakaria (zu Gladbach), Mvogo (Leipzig) oder Lecjaks ­(Zagreb) eine Basis von etwa 20 Millionen Franken geschaffen. Damit hat er klug ­gewirtschaftet und zum Beispiel die überzeugenden Leihspieler Assalé, Mbabu und Nuhu fix ins Team geholt. «Das Ziel eines Leihgeschäfts muss eigentlich immer ein Vertrag sein», sagt Spycher bescheiden, wohlwissend, dass der abgebende Verein das anders sieht.

Zum jungen, schlanken, bescheidenen YB passen auch Zugänge wie Sow (von Mönchengladbach), Lotomba (Lausanne) oder Fassnacht (Thun). «Unser Weg ist nicht einfach. Es gibt nicht viele Spieler, die in unser Schema passen», sagt Spycher und meint das keineswegs nur anspruchslos im Sinne von: günstig. «Wir haben alle unsere Neuen länger ­beobachtet und sind auch menschlich sehr von ihnen überzeugt.»

Und so ist YB geglückt, was nicht nur im Fussball, sondern in der Wirtschaft gemeinhin alle anstreben: sparen, ohne es zu spüren. Kostensenkende Massnahmen verkauft man dort als Restrukturierung. YB haben vor allem Akteure verlassen, bei denen Leistung und Lohn in einem Missverhältnis standen. Gajic ging zu Vaduz, Vilotic im Winter zu GC.

Zuschuss aus der Besitzerschatulle war bei YB also für einmal nicht nötig. Bleibt die Frage, was das für YB konkret bedeutet. Nur widerwillig lassen sie sich konkrete Zielsetzungen entlocken. Gruppenphase im Europacup? «Ja, doch, das schon», sagt Spycher. Überwintern im Cup? «Das wäre gut.» Und in der Meisterschaft? «Da beobachten wir die Konkurrenz und sehen, was die zulässt.» YB 2017 – das könnte ein Angriff der Demütigen werden.

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