Angenehm unbequem

Auf dem Platz Wirbelwind, daneben Schweiger: So hält es Roger Assalé (23). Aber der Ivorer erzählt aus seiner spannenden Zeit im Kongo.

Roger Assalé trägt erst seit sechs Monaten das YB-Wappen auf der Brust. Der 1,65 m grosse Stürmer ist aber bereits zur unverzichtbaren Kraft und zum Sympathieträger geworden.

Roger Assalé trägt erst seit sechs Monaten das YB-Wappen auf der Brust. Der 1,65 m grosse Stürmer ist aber bereits zur unverzichtbaren Kraft und zum Sympathieträger geworden.

(Bild: Valérie Chételat)

«Freut mich sehr», sagt Roger Assalé leise. Er lächelt schüchtern, nimmt langsam Platz, legt die Hände auf den Tisch. Tee, Kaffee, Wasser? «Es muss nicht sein», entgegnet er. Rasche Bewegungen kann man sich in dem Moment kaum vorstellen bei diesem kleinen, feinen Mann. Ein Auftritt wie eine Sommerbrise, angenehm, zurückhaltend, man fühlt sich gleich mal wohl.

Eine Woche zuvor fegt derselbe Roger Assalé wie ein Herbststurm über den Rasen im Stade de Suisse. Mit den Young Boys spielt er gegen Dynamo Kiew. Der 1,65 Meter kleine Stürmer springt die baumlangen ukrainischen Verteidiger förmlich an, er wuselt, grätscht, dribbelt, macht ein grosses Spiel. Ein Fussballer wie ein Mückenschwarm, hartnäckig, aufsässig, man schüttelt ihn nur schwer ab.

15 Geschwister, ein Lehrer als Papa

«So bin ich, auf dem Platz und daneben, aber eigentlich will ich ja das Tor und, wenn ich ihn nicht habe, den Ball», sagt der 23-Jährige lächelnd. Der Ivorer ist eines der Gesichter des gegenwärtigen Höhenflugs von YB. Im Zweimannsturm von Trainer Adi Hütter war er bislang die auffälligere Figur, was weniger der kleinen Flaute des letztjährigen Toptorschützen Guillaume Hoarau als den starken Leistungen Assalés geschuldet ist. «Beweglichkeit, technische Qualität, Tempo. Und Demut.» Wenn sein Trainer über ihn spricht, ist die Rede immer auch vom anderen Assalé, der neben dem Rasen.

Dass Roger Assalé ein eher ruhiger Zeitgenosse ist, erstaunt erst mal. Aufgewachsen ist er in einer Grossfamilie, zusammen mit 15 Geschwistern und Halbgeschwistern, in der ivorischen Kleinstadt Abengourou. Der Vater Lehrer, die Mutter Krankenschwester und das Haus eigentlich rund um die Uhr voll, laut und belebt. «Es war immer etwas los, meist waren noch mehr Leute da, Freunde und Verwandte. Aber es ging uns immer gut, selbstverständlich ist das nicht», erzählt Assalé.

So, wie man sich Roger Assalé in der Grossfamilie vorstellt, fügt er sich auch ins Team ein. Als enorm mannschaftsdienlich bezeichnen ihn seine Teamkollegen, sich beklagen ist nicht sein Stil. Er kämpft lieber still, holt Freistösse heraus, zuletzt gegen Lausanne (3:0) auch einen Elfmeter. Dass er als Stürmer noch kein Tor erzielt hat, fällt noch kaum ins Gewicht, sein Wert ist auch so unverkennbar. «Mir ist lieber, er trifft, wenn wir mal einen Knoten haben», sagt Adi Hütter.

Als Assalé im Winter 2017 in Bern eintrifft, ergeht es ihm wie vielen anderen exotischen YB-Zuzügen zuvor. Die venezolanischen Teenies Josef Martínez und Alexander González klapperten zur gleichen Jahreszeit im 2012 gequält lächelnd mit den Zähnen und posierten fürs erste Bild auf einem Schlitten am Allmendhang. Der kamerunische Stürmer Henri Bienvenu dagegen war im Januar 2010 aus Tunesien gekommen und durfte als Willkommensgeschenk gleich weiter ins Trainingslager nach Südspanien. «Kurz vorher war ich für ein Probetraining in Belgien bei Anderlecht und sah dort erstmals Schnee», erinnert sich Assalé. Aber richtig beeindrucken liess er sich von der Kälte nicht. «Es ist, wie es ist. Als Fussballer kommst du mit vielem klar. Mit Mazembe spielten wir an der Club-WM in Japan, da hatte es plötzlich auch nur noch zwei, drei Grad.»

Vielleicht tut man mit diesem stillen, höflichen Menschen sowieso etwas, was man mit stillen, höflichen Menschen gerne einmal tut: Man unterschätzt sie. Denn Assalé ist keineswegs ein Rohdiamant und nur ein zufälliger Glücksgriff für YB. Der flinke Flügel war einer der begehrteren Fussballer in seinem Alter, die noch auf dem afrikanischen Kontinent spielten. Der Wechsel nach Europa scheint wohlgeplant, Angebote aus Belgien und Frankreich schlug Assalé noch ein Jahr zuvor aus.

«Okay, jetzt musst du liefern»

Bereits mit seinem ersten grösseren ivorischen Club erreichte er den Final des Confederation Cup, dem afrikanischen Pendant zur Europa League. Durch die internationalen Partien wurde TP Mazembe auf den kleinen Stürmer aufmerksam – und holte ihn 2014 nach Lubumbashi, in die Heimat des renommierten kongolesischen Vereins und in die zweitgrösste Stadt des auf einer wackligen Demokratie basierten Staates.

«Fussball in Afrika ist immer auch Politik», sagt Assalé, der öfter mal Grossdemonstrationen in der Stadt miterlebte. Mazembes Clubpräsident Moïse Katumbi ist eine der schillerndsten Persönlichkeiten des Landes und führt den fünffachen Sieger der afrikanischen Champions League seit 1997. Der Unternehmer sass acht Jahre lang als Abgeordneter im kongolesischen Parlament und kämpft an allen Fronten gegen Korruption und soziale Ungerechtigkeit. «Sein Ehrgeiz hat mich beeindruckt. Er sagte mir, er wolle mit mir Erfolg haben. Wenn ich dadurch für andere Clubs attraktiv würde, so sei das auch ein Verdienst und völlig in Ordnung.»

Prophezeit, geschehen: Mazembe gewinnt mit Assalé auf Anhieb die Champions League Afrikas, im gleichen Jahr ist der heutige YB-Akteur beim ivorischen Triumph am Afrika-Cup als Ergänzungsspieler dabei, später in Japan an der Club-WM. Je grösser die Bühne, desto präsenter die europäischen Scouts.

«Das war mir durchaus bewusst. Vor den Finalpartien in der Champions League etwa dachte ich mir, ‹okay, jetzt musst du liefern›», erzählt Assalé. Und prompt gelang ihm im Rückspiel ein Tor. Die europäischen Scouts notieren fleissig, auch YB-Chefscout Stéphane Chapuisat bekommt Wind von Assalé – vergangenen Februar handeln die Clubs dann das Leihgeschäft aus. Das erste Abtasten war ein Erfolg, der Vertrag bis 2020 im Sommer nur noch Formsache. «Auch ich wusste ja nicht, dass ich mich in der kalten Schweiz sofort so wohlfühlen würde», sagt Assalé – und lächelt mal wieder schüchtern.

Der Bund

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