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Ancelotti und das verflixte zweite Jahr

Der italienische Erfolgstrainer ist in Neapel gescheitert. Ist er noch gut genug für grosse Mannschaften?

Carlo Ancelotti schaut auf eine lange Karriere zurück.
Carlo Ancelotti schaut auf eine lange Karriere zurück.
Keystone
Ancelotti war der erste Trainer unter Nasser Al-Khelaifi, dem neuen Präsidenten bei Paris Saint-Germain. In seiner zweiten Saison führte er PSG (2011-2013) zu ihrem ersten Meisterschaftstitel seit knapp zwanzig Jahren.
Ancelotti war der erste Trainer unter Nasser Al-Khelaifi, dem neuen Präsidenten bei Paris Saint-Germain. In seiner zweiten Saison führte er PSG (2011-2013) zu ihrem ersten Meisterschaftstitel seit knapp zwanzig Jahren.
Osama Faisal, Keystone
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Die Nachricht am Dienstagabend ist doch etwas überraschend gekommen: Carlo Ancelotti ist nicht mehr Trainer von Napoli. Dies nach einem 4:0 Erfolg gegen Genk und der damit verbundenen Qualifikation für das Champions-League-Achtelfinal. Schaut man genauer hin, erstaunt der Entscheid von Präsident Aurelio De Laurentiis eher weniger.

In der Serie A liegt Napoli nämlich bereits siebzehn Punkte hinter Tabellenführer Inter. Der vor wenigen Jahren gefürchtete Sturm um Insigne, Mertens und Callejon ist derzeit nur der Schatten seiner selbst. Lediglich 24 Tore hat Napoli in fünfzehn Spielen erzielt. So wenige wie seit rund zehn Jahren im Aufstiegsjahr in die Serie A nicht mehr.

Auch die Abwehr kann nicht überzeugen. Dies obwohl im Sommer mit Kostas Manolas der scheinbar perfekte Abwehrspieler verpflichtet wurde, um an der Seite von Kalidou Koulibaly zu spielen. Die Bilanz ist bisher ernüchternd. Neunzehn Mal hat Torhüter Alex Meret bereits hinter sich greifen müssen. Das sind zu viele, um vorne mitzuspielen. Das Saisonziel, das De Laurentiis am Mittwochabend bekräftigt hat – Qualifikation für die kommende Champions League – liegt bereits acht Punkte entfernt.

Das verflixte zweite Jahr

Nun ist Ancelotti seinen Job los. Wie in seinen vorherigen Stationen ist ihm das zweite Amtsjahr zum Verhängnis geworden. Sowohl bei Parma, Chelsea, PSG, Real Madrid als auch bei Bayern München ist er nach oder im Verlauf der zweiten Saison entlassen worden. Nur bei Juventus und Milan ist er länger auf der Trainerbank gesessen.

Sein Palmarès ist trotz allem eindrücklich. Praktisch überall wo er unter Vertrag gestanden ist, hat er Trophäen in die Höhe gestemmt. Neunzehn sind es an der Zahl. Allein den Henkelpott hat er dreimal gewonnen. Zweimal ist er zum Weltklubtrainer des Jahres gewählt worden. Doch warum wird ein solcher Erfolgstrainer regelmässig in der zweiten Saison entlassen?

Die aktuelle Situation in Neapel gibt Aufschluss. Vor der Amtszeit von Ancelotti hat Napoli unter Maurizio Sarri mit Offensivfussball für Spektakel gesorgt. Am meisten Tore haben sie 2016/17 geschossen – insgesamt 94 Tore. In den drei Jahren unter Sarri haben sie die Meisterschaft stets auf dem Podium abgeschlossen. Doch Titel sind keine dazu gekommen.

Eigentlich die perfekte Ausgangslage für Carlo Ancelotti. Ausser bei Milan hat der 60-jährige bei allen Stationen von seinem Vorgänger profitiert. Er ist der kaltblütige Vollstrecker unter den Trainern. Denn der Italiener versteht wie kein Zweiter, sein Team auf ein höheres Niveau zu pushen. Seine Moderationskünste von Starensamble sind abgesehen vom Kapitel in München einzigartig. Alle Spieler ziehen unter ihm am selben Strang. Das beweist, wie sich die Spieler von Napoli von ihrem Übungsleiter verabschiedet haben.

Doch nur beliebt sein, genügt nicht. Die Angriffe bei Napoli scheinen in dieser Saison eine schlechte Kopie, aus den Alten Zeiten unter Sarri zu sein. Taktisch und spielerisch hat Ancelotti bei keinem von ihm trainierten Vereinen Neues eingebracht. So verwundert es kaum, dass er auch bei Napoli grosse Mühe bekundet hat, seinem Team seinen Stempel aufzudrücken. Damit sein Spiel funktioniert, ist er auf Top-Player angewiesen, die das Spiel alleine entscheiden können.

Im Sommer hat er diese gefordert. James Rodriguez und Mauro Icardi sind auf der Wunschliste gestanden. Der Klub hat insgesamt 128 Millionen Euro ausgegeben. Doch keiner der Wunschspieler hat den Weg zum Vesuv auf sich genommen. Gekommen sind stattdessen unter anderem Hirving Lozano, Kostas Manolas und Giovanni Di Lorenzo. Das sind durchwegs solide Spieler, doch darunter ist keiner, der die Differenz machen kann.

Fehlende Kontinuität

So hat Ancelotti vergebens nach einer Stammformation gesucht. Für jedes Spiel hat er jeweils die Karten neu gemischt. Auch die Spielsysteme hat er variiert. So hat er die Mannschaft einmal mit einem klassischen 4-4-2 auflaufen lassen, um sie ein andermal mit einem 4-4-1-1 oder mit einem offensiveren 4-3-3 spielen zu lassen. Das ist alles andere als Kontinuität, was Top-Klubs eigentlich ausmacht.

Nun ist das Kapitel von Ancelotti am Fuss des Vesuvs Geschichte. Angefangen hat sie mit einer Stadt, die bei seiner Ankunft Kopf gestanden ist und von einem Pokal geträumt hat. Zu Ende geht sie ohne eine einzige Feier. Bilanz: Ancelotti hat versagt.

Bei Napoli ist am Mittwochabend Gennaro Gattuso als Nachfolger vorgestellt worden. Dieser hat einst unter Ancelotti bei Milan grosse Triumphe gefeiert. «Es waren einige nicht leichte Tage für mich, weil ich wusste, dass ich alles mit Carlo klären musste. Selbst heute hat er bewiesen, dass er wie ein Vater zu mir ist. Er hat mir in schwierigen Momenten immer geholfen», hat sich Gattuso an einer Pressekonferenz zu seinem Vorgänger geäussert.

Glaubt man englischen und italienischen Medien geht Ancelottis Trainerkarriere in England bei Arsenal weiter. Es wäre eine total neue Ausgangslage für einen Trainer, der so viel gewonnen hat, wie kaum ein Zweiter, aber gleichzeitig auch an manchen Orten gescheitert ist. Und es wäre wohl die eine Aufgabe zu viel, in der sonst so erfolgreichen Trainerkarriere Ancelottis.

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