Ancelotti muss Lösungen finden

Meister FC Bayern empfängt heute Bayer Leverkusen. Und der Trainer steht unter Beobachtung.

Carlo Ancelotti vor seiner zweiten Saison in der Bundesliga. Alles andere als die Titelverteidigung wäre eine Enttäuschung.

Carlo Ancelotti vor seiner zweiten Saison in der Bundesliga. Alles andere als die Titelverteidigung wäre eine Enttäuschung.

(Bild: Keystone)

Peter M. Birrer@tagesanzeiger

jene, die sich Hoffnung machen, dass es gegen den FC Bayern etwas auszurichten gibt in dieser Saison. Und auch an jene, die schon leise Zweifel beschlichen haben. In kurzen Hosen sitzt der Münchner Trainer Carlo Ancelotti auf einem Stuhl und sagt auf Deutsch: «Alles ist im Plan. Wir sind bereit.» Und: «Wir freuen uns.»

Der Meister eröffnet heute die 55. Bundesliga-Saison gegen Bayer Leverkusen, und die Reise soll zum 28. Titel in diesem Wettbewerb führen, zum sechsten in Folge. Laut einer Umfrage des Sport-Informations-Dienstes erwarten 14 Trainer der Liga die Fortsetzung der Bayern-Dominanz. Und aus dem Westen des Landes meldet Hans-­Joachim Watzke als Chef von Borussia Dortmund, dass die Münchner auf Jahre hinaus kaum einzuholen seien. Er zählt sie zu den drei grössten Vereinen der Welt.

Nur stellt sich beim Anspruch, den die Bayern grundsätzlich haben, die Frage: Reicht die Substanz, um viel mehr zu erreichen als nur die nächste Schale, als vielleicht auch den Cupsieg?

Hoeness-Votum für Salihamidzic

Der Club befindet sich im Umbruch, und geräuschlos lässt sich der nicht vollziehen. Die Anstellung von Hasan Salihamidzic als Sportdirektor liess Kritiker aufheulen, das sei doch eine Notlösung. Präsident Uli Hoeness verteidigte ihn wortgewaltig und erklärte, Salihamidzic habe in den ersten 14 Tagen im Amt schon öfter dazwischengehauen als Matthias Sammer in einem Jahr: «Möglicherweise ist er die Königslösung.»

Tiefe Spuren hinterlässt der Umbruch in der Mannschaft. Mit Philipp Lahm und Xabi Alonso verabschiedete sich ein Duo in den Ruhestand, das Einfluss hatte und die Bayern prägte. Und Douglas Costa zog weiter zu Juventus. Die Bayern leisteten sich dafür Corentin Tolisso für 41,5 Millionen Euro von Lyon, Niklas Süle (25 Mio) und Sebastian Rudy (ablösefrei) aus Hoffenheim. Und sie liehen James Rodríguez für zwei Jahre aus – für ihn war bei Real Madrid kein Platz mehr. 10 Millionen soll die Gebühr an die Spanier kosten, die fixe Übernahme 2019 würde 35 Millionen betragen.

Die Münchner gaben kräftig Geld aus, nur: Was heisst schon kräftig in diesem Sommer der Irrsinns-Transfersummen? In dem englische Clubs mit dem Geld um sich werfen und Paris Saint-Germain mit dem Neymar-Deal alles übertrifft? Für Altmeister wie Stefan Effenberg oder Oliver Kahn verhalten sich die vermögenden Bayern zu defensiv, was das Werben um grosse Namen angeht. Effenberg warnt vor zu viel Sparsamkeit, Kahn glaubt, dass kein Weg daran vorbeiführe, ganz grosse Transfers zu tätigen, wenn der Verein weiter zur absoluten Spitze in Europa zählen wolle. Dem hält Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge entgegen: «Wir wollen das nicht, wir können das auch nicht.»

Hoeness wiederum verteidigt die Strategie, hält die Verpflichtungen für sinnvoll und hofft darauf, dass sich die Jugend im Kader durchsetzt. Nur ist just das ein Punkt, der Ancelotti wiederholt zum Vorwurf gemacht wird: dass er Talente nicht entscheidend voranbringe. «Er hatte letztes Jahr mit Kingsley ­Coman, Joshua Kimmich und Renato Sanches drei der besten jungen Spieler Europas im Kader», sagt etwa der frühere Bayern-Profi Dietmar Hamann in der «Sport-Bild», aber keiner von ihnen habe sich so entwickelt, «wie es der ­Verein erwartet hatte».

Natürlich hält Hoeness die schützende Hand über den Trainer («er ist grossartig»), sagt aber auch: «Er ist gefordert.» Und das heisst: Er muss besser abschneiden als in der vergangenen Saison, als er mit dem Meistertitel das Mindeste erreichte, aber im Cup und vor allem in der Champions League scheiterte.

Tages-Anzeiger

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