Als wäre der Dauerläufer nie weg gewesen

Alexander Gerndt hat nach einem Unfall erstaunlich schnell wieder Tritt gefasst. Das sprint- und laufintensive Spiel unter Coach Hütter gefällt dem Schweden.

Gut im Tritt: Alexander Gerndt (rechts) gegen GCs Benjamin Lüthi.

Gut im Tritt: Alexander Gerndt (rechts) gegen GCs Benjamin Lüthi.

(Bild: Keystone Alessandro della Valle)

Ruedi Kunz

Die Narbe an Alexander Gerndts rechtem Oberschenkel ist rund 40 Zentimeter lang und alles andere als eine Augenweide. Sie rührt von einem notfallmässigen Eingriff her, welcher in der Nacht vom 26. auf den 27. Juli vorgenommen werden musste, weil es zu einem Blutstau gekommen war. Auslöser des Kompartmentsyndroms, wie der übermässige Druckanstieg im Muskelgewebe in der Fachsprache heisst, war ein Kniestich wenige Stunden zuvor im Match YB gegen Luzern.

Gerndt hatte Glück im Unglück: Dank dem rechtzeitigen Freilegen der betroffenen Muskelstränge konnten irreparable Schäden verhindert werden. «Nerven, Muskeln, Knochen – alles ist ganz», erzählt der Stürmer frohgemut.

Totalschaden im Fussgelenk

Weit weniger glimpflich davongekommen war Gerndt, als ihn FCB-Haudegen Taulant Xhaka im Februar 2014 aufs Übelste gefoult hatte. Gerissene Bänder und Knochenabsplitterungen im rechten Fussgelenk hielten ihn fast ein Jahr lang vom Fussballplatz fern. «Das war eine sehr, sehr harte Zeit.» Die Geburt von Tochter Olivia und die allmählichen Fortschritte nach einem operativen Eingriff im Sommer 2014 halfen dem Skandinavier, den Mut nicht gänzlich zu verlieren. Im Kraftraum schuftete er Woche für Woche wie ein Berserker, um die unversehrten Körperteile in Form zu halten.

Diesmal verlief der Heilungsprozess ohne Komplikationen. Am 7. September kehrte Gerndt ins reguläre Mannschaftstraining zurück, nur fünf Tage später stand er doch eher überraschend in der Startelf, die Adi Hütter für sein Debüt ­gegen den FC Vaduz nominiert hatte.

Für eine Stunde reichte die Kraft, um die gegnerische Abwehr mit seinem gewohnt laufintensiven Spiel tüchtig zu ­beschäftigen, dann holte ihn der neue YB-Coach vom Platz. Das Heimpublikum verabschiedete den Rückkehrer mit ­einem warmen Applaus. Acht Tage später avancierte Gerndt bei der diffizilen Aufgabe im Schweizer Cup (Auswärts­spiel in Chiasso) zum Matchwinner. Im Stile eines Goalgetters nützte er zwei ­Unachtsamkeiten der Tessiner nach ­stehenden Bällen. Dass er in der nächsten Partie gegen den FC Basel auch ­wieder doppelt traf, rundete die schöne Comeback-Geschichte ab.

Solna, Sirius, Gefle

Dass Gerndt nach den jüngsten Erfolgserlebnissen abhebt, ist nicht zu befürchten. Er ist ein Angestellter, wie ihn sich jeder Profifussballclub wünscht: ein harter und ehrlicher Arbeiter, dem die Selbstinszenierung fremd ist und der kein grosses Aufheben um seine Person und Meriten macht.

Dabei hätte der Schwede einiges zu erzählen. Angefangen hat seine Profilaufbahn in Solna, ­einem Vorort von Stockholm. Auch ­Sirius und Gefle, die nächsten Stationen, sind ausserhalb Schwedens kaum jemandem geläufig. Etwas anders verhält es sich mit Helsingsborgs IF, welches ­immerhin fünfmal Landesmeister und ­Pokalsieger war. Dort avancierte Gerndt 2010 eher überraschend zum Torschützenkönig der schwedischen Eliteliga.

Das öffnete ihm die Türen ins Ausland: Via Utrecht, wo er zweieinhalb Jahre ­unter Vertrag stand, landete er Anfang 2013 beim BSC YB, welcher ihn als Nachfolger des nach Basel abgewanderten Raúl Bobadilla präsentierte.

Gerndt brauchte eine ganze Weile, bis er den Tritt endlich gefunden hatte. «Die ersten sechs Monate waren sehr hart», erinnert er sich. Er sei in ein Team gekommen, in dem sich viele Gruppen gebildet hätten und in dem eine klare Hierarchie gefehlt habe. Unter Uli Fortes Führung habe sich der Teamspirit dann merklich verbessert: «Er war sehr nahe bei uns Spielern.»

Negatives zum Anfang August entlassenen Coach ist dem Schweden nicht zu entlocken. Fortes Nachfolger Hütter bezeichnet er als charismatische Person, die klar und ehrlich kommuniziere. Dass der neue Trainer noch nie länger mit ihm gesprochen hat, stört den 29-Jährigen nicht. «Er hat 26 Leute unter sich, mit denen er sich unterhalten muss. Irgendwann werde ich an der Reihe sein.»

Keine Egoisten in der Gruppe

Glaubt man Gerndt, ist bei YB im Moment «fast alles perfekt». Es gebe keinen einzigen grossen Egoisten im 26-köpfigen Kader. «Ob Sie es glauben oder nicht: Wir ziehen alle am gleichen Strick, jeder nimmt die ihm zugewiesene Aufgabe wahr.» Das tönt fast zu schön, um wahr zu sein angesichts der Tatsache, dass fast die Hälfte der Belegschaft kaum mehr Ernsteinsätze bestreiten kann, seit YB eines der Saisonziele, die Qualifikation für die Gruppenphase der Europa League, verpasst hat.

Es gebe unzufriedene Spieler, bestätigt Gerndt. «Diese Konstellation haben wir uns selber zuzuschreiben, weil wir gegen Karabach versagt haben.» Deshalb sei es wichtig, dass auch jene, die nicht spielen könnten, sich professionell verhielten und bereit seien, wenn sie eine Chance kriegten.

Als gutes Beispiel nennt er Gregory Wüthrich, der Ende September in Thun für den verletzten Steve von Bergen einspringen musste. «Gregy sass zuvor wochenlang auf der Ersatzbank. Das war frustrierend für ihn, doch er blieb immer fokussiert und machte einen Superjob, als er benötigt wurde. Solche Spieler brauchen wir.» Gerndt traut den Young Boys noch einiges zu in dieser Saison, obwohl sie bis Weihnachten auf die beiden Leistungsträger von Bergen und Hoarau verzichten müssen. «An der Zielsetzung hat sich nichts geändert: Wir wollen einen Titel holen.»

Der Bund

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