Allen Stürmen getrotzt

Marko Dangubic ist das grösste YB-Talent mit Jahrgang 1996. Nun steht der U-21-Stürmer vor dem Einstieg in den Profifussball.

Marko Dangubic steht vor der nächsten Weichenstellung. Demnächst entscheidet sich, ob er im Sommer einen Profivertrag erhält.

Marko Dangubic steht vor der nächsten Weichenstellung. Demnächst entscheidet sich, ob er im Sommer einen Profivertrag erhält.

(Bild: Franziska Rothenbühler)

Ruedi Kunz

Schule, Team- und Spezialtraining, Physiotherapie, Kräftigungs- und Dehnübungen für die Hüften. Marko Dangubics Tage sind bereits vollgepackt mit Terminen. Und jetzt stehen auch noch die Abschlussprüfungen am Sportgymnasium Neufeld an. «Es ist stressig», bestätigt der Nachwuchsspieler. Um sogleich anzufügen, das Mehrpensum lasse sich bewältigen, wenn man die nötige Disziplin aufbringe. Was zum Beispiel heisst, zwischen Schulende und Training, welches in der Regel um 16 Uhr beginnt, in einer ruhigen Ecke zu lernen.

An Disziplin hat es dem grossgewachsenen jungen Mann noch nie gemangelt. Und auch nicht an Ehrgeiz, einer anderen ganz wichtigen Komponente im Spitzensport. Den Ehrgeiz hat er vom Vater geerbt, der in Serbien selber Fussballprofi war, bevor er Anfang der 90er-Jahre mit seiner Frau und dem ­älteren Sohn in die Schweiz zieht. Hier kommt Marko Dangubic 1996 zur Welt. Er wächst in einer Umgebung auf, wo sich fast alles um Fussball dreht. Am Tisch wird über Fussball debattiert, im TV läuft oft Fussball, vom Vater gibts Anschauungsunterricht, Ratschläge und Anweisungen. Übungsplatz ist meistens die Schulanlage Selhofen in Kehrsatz, dem Wohnort der Dangubics.

Früh den Vater verloren

Der Vater bleibt erster Ansprechpartner und wichtigste Bezugsperson, als Marko Dangubic elfjährig via Selection-Team bei YB landet. Wie zuvor beim FC Belp übt er sich auch hier fleissig in seiner Lieblingsbeschäftigung, dem Toreschiessen.

Bis 16 gibt es in seinem Leben keine grossen Turbulenzen. Er geht gerne zur Schule, hat Erfolg im Fussball und geniesst die spärliche Freizeit mit Kollegen. Am 20. Februar 2012, nur wenige Tage nach seinem 16. Geburtstag, wird das Familienglück jäh zerstört. Sein Vater stirbt völlig überraschend an einem Hirnschlag. Schock, Trauer, Leere. Viele Fragen, unbefriedigende Antworten, familieninterne Diskussionen, wie es weitergehen soll. Für Marko Dangubic, der seinem Vater versprochen hat, immer alles zu geben, ist schnell einmal klar: Das Projekt Profifussballer wird durchgezogen – jetzt erst recht.

Die Hüften als Schwachstelle

Einige Wochen nach dem schweren Schicksalsschlag wartet bereits die nächste Bewährungsprobe auf den Teenager: Schnelles Wachstum und starke Belastung haben zu einer Deformation des rechten Hüftkopfs geführt. Mittels Arthroskopie soll der Schaden behoben werden. Nach der Operation im April 2012 folgt das übliche Prozedere: Rehabilitationsprogramm, Intensivierung des Trainings, Rückkehr auf den Fussballplatz. Wieder machen sich Schmerzen bemerkbar. Hoffen, Zweifeln, Bangen. Irgendwann ist klar: Die rechte Hüfte muss mittels einer grösseren Operation gerichtet werden. Drei Monate später ein erneuter Eingriff, diesmal wird präventiv die linke Hüfte behandelt. Das Karrierenende scheint nah. Aber nicht für eine Kämpfernatur wie Marko Dangubic. Er schuftet unter Anleitung von Physio­thera­peuten wie ein Berserker, absolviert unzählige Spezialtrainings, dehnt und kräftigt die Muskulatur im Hüftbereich.

Talentspäher Christoph Spycher, welcher den langwierigen und schweisstreibenden Prozess begleitet hat, staunt noch heute, mit welcher Willenskraft und Konsequenz der serbisch-schweizerische Doppelbürger an seinem Comeback gearbeitet hat: «Er hat eine unglaubliche Mentalität. Manch anderer junger Spieler hätte kapituliert, wenn ihm derart viele Steine in den Weg gelegt worden wären.»

Beidfüssiger Strafraumstürmer

Die Leidensgeschichte mit den Hüften hat Dangubic rund eineinhalb Jahre wertvolle Ausbildungszeit gekostet. Seit er seinen Körper wieder voll belasten kann, versucht er mit Spezialtrainings Verpasstes nachzuholen. Im Sprintbereich, wo er schon länger gewisse Defizite aufweist, hat er die Vorgaben, die er zusammen mit Spycher festgelegt hat, erreicht. «Doch ein Riesensprinter bin ich immer noch nicht», weiss Dangubic.

In der U-21-Auswahl hat er in seiner zweiten Saison einige Duftnoten gesetzt. 14 Tore sind ihm bisher gelungen, zufrieden ist er dennoch nicht. «Ich hätte mehr aus meinen Möglichkeiten machen müssen.» Dangubic ist ein beidfüssiger Strafraumstürmer, der förmlich riecht, wohin der Ball kommt. Einiges hat er Stéphane Chapuisat abgeschaut, welcher regelmässig mit den Stürmern der U-14 bis U-18 arbeitet. Der 20-Jährige kommt ins Schwärmen, wenn er über den ehemaligen Weltklassespieler spricht: «Seine Lockerheit, sein linker Fuss, seine Körpertäuschungen – es ist ein Genuss, ihm zuzuschauen.»

Andere Vorbilder sind Zinedine Zidane, Zlatan Ibrahimovic und Aleksandar Mitrovic (Newcastle United). Von ihnen schaut er sich vor jedem Match ­Videoausschnitte an auf dem iPhone. «Das inspiriert mich und ist gleichzeitig visuelles Lernen.»

Vor dem letzten grossen Schritt

Erkundigt man sich in der Nachwuchsabteilung von YB nach Dangubic, fallen immer wieder die Begriffe starke Persönlichkeit, überdurchschnittliche Spielintelligenz, ausgeprägter Wille, vorbildliche Einstellung – alles gute Voraussetzungen, um die letzte Treppenstufe zu erklimmen. Gerne würde Dangubic diesen Schritt bei YB machen. Nur: Wunschdenken und Realität sind oft verschieden. Wie hart der Einstieg in den Profibetrieb für einen jungen Spieler ist, hat Dangubic in den wenigen Trainings erfahren, die er bisher mit der ersten Mannschaft bestreiten durfte. «Vom Tempo und der Intensität her ist das nochmals eine ganz andere Geschichte.»

Marko Dangubic habe «schwierige Jahre» hinter sich und brauche möglicherweise noch etwas länger, «um sich ganz oben durchzusetzen», sagt Sportchef Fredy Bickel. Weil er vorerst nicht an Hoarau, Gerndt und Kubo vorbeikommt, ist es naheliegend, den Stürmer auszuleihen. Bickel: «Für Marko ist es wichtig, zu möglichst viel Spielpraxis zu kommen.» Und sollten ihm über kurz oder lang die Hüften wieder einen Streich spielen, könnte das Sprachtalent immer noch auf Plan B zurückgreifen und ein Studium in Angriff nehmen.

Der Bund

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt