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Acht Operationen, ein Glücksgefühl

Aus der Anonymität in den Mittelpunkt: der Weg von Albert Bunjaku von Schlieren ins Nationalteam.

Die Karriere auf den Kopf gestellt: Albert Bunjaku (rechts) hat derzeit Grund zur Feier.
Die Karriere auf den Kopf gestellt: Albert Bunjaku (rechts) hat derzeit Grund zur Feier.
Keystone

Von Am Mittwoch versichert Albert Bunjaku glaubhaft: «Nein, nein, das wird bestimmt nicht passieren. Ottmar Hitzfeld meldet sich nicht. Ich bin doch kein Träumer.»

Am Donnerstag hat Bunjaku zu tun, sein Sohn Dion feiert den zweiten Geburtstag, daheim in Nürnberg werden Gäste erwartet. Die Aufregung ist gross, aber sie ist unerwartet noch ein bisschen grösser. Schliesslich hat nicht nur der Nachwuchs Grund zu feiern, sondern auch der Vater. Hitzfeld hat sich eben doch gemeldet, er hat Albert Bunjaku für das Länderspiel der Schweiz gegen Norwegen eingeladen und ihm am Telefon gesagt: «Sie haben sich dieses Aufgebot verdient.» Ein tiefes Glücksgefühl macht sich bei Bunjaku breit: «Der 5. November ist ein perfekter Tag.» Die Geschichte des Fussballers ist jetzt um ein besonderes Kapitel reicher.

Vier Tore musste der bald 26-Jährige für Nürnberg in dieser Saison erzielen, um sich sein schönstes Aufgebot zu verdienen, eines in Frankfurt (1:1), zwei gegen Hertha Berlin (3:0), eines gegen Bremen (2:2). Bevor er die Bühne der Bundesliga betrat, nahm die Welt kaum Notiz vom Spieler, der im Kosovo geboren wurde und zusammen mit seinen zwei Brüdern sowie seiner Mutter 1991 dem Vater in die Schweiz folgte. Islam Bunjaku kam 1987 nach Fahrweid und fand in Altstetten eine Stelle als Bauspengler. Für Fussball interessierte sich Albert in jungen Jahren höchstens auf dem Schulhausplatz: «Meine Motivation hielt sich in Grenzen.»

«Ich war fix und fertig»

Erst als C-Junior stieg er dann doch ein, sein erster Klub war der FC Schlieren. Anfänglich ging alles locker und leicht. Bunjaku wechselte zu GC, durchlief als rechter Verteidiger die Juniorenstufen bis zur U-17. Bis Carlos Bernegger kam. Und Bunjaku mitteilte, dass er in seinen Planungen keine Rolle spielt. Das hatte Folgen. Bunjaku hatte ein halbes Jahr absolut keine Lust mehr auf Fussball. Er sagt heute: «Ich war fix und fertig.» Er hörte auf seinen Vater, der ihm auftrug, die Lehre als Betriebspraktiker unbedingt abzuschliessen. Islam Bunjaku sagte stets: «Das Risiko, nur Fussballer zu sein, ist zu gross.»

Einen neuen Anlauf nahm sein Sohn nur plauschhalber bei YF Juventus. Trainer Salve Andracchio formte aus dem Abwehrspezialisten einen Stürmer, der nun auf den Geschmack kam, mit Fussball seinen Lebensunterhalt bestreiten zu können. Er folgte dem Ruf von Jürgen Seeberger aus Schaffhausen, stieg von der Challenge in die Super League auf, fand sich aber bald auf der Bank. Und ging wieder. Paderborn war die nächste Station, die deutsche Regionalliga seine neue Welt. «Aber die Seuche ging weiter», wie er es formuliert, «ich spielte nicht, war wieder im Elend und stand vor einer ungewissen Zukunft.» Er stand davor, aufzuhören.

Die Werbung gegen die Bayern

Seine Frau, die damals in Paderborn in einer Boutique arbeitete, lenkte die Karriere von Bunjaku in eine andere Bahn. Sie kannte die Frau von Pavel Dotschew, dem Trainer von Rot-Weiss Erfurt. Dotschew suchte einen Stürmer für sein Regionalliga-Team, Bunjaku war verfügbar. Er zog nach Erfurt - und erlebte am 10. August 2008 eine Sternstunde. Im deutschen Cup glückte ihm nach viermonatiger Verletzungspause mit zwei Treffern ein perfektes Comeback beim 3:4 gegen die Bayern. Ottmar Hitzfeld registrierte es mit Interesse: «Ich war überrascht, dass es sich bei Bunjaku um einen Schweizer handelt. Ich behielt ihn im Auge.»

Der Auftritt trug Angebote ein, eines davon aus Nürnberg. Für 250'000 Euro wechselte er Anfang dieses Jahres, bekam einen Vertrag bis 2012, dazu das Trikot mit der Rückennummer 10. Und ein halbes Jahr später kam er in der Bundesliga an. Das ist ein erstaunlicher Werdegang, zumal Bunjaku acht Operationen über sich ergehen lassen musste, an der Schulter, an den Knien, an den Leisten. Sein Beitrag zum Aufstieg der Nürnberger war bescheiden: 7 Einsätze, 1 Tor. Und: 1 Muskelfaserriss, 7 Wochen Pause. Inzwischen hat er seinen Stellenwert in Nürnberg gehoben. Sein Trainer Michael Oenning lobt: «Er ist einer der Gewinner der Saison.» Seeberger zeigt Respekt vor dem Mut Bunjakus: «Mit dem Wechsel nach Deutschland machte er einen Schritt zurück, danach zwei vorwärts.»

Bunjaku ist auf der Fahrt mit der Achterbahn oben angelangt. Früher sass er kaum vor dem Fernseher, wenn Fussball lief, er hatte weder einen Lieblingsklub noch einen bevorzugten Spieler. «Und heute dreht sich alles um Fussball.» Jetzt darf er bei Ottmar Hitzfeld vorspielen. Bevor er in die Schweiz reist, ist Bundesliga und spielt Nürnberg in Mainz. Das alles ist aufregend für einen, der aus der Anonymität kam. Wie sagt Bunjaku? «Ich komme mir vor wie in einem Märchen.»

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