«Wir sind gemeinsam gewachsen»

Lara Dickenmann prägt den Schweizer Frauenfussball seit über einem Jahrzehnt. Mit der Qualifikation für die WM in Kanada erfüllte sich ein Traum.

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Welche Erinnerungen haben Sie an den 14. August 2002?
Nur gute. (schmunzelt) Mein erstes Länderspiel mit der Schweiz, in Frankreich, und wir haben gewonnen. Es ist bis heute unser letzter Sieg gegen Frankreich.

Sie, die 16-jährige Debütantin, ­schossen ein Tor.
Mit Sonja Löffel spielte ich einen Doppelpass, dann zog ich in den Strafraum, schoss mit links und traf am ersten ­Pfosten vorbei.

Das ist Ihnen offensichtlich noch sehr präsent.
Es war ein sehr spezieller Tag für mich. Ich erinnere mich, wie Jost Leuzinger (der damalige Nationaltrainer) mir am Abend zur Feier des Tages ein Getränk spendiert hat. Ein alkoholfreies, nehme ich an. (lächelt)

Wovon haben Sie als 16-Jährige geträumt?
Vom Profifussball, von der Champions League, das schon. Aber ich hätte da nie gedacht, dass dies irgendwann in Erfüllung gehen würde. Mit 16, eher 17 Jahren wurde Amerika langsam konkret, und ich wusste, dass ich an einem College studieren wollte. Aber das war ja erst ein Schritt auf dem Weg zur Karriere. Profi wurde ich erst Jahre später.

2004 wechselten Sie an die Ohio-State-Universität, erhielten ein Stipendium und spielten im ­Frauenteam Fussball. Warum Ohio?
Ich hätte auch nach Yale gehen können, aber dort bekam ich kein Stipendium angeboten. Ich hätte das also bezahlen müssen, und in Yale ist das Studium sehr teuer. Ein College aus dem Süden wollte mich auch, aber für mich war schnell klar, dass es Ohio sein wird.

Wussten Sie, was Sie da erwarten würde?
Überhaupt nicht. Mit meinem Vater schaute ich mir die Universität an. Das war eindrücklich. Die Stadt Columbus ist ja nicht wirklich riesig, aber ver­glichen mit Sursee . . . Der Campus war beeindruckend, die Infrastruktur auch. Man sieht das Geld, das an solch einer Schule vorhanden ist.

War es der Schritt Ihrer Karriere, der Sie am meisten geprägt hat?
Fussballerisch nicht, fussballerisch war Lyon der Wechsel, der mich am meisten vorwärtsbrachte. Aber in Amerika lernte ich als Mensch sehr viel. Und viel über mich selber. Ich war mit 18 weit weg von daheim, anfangs ganz auf mich allein ­gestellt, auch wenn ich schnell Freunde fand. Und es war auch so, dass ich mit 18 der einen oder anderen Verlockung nicht widerstehen konnte.

Würden Sie den Schritt heute ­nochmals wagen?
Zuerst studieren gehen, das macht heute keine mehr. Der Weg, den ich gegangen bin, ist eher untypisch. Wenn eine Schweizerin jetzt ins Ausland geht, wechselt sie gleich zu einem Profiteam. Am ehesten nach Deutschland oder Schweden.

Oder wie Sie: nach Frankreich, zu Olympique Lyonnais.
Es hat mir unglaublich gut gefallen in Lyon, und der Club liess mich spüren, dass er mich unbedingt wollte. Die ­Ambitionen des Vereins waren gross, er liess sich die Frauenabteilung einiges vom Geld kosten, das die Männer einspielten. Und einige jener Spielerinnen, gegen die ich 2002 mein erstes Länderspiel bestritten hatte, waren plötzlich meine Teamkolleginnen.

Ihre Erfolge in Lyon waren ­beträchtlich: Zwischen 2010 und 2014 ­gewannen Sie fünfmal den Meister­titel, erreichten dreimal den Champions-League-Final und waren 2011 die erste Schweizerin, die die Königsklasse gewinnt.
Der Sieg in der Champions League war einer der schönsten Tage meines ­Lebens. Wie eine Art Belohnung. Meine Karriere war vor allem am Anfang mit grossem Aufwand und vielen Opfern verbunden, aber damit wir uns richtig verstehen: Für mich waren es nie Opfer. Der Fussball war immer meine erste Priorität, ich habe nichts lieber gemacht. Ich deute das als gutes Zeichen für meine Karriere. (lächelt)

Denken Sie heute, da Sie Profi sind und mit dem Fussball längst Ihren Lebensunterhalt verdienen, manchmal noch zurück? Wie das damals war?
Als ich noch bei Sursee spielte, haben wir das meiste aus unserer eigenen Tasche bezahlt und sind mit Privatautos zu den Auswärtsspielen gefahren. Es war ein richtiger Amateurbetrieb. Wir hatten nicht einmal offizielle Trainingsleibchen, sondern zogen an, was wir an Shirts gerade daheim hatten. Heute ist das natürlich besser organisiert und professioneller.

Ärgert es Sie, dass es nicht schon zu Ihrer Zeit solche Verhältnisse gab?
Na ja, die Veränderungen haben Vor- und Nachteile. Wir mussten früher um alles kämpfen und lernen, mit diesen Umständen zu leben und uns zu organisieren. Es war nicht leicht, aber auch wir haben es geschafft. Den jüngeren Spielerinnen heute wird mehr abgenommen, vor die Füsse gelegt. Sie ­haben auch schulisch oder beruflich mehr Möglichkeiten als wir damals.

Das spüren Sie bei Ihren ­Teamkolleginnen im Nationalteam?
Nein, im Nationalteam überhaupt nicht. Es gib hier kein Problem mit der Mentalität oder wegen mangelnder Einstellung. Das macht mir Freude, denn ich habe in Frankreich erlebt, dass es sehr wohl auch anders sein kann.

Wie denn?
Ich hatte oft das Gefühl, dass junge Spielerinnen gar nicht realisieren, was für eine Chance sie erhalten haben, bei uns mitzutrainieren. Es waren sicher talentierte Spielerinnen, aber sie betrachteten die Gelegenheit als selbstverständlich und benahmen sich auch so. Doch es ist nicht selbstverständlich.

Hatten Sie jemanden, der Ihnen dies beibrachte?
Meine Eltern, die beide auch Sport getrieben haben. Sie haben mich immer gut beraten und unterstützt und auch zurück auf den Weg geführt, wenn das nötig war und ich etwas davon abkam.

Nach der WM werden Sie Lyon nach sechs Jahren verlassen und zu Wolfsburg wechseln. Warum?
Ich will etwas Neues erleben, neue ­Erfahrungen machen, ein neues Land und eine neue Fussballmentalität, einen neuen Fussball kennen lernen. Wolfsburg ist sehr professionell und mit Lyon zu vergleichen. Ich bin froh, kann ich auch bei einem neuen Verein auf diesem Niveau weitermachen.

Gab es das Gedankenspiel, als Pionierin in die Schweiz ­zurück­zukehren?
Ich kann mir gut vorstellen, gegen Ende meiner Karriere noch einmal in der Schweiz zu spielen. Aber jetzt war es noch nicht so weit, ich wollte noch einmal etwas Grosses. Ich bin mir bewusst, dass ich mit 29 Jahren nicht mehr die Jüngste bin, und geniesse jedes Jahr, das ich noch auf dem Fussballplatz stehen darf.

Ist 29 im Frauenfussball denn ein so hohes Alter?
Wenn du über Jahre all deine Ferien ­wegen des Fussballs beziehen musst, weil du natürlich im Nationalteam spielen willst, wenn du schon kannst. Oder du deswegen sogar draufzahlst, weil ­unbezahlte Ferien nötig sind, dann hörst du irgendwann auf. Wahrscheinlich vor 29. Diesen Aufwand kann man betreiben, solange man jung ist. Mein Glück ist, dass ich vom Fussball leben kann. Als Profi kann man schon so lange wie die Männer spielen, denke ich. Bis 35 sicher. Aber damit hat man früher zum alten Eisen gezählt.

Im Spätherbst Ihrer Karriere also erleben Sie mit der WM in Kanada das erste Turnier mit dem ­Schweizer Nationalteam. Geht damit ein Traum in Erfüllung?
Und wie! Zusammen mit der Champions League ist die WM der grösste Traum meiner Karriere. Vielleicht sogar noch grösser, denn all das mit dem Nationalteam zu erreichen, ist noch einmal ­etwas anderes. Ein Nationalteam kann seine Spielerinnen nicht einkaufen, ­sondern muss aus den vorhandenen Möglichkeiten das Optimum herauszuholen versuchen.

Wie sehr hat sich das Nationalteam entwickelt in den vergangenen Jahren?
Enorm. Ich merke, dass wir viel konstanter spielen, es gibt einen harten Kern, um den herum ein gutes Team entstanden ist. Wir sind gemeinsam gewachsen.

Hat der Trainerwechsel zu Martina Voss-Tecklenburg dem Team noch einmal einen Schub verliehen?
Auf jeden Fall. Was Béatrice von Siebenthal zuvor geleistet hat, war sehr gut und wichtig für den Frauenfussball in der Schweiz, doch irgendwann brauchte es eine Veränderung. Wir hatten eine Grenze erreicht. Die haben wir mit Martina verschoben. Sie hat die internationale Erfahrung, die niemand sonst in der Schweiz hat. Wir konnten davon ­extrem profitieren.

Inwiefern?
Vor allem was die Mentalität betrifft. Am ersten Tag hat sie zu uns gesagt: «Frauen, hier ist viel Qualität vorhanden.» Wir schauten uns an und staunten. Doch irgendwann begannen wir, ­selber daran zu glauben, und realisierten: Sie hat ja recht. Sie hat in uns das Selbstvertrauen geweckt.

Das viel zitierte deutsche Siegergen.
Genau. Sie geht nie in ein Spiel, um einmal zu schauen, was passiert. Egal, wie der Gegner heisst – sie hat einen Plan, wie man den Match gewinnen kann.

Auch am 8. Juni, wenn ausgerechnet Titelverteidiger Japan der Auftaktgegner der Schweiz ist?
Klar, wir brauchen keine Angst zu ­haben. Wir haben nichts zu verlieren.

Das stimmt ja nicht: Sie können sehr wohl verlieren. Und schliesslich möchten Sie an der WM mindestens den Achtelfinal erreichen.
Auf jeden Fall – aber sollten wir tatsächlich verlieren, müssten wir eben das zweite und dritte Spiel gewinnen. ­(lächelt) Im Ernst: Ich habe Respekt vor Japan, aber nicht so viel, dass das in Angst umschlagen könnte. Ja, ich habe das Gefühl, dass wir auch Japan schlagen können. Wir werden in dieses Spiel ­gehen, um es zu gewinnen.

Ausgerechnet gegen Japan ­bestreiten Sie Ihr 100. Länderspiel. Was bedeutet Ihnen das Jubiläum?
Nicht wirklich viel. Es ist eine Zahl wie 99 oder 101. Ich bin schon lange dabei, habe mit 16 mein erstes Länderspiel bestritten – dann kommt man irgendwann halt auf 100. (schmunzelt) Wäre ich damals nicht in die USA gegangen, hätte ich die 100 vielleicht früher erreicht. ­Damals bestritt ich kaum Länderspiele.

Das macht Sie kein bisschen stolz?
Stolz bin ich, dass wir an dieser Weltmeisterschaft spielen. Das Team steht im Vordergrund. Und ich möchte ja auch, dass noch ein paar Länderspiele dazukommen.

Kann die erste WM-Teilnahme der Schweiz eine Signalwirkung haben, um den Frauenfussball im Land weiterzubringen?
Das hoffen wir natürlich. Mit guten ­Resultaten ist es am einfachsten, das Denken der Menschen zu beeinflussen. Doch uns muss bewusst sein: Diese Weltmeisterschaft ist nicht mehr als ein erster Schritt. Ab jetzt müssen wir den Anspruch haben, an jeder Endrunde dabei zu sein.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.06.2015, 20:46 Uhr

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Lara Dickenmann (29)

Geboren am 27. November 1985 in Kriens, begleitete sie ihren älteren Bruder Joël mit sechs Jahren in ein Training des lokalen Sportclubs und wurde sofort aufgenommen – obschon ihr Vater Urs, einstiger FCZ-Profi und viele Jahre im Kader der Credit Suisse, fand, «das sei doch nichts für Meitli». Mit 14 wechselte die Stürmerin zu den damals dominanten Frauen des FC Sursee und weckte in der Folge als Junioren-Nationalspielerin das Interesse grosser US-Colleges. 2004, zwei Jahre nach ihrem Debüt im Nationalteam, akzeptierte sie das Angebot der Ohio-State-Universität, wo sie ein Stipendium erhielt und internationale Wirtschaft studierte. 2008 kehrte sie nach Europa zurück, zunächst für wenige Monate zu den FCZ-Frauen, nachher zu Olympique Lyon, wo sie sechs Jahre blieb, sechs Meistertitel feierte, dreimal den Champions-League-­Final erreichte und zwei davon gewann. Auf die neue Saison hin wechselt sie mit einem Zweijahresvertrag zum deutschen Spitzenclub Wolfsburg. (wie)

WM in Kanada 6. Juni bis 6. Juli

Gruppe A

Kanada, China, Neuseeland, Holland

Gruppe B

Deutschland, Elfenbeinküste, Norwegen,

Thailand

Gruppe C

Japan, Schweiz, Kamerun, Ecuador

Gruppe D

USA, Australien, Schweden, Nigeria

Gruppe E

Brasilien, Südkorea, Spanien, Costa Rica

Gruppe F

F Frankreich, England, Kolumbien, Mexiko

Die Schweizer Spiele (Zeiten in MEZ)

Japan - Schweiz Di, 8.6.   4.00 Vancouver

Schweiz - Ecuador Sa, 13.6.   1.00 Vancouver

Schweiz - Kamerun Di, 16. 6. 23.00 Edmonton

Achtelfinals

Samstag 20., Sonntag 21.,

Montag 22. und Dienstag 23.6.

Viertelfinals

Freitag 26. und Samstag 27.6.

Halbfinals

Dienstag 30.6. und Mittwoch 1.7.

Finals

Spiel Platz 3 Sa, 4.7. 21.00 Edmonton

Final: Mo, 6.7.   1.00 Vancouver


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