«Wir hatten das Gefühl, uns könne niemand schlagen»

Jean-Marie Conz war Libero und Captain des letzten YB-Meisterteams. Der Jurassier blickt zurück ins Jahr 1986, als YB überraschend den nationalen Thron bestieg.

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Ruedi Kunz

Blaues Hemd, grüne Hose, die Hände in den Hosentaschen. Jean-Marie Conz hat an den Fifa-Hauptsitz auf den Zürichberg geladen, wo er sein Büro hat. Senior Manager Technical Development steht auf dem Messingschild an der Türe. Oder auf Deutsch: Entwicklungshelfer im Ausbildungsbereich.

Als solcher ist der gebürtige Jurassier zehn und mehr Wochen im Jahr auf Reisen. Vorletzte Woche war er auf Jamaika, wo er technische Direktoren des Konföderationsverbands Concacaf unterrichtete, im Juli leitet er Trainerkurse in Nigeria.

«Wenn die Fifa fragt, ob ich mal zwischendurch für zwei Wochen auf die Philippinen gehen könne, dann sage ich sicher Ja.» Der langjährige Instruktor war in Ruanda, im Kongo, in Benin, im Sudan, in Tadschikistan, auf Montserrat und Samoa, sogar in Grönland. Den hiesigen Fussball verfolgt er vorwiegend als Fernseh- und Zeitungskonsument.

Jean-Marie Conz, wie präsent ist Ihnen der 24. Mai 1986, als YB mit einem grandiosen 4:1-Auswärtssieg gegen Xamax Neuenburg das Meisterrennen für sich entschied?
Sehr. Manchmal denke ich, der Match hat gestern stattgefunden und nicht vor 30 Jahren (lacht).

Dann schiessen Sie doch los.
Wir sind früh in Rückstand geraten, Jacobacci hat getroffen für Xamax. Oder wars Küffer?

Küffer wars.
Stimmt. Mittels Freistoss. Wir konnten rasch ausgleichen durch Dario Zuffi. Xamax blieb weiter sehr offensiv, was uns Platz für schnelle Konter gab. Mit Lunde und Zuffi hatten wir zwei formidable Stürmer für dieses Spiel. Und wir hatten Robert Prytz, der immer wieder lange, präzise Pässe schlug. Nach dem 1:3 durch Lunde war Xamax tot. Das letzte Tor von Dario war nur noch eine Zugabe.

An besagtem Datum traten die Young Boys im Stile eines Teams auf, welches sich seiner Sache sicher ist.
Oh ja. Wir sind sehr selbstsicher nach Neuenburg gefahren. Wie schon in den sechs, sieben Partien zuvor hatten wir das Gefühl, uns könne niemand schlagen. Auslöser war nicht zuletzt der souveräne 3:0-Heimsieg gegen GC im April, als über 30'000 Zuschauer ins Wankdorf kamen.
Die Siegermentalität, die wir entwickelt hatten, wäre kaum entstanden, wenn sich die meisten von uns nicht schon länger gekannt und respektiert hätten. Der Teamgeist war wirklich gut.

Siegermentalität und Teamgeist allein hätten kaum genügt, um die Meisterschaft zu gewinnen. Welches waren andere Erfolgskomponenten?
Ein Grund war sicherlich die Verpflichtung von Prytz während der Winterpause. Ein anderer unsere Kompaktheit. Jeder war bereit, den anderen zu unterstützen auf dem Platz. Zudem blieben wir weitgehend von Verletzungen verschont, konnten also fast immer mit der gleichen Formation spielen.
Das kam uns entgegen, weil wir auf der Ersatzbank fast nur ganz junge Spieler wie Alain Baumann, René Sutter und Reto Gertschen hatten. Die machten ihre Sache gut, wenn sie gebraucht wurden, doch ihnen fehlte die Erfahrung.

Wie wichtig war der Faktor Glück?
Ich kann mich nicht an Spiele erinnern, die wir nur dank viel Glück für uns entschieden haben. Wenn wir gewonnen haben, waren wir die bessere Equipe.

Nach der Vorrunde führte Xamax, bei dem Stars wie Heinz Herrmann, Uli Stielike und Don Givens unter Vertrag waren, die Tabelle an. Mit YB auf Rang 5 rechnete niemand mehr. War das ein Vorteil?
Das kann sein. Druck verspürten wir jedenfalls nicht. Wie in den Jahren zuvor gab es niemanden, der sagte: «Hey, ihr müsst Meister werden.» Wir gingen auf den Platz und spielten frisch von der Leber weg. Das macht vieles einfacher.
Das beste Beispiel dafür ist der aktuelle englische Meister. Leicester City hatte im letzen Sommer keiner auf der Rechnung.
Ich sehe noch zwei weitere Parallelen zu unserem Coup von 1986: Erstens konnte Leicester-Coach Claudio Ranieri in der zweiten Meisterschaftshälfte fast immer die gleiche Elf aufs Feld schicken, zweitens muss die Solidarität sehr gross gewesen sein, sonst hätte Leicester nicht so viele enge Partien gewonnen.

Sie streichen die Harmonie in der YB-Meistermannschaft von 1986 hervor. Nicht erwähnt haben Sie bisher die Unstimmigkeiten zwischen den Alphatieren, von denen es einige gab. Stimmt. Wir hatten viele Probleme. Meistens ging es um Lunde. Der hat sich keinen Deut um die Teamhierarchie gekümmert, war vorlaut, frech und unbekümmert. Weber, Bregy, Wittwer und Schönenberger, die selber starke Charaktere waren, haben das nicht goutiert. Sie waren manchmal richtig sauer auf ihn.

Wie oft haben Sie als Captain ein Machtwort sprechen müssen?
Etliche Male. Mit Lars habe ich häufig Klartext reden müssen, weil er immer wieder für Unruhe gesorgt hat. Vor der ganzen Mannschaft zusammengestaucht habe ich ihn aber nie. Das hätte im Endeffekt auch nichts gebracht, wir brauchten Lars.

Wie kamen Sie mit Georges Bregy zurecht?
Oh là là! Georges war auch kein einfacher Mensch. Ich habe viel mit ihm diskutiert. Er konnte zum Feuerteufel werden, wenn ihm etwas nicht passte. Mit Lunde beispielsweise hat er sich sehr schwergetan. Die beiden waren wie Hund und Katze. Irgendwie haben sie sich aber zusammengerauft. Geschadet haben uns die Konflikte im Endeffekt nicht. Ich sage immer: Jede richtig gute Equipe hat ein paar Problemspieler.

Den polnischstämmigen Trainer Alexander Mandziera hat vor seinem Amtsantritt bei YB kaum jemand gekannt in der Schweiz. Was war er für ein Mensch?
Mandziera war ein ruhiger Typ, der uns Spielern sehr nahe stand. Wichtig war ihm die Meinung des Spielerrats, womit er bei den Teamleadern schon mal punktete (lacht).

Welche Rolle spielte der langjährige Präsident Ruedi Baer?
Er war ein familiärer Patron, dem die Nähe zu den Spielern wichtig war. Was ich an Baer immer geschätzt habe: dass er nie Druck aufgesetzt hat. Und nicht zu vergessen: Dank seinen geschäftlichen Verbindungen hat er immer gute Trainingslager organisiert in Asien.

Wie gross war eigentlich der Einfluss des Genfer Financiers Jürg Stäubli?
Er gehörte wie Baer und Vizepräsident Aeberhard zu der Investorengruppe, die immer wieder gute Ausländer wie Berkemeier, Lunde, Prytz und Nilsson zu YB geholt haben. Leider wurden diese nach kurzer Zeit wieder verkauft.
Zu Stäubli habe ich noch heute hie und da telefonischen Kontakt. Kennen gelernt haben wir uns in den 70er-Jahren, als er bei YB Nachwuchstrainer war. Irgendwann ist er nach Genf gezogen und hat mit Immobilien viel Geld gemacht.

Zur Gegenwart: Wie intensiv verfolgen Sie YB, seit Sie bei der Fifa sind?
Meistens nur aus der Ferne – TV, Radio, Internet: Das sind meine Quellen. Hie und da bestreite ich mit den YB Old Stars ein Spiel. An die Spiele gehe ich nur ganz unregelmässig. Am Mittwoch, beim Saisonabschluss von YB in Thun, bin ich wieder einmal im Stadion.

In Bern hofft man seit nunmehr 30 Jahren auf den nächsten Meistertitel. Vor dem Triumph von 1986 war die Durststrecke ebenfalls lang – 26 Jahre, um genau zu sein.
Wissen Sie was? An Hoffnungen hat es in den 15 Jahren, die ich für YB gespielt habe, nicht gefehlt (schmunzelt): Mit Ausnahme des Cupsiegs 1977 haben wir lange auch nichts gewonnen. Wir haben aber nie den Mut verloren, weil wir immer ein gutes Team hatten.

Also darf YB auch jetzt, wo der FC Basel die Liga dominiert, den Mut nicht verlieren?
Auf gar keinen Fall.

Dank den grosszügigen Investitionen der Gebrüder Rihs fehlt es YB nicht an Mitteln für kostspielige Transfers. Dennoch rennt der Club weiter einem Titel nach.
YB hat das Pech, dass der FC Basel stärker ist. In der Saison 2009/10 unter Vladimir Petkovic haben es die Berner leider verpasst, den Sack zuzumachen. In der Zwischenzeit ist Basel dank den regelmässigen Einnahmen aus der Champions League und geschickten Transfers allen anderen enteilt.

Was kann YB tun, um die Basler Dominanz zu durchbrechen?
Der Club müsste nochmals zwei, drei starke Fussballer verpflichten – und er muss das jetzige Team zusammenhalten. Nur wenn etwas zusammenwachsen kann und der Zusammenhalt gross ist, lässt sich meiner Meinung nach etwas ausrichten.

Wie beurteilen Sie die Entwicklung unter dem jetzigen Coach Adi Hütter?
Ich kenne Adi Hütter nicht und bin definitiv zu weit weg, um seine Arbeit zu beurteilen.

Der Bund

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