«Wie wenn der FCZ in Nairobi ein Cupspiel austragen müsste»

Murat Yakin spricht über die Probleme als Trainer von Spartak Moskau, definiert seine Ziele, zieht einen Vergleich mit dem Schweizer Niveau und erzählt von einer Begegnung mit Russlands Nationalcoach Fabio Capello.

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Thomas Niggl@tagesanzeiger

Murat Yakin, Sie liegen zurzeit mit Ihrer Mannschaft in der russischen Premier League hinter Leader Zenit St. Petersburg auf Rang 2, der Ende Saison zur Teilnahme an der Qualifikation zur Champions League berechtigen würde. Macht Sie das nicht ein bisschen stolz?
Stolz ist das falsche Wort. Es sind ja erst sieben Runden gespielt. So gesehen, haben wir noch überhaupt nichts erreicht oder gewonnen.

Ihre Mannschaft hat bisher sechs Auswärtspartien bestritten und konnte erst am vergangenen Sonntag das erste Heimspiel im neuen Stadion austragen.
Das ist richtig. Wir konnten das erste Heimspiel im neuen Stadion gegen Torpedo Moskau erfreulicherweise mit 3:1 gewinnen. Das war eine gelungene Premiere für unsere tollen Fans, für den Präsidenten, den ganzen Club schlechthin und auch für all jene Menschen, die diese neue und wunderbare Arena konzipiert und gebaut haben.

Sie sind und waren schon immer ein ambitionierter und erfolgreicher Trainer. Mit Thun sind Sie aufgestiegen und führten den Club in die Europa League. Mit Luzern wurden Sie Vizemeister und erreichten den Cupfinal. Mit Basel wurden Sie zweimal Meister und schlugen in der Champions League das grosse Chelsea unter Mourinho ebenfalls gleich zweimal. Definieren Sie uns Ihre Ziele mit Spartak Moskau.
Ich will natürlich so erfolgreich sein wie möglich.

Und das heisst konkret?
Spartak Moskau war in den vergangenen Jahren nicht mehr international dabei. Und auch in dieser Saison nicht. Es muss kurzfristig unser Ziel sein, dass wir wieder dorthin kommen. Ich will immer das nächste Spiel gewinnen. Und wenn uns das gelingt, werden wir auch erfolgreich sein.

Haben Sie momentan das Gefühl, Sie könnten diese hoch gesteckten Ziele schon in Ihrem ersten Jahr erreichen?
Ich bin mir noch nicht ganz im Klaren, wie weit wir mit der Mannschaft tatsächlich schon sind.

Erklären Sie uns das genauer.
Wir hatten in einigen Spielen Glück, dass wir gewannen, wir hatten aber auch Pech, dass wir das Spiel verloren. Es fehlt noch ein bisschen die Balance und die Abstimmung.

Wie zufrieden sind Sie mit Ihrem Kader?
Ich bin mit den Spielern, die ich im Moment zur Verfügung habe, zufrieden.

Weshalb?
Die Spieler haben viel Qualität und haben inzwischen meine Ideen für diese kurze Zeit schon überraschend gut umgesetzt. Wir liegen zurzeit auf dem zweiten Tabellenrang, das ist für die Spieler also ein Indiz dafür, dass wir eine positive Entwicklung durchmachen.

Wie man Sie kennt, fordern Sie stets gezielte Verstärkungen im Kader. Fabian Frei haben Sie zu einem Nationalspieler geformt. Es kursiert das Gerücht, Sie hätten sich schon nach ihm beim FC Basel erkundigt. Trifft dies zu?
Das Transferfenster ist geschlossen. Fabian Frei spielt beim FC Basel. Somit ist alles gesagt.

Sie haben Spieler von verschiedenen Nationen im Kader. Sie legen viel Wert auf funktionierende Automatismen und Taktik. Aber diese muss man auch sprachlich erklären können. Wie lösen Sie das Problem?
Einige im Trainerstaff können sich praktisch mit allen Spielern in deren Muttersprache unterhalten. Und dann steht mir noch ein Übersetzer zur Verfügung.

Kann es da nicht doch zu gewissen Missverständnissen kommen?
Das kann schon sein. Aber meine Spieler sind sehr professionell und verantwortungsbewusst. Sie fragen stets nach, wenn ihnen etwas nicht klar ist.

Als Sie anfingen, standen zwei russische Nationalspieler in Ihrem Kader. Jetzt sind es mittlerweile sieben. Haben Sie sich schon mit dem russischen Nationaltrainer Fabio Capello ausgetauscht?
Ja, wir haben uns schon persönlich getroffen. Er ist ein sehr höflicher und kompetenter Gesprächspartner. Es ist auch spannend, mit einem so erfolgreichen Trainer über den Fussball philosophieren zu können.

Inwieweit verfolgen Sie noch den Schweizer Fussball?
Regelmässig, wie alle anderen Ligen im Übrigen auch.

Wann haben Sie zuletzt in der Schweiz ein Spiel gesehen?
Ich habe mit meiner Mutter Emine das EM-Qualifikationsspiel der Schweiz gegen England in Basel besucht.

Wie erklären Sie sich die 0:2-Niederlage der Schweizer?
Das war ein typisches Spiel im September. Viele Schweizer Spieler hatten in ihren Ligen noch fast keine Spiele bestritten. Da ist es doch normal, dass der Rhythmus noch fehlt. Die Schweiz wird sich schon am 9. und 14. Oktober in Slowenien und in San Marino ganz anders präsentieren. Es wird für uns kein Spaziergang sein, aber wir werden trotzdem eine erfolgreiche EM-Qualifikation spielen.

Wenn Sie das Niveau zwischen der russischen Premier League und der Super League in der Schweiz vergleichen, wie fällt dieser Vergleich aus?
Den Hauptunterschied machen die vielen international erfahrenen und zum Teil auch sehr teuren Spieler aus. Ihre Qualität sorgt dafür, dass hier dynamischer, schneller und auch athletischer gespielt wird. Der Rhythmus ist klar höher.

In der russischen Liga liegen Sie zurzeit auf Rang 2. Im Cup werden Sie wohl zuerst auf einen Unterklassigen treffen?
In der ersten Runde treffen wir auf einen Drittligisten, der sage und schreibe 8760 Autokilometer von Moskau entfernt spielt. Wir haben einen Flug von acht Stunden vor uns. Das Spiel beginnt um 14 Uhr Ortszeit, weil sie dort keine Flutlichtanlage haben. Dann ist es bei uns in Moskau 9 Uhr morgens. Das ganze Prozedere ist in etwa so, wie wenn der FC Zürich in Nairobi ein Cupspiel austragen müsste. Aber auch das ist für mich eine absolut spannende Angelegenheit und etwas völlig Neues.

Völlig neu dürfte für Sie auch Ihre neue Heimat sein. Sie zogen aus dem beschaulichen Basel in die pulsierende Millionenmetropole Moskau. Wie finden Sie sich zurecht?
Ohne einen Chauffeur wäre ich total aufgeschmissen. Ich hätte mit dem Auto für eine Fahrt, die eigentlich nur zehn Minuten dauert, wohl drei Stunden oder noch mehr.

Vor was haben Sie am meisten Angst?
Wir hatten einen fantastischen Sommer bei durchschnittlich über 30 Grad, einen wärmeren als in der Schweiz. Der russische Winter soll bitterkalt sein. Davor fürchte ich mich schon ein bisschen.

DerBund.ch/Newsnet

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