Wie ein verkaterter Festival-Sonntag

Den gefeierten Meistern der Young Boys gelingt es im Cupfinal nicht mehr, genügend Spannung aufzubauen – der leidenschaftliche FC Zürich setzt sich verdient 2:1 durch.

Marco Wölfli ist geschlagen: Michael Frey bezwingt den YB-Goalie mit einem Flachschuss ins lange Eck.

Marco Wölfli ist geschlagen: Michael Frey bezwingt den YB-Goalie mit einem Flachschuss ins lange Eck. Bild: Christian Pfander

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Kopfkino kann alles. 10 Minuten vor Spielende erzielt Miralem Sulejmani im Cupfinal das 1:2-Anschlusstor für YB. In einer in­tensiven, über weite Strecken packenden Begegnung agiert der FC Zürich seit Mitte der zweiten Hälfte in personeller Unterzahl, Einwechselspieler Sangoné Sarr hatte den Berner Zweikampfminister Sékou Sanogo zweimal mit unerlaubten Mitteln gestoppt.

Und jetzt? Besiegen die Young Boys innerhalb weniger Fussballfestwochen gleich alle Dämonen? Die Cupfinals 1991 und 2009 hatten sie ja nach 2:0-Führung gegen Sion 2:3 verloren. Es würde in diesen für sie grandiosen Frühling passen, den umgekehrten Weg zu beschreiten – und Zürich in extremis noch zu bezwingen. Vielleicht durch einen Treffer von Jean-Pierre Nsame, wie damals im April, als der eingewechselte Angreifer gegen Luzern in der 89. Minute das Tor zur Meisterschaft schoss – und eine Explosion der Gefühle im Stade de Suisse auslöste. «Irgendeinisch chunnt dr Hanspeter», um zwei Züri-West-Zeilen YB-like zu vermischen. Man würde den Trainer Adi Hütter dann fragen, was er Hanspeter Nsame bei der herz­lichen Umarmung vor dessen Einwechslung zuflüsterte. Vielleicht: «Zeig der Schweiz, dass du besser als Michael Frey bist!»

Am Sonntagnachmittag kommt die 89. Minute – und der Ball zu Nsame. Diesmal aber ist etwas anders, diesmal läuft der Ball nicht für YB, diesmal ist die Luft draussen bei den Young Boys. Marco Wölfli, noch so ein grosser Berner Held dieser Wochen, stürmt schon vor der Nachspielzeit in den gegnerischen Strafraum. Im Kopfkino schiesst die Goalielegende YB in die Verlängerung, im Stade de Suisse verteidigt Zürich die Führung mit Herzblut, Kampfgeist, Siegeswillen. Es sind entscheidende Tugenden.

Und es ist eine YB-Niederlage mit gar nicht so leiser Ansage. Man erhielt in den letzten Wochen ja das Gefühl, dass diese Mannschaft viel, vielleicht zu viel gefeiert hatte. Einmal, zweimal, dreimal mit riesigem Brimborium und längst im edlen Rang von Fussballgöttern. Tout Berne liebt Adi Hütter und seine Jungs. Und so ist es am Sonntag keineswegs überraschend, wirken die Young Boys zu Beginn überhaupt nicht bereit. Sie erhalten lange Zeit keinen Zugriff aufs Geschehen, sie müssen sich vorerst gar dominieren lassen vom kecken Aussenseiter, der nach 13 Minuten 3:0 führen könnte.

Aber nur Michael Frey trifft bei einer seiner zwei Topchancen. Ausgerechnet Michael Frey. Nicht alle Berner lieben Hütter, einer bestimmt nicht, genau dieser Frey, der vom YB-Trainer im letzten Sommer aussortiert und durch Nsame ersetzt wurde. Sein Jubel gegen Berner Fans und Trainer nach dem 1:0 ist provokativ und Michi-Frey-mässig. Frey gerät wie auf einem Kreuzzug bald mit einem, zwei, drei YB-Akteuren heftig aneinander. Der eigenwillige Stürmer steht, wie erwartet, in seinem fussballerischen Wohnzimmer sofort im Brennpunkt.

Frey zeigt jenen beeindruckenden Biss, den die Young Boys vermissen lassen. Der Favorit ist satt. Und mit ihm das Berner Publikum, welches den Wettstreit gegen die FCZ-Anhänger um die Stimmungsherrschaft im Stade de Suisse deutlich verliert. YB ist im Cupfinal offiziell das Auswärtsteam, YB ist das auch gemessen an der Unterstützung von den Rängen. Es fühlt sich ein wenig so an, wie wenn man nach drei strengen Nächten an einem Open-Air-Festival am Sonntagnachmittag noch mal verkatert zum Konzert des berühmten Schmusesängers erscheint. Es ist zwar ein schöner Anlass, aber alle sind halt müde – und längst glücklich.

29 Tage nach den hemmungslosen Feierlichkeiten nach 31 Jahren Titellosigkeit am 28. April bringt die YB-Familie nicht mehr die nötige Spannung auf. Vielleicht ist auch eine Spur Selbstüberschätzung dabei. Da helfen all die Warnungen nichts, Hütters nächster Verein Frankfurt habe den DFB-Pokalfinal gegen den Favoriten Bayern auch sensationell gewonnen. Und Hütters letzter Verein Red Bull Salzburg habe das Endspiel in Österreich gegen den krassen Underdog Sturm Graz verloren.

Immerhin zeigt YB ab der 30. Minute endlich mehr Präsenz. Doch es ist der FCZ, der nach einem herrlichen Sololauf Antonio Marchesanos mit einem Spieler weniger eine Viertelstunde vor Schluss das frenetisch bejubelte 2:0 schiesst. Vielleicht ist es kein Zufall, erzwingt Techniker Miralem Sulejmani mit einem seiner raren Kopfballtore sofort den Anschlusstreffer. Sulejmani bleibt in Bern, er hat seinen Vertrag verlängert, obwohl auch der Serbe von zahlreichen ausländischen Vereinen umworben worden war. Über die Hälfte der Stammelf dagegen zieht es in eine Topliga, wie ihren Trainer, wer will das den talentierten Spielern verübeln? Aber diese Fussballer sind mit ihren Gedanken eben nicht mehr nur bei den Young Boys. Auch das ist ein Faktor, der am Sonntag eine Rolle spielt.

Und so endet diese grossartige Saison für YB mit der vierten Cupfinalniederlage in Serie. Von ganz allen Lastern kann sich der Club selbst in dieser historischen Saison nicht verabschieden. Zürich feiert mit dem couragierten Jungtrainer Ludovic Magnin nach mutigem Auftritt den verdienten Sieg auf dem in Zürich verhassten Kunstrasen. Diesmal jubeln in Bern die anderen – Züri-Fäscht statt Züri West im Stade de Suisse.

Im Schatten der Cupspezialisten des FC Sion (13 Siege in 14 Finals) verschönert der FCZ seine ebenfalls imposante Bilanz (11. Erfolg im 12. Endspiel). Magnin und sein sogar noch ungestümerer Assistent René van Eck symbolisierten dabei am Sonntag wie Frey den ausgeprägten FCZ-Hunger, während die Atmosphäre bei YB auch von Melancholie geprägt ist. Es ist der letzte Auftritt dieser wunderbaren Mannschaft, nicht nur Hütter wird gehen, sicher ein, zwei, drei, vielleicht vier oder fünf Akteure werden Bern verlassen, YB steht vor einem markanten Umbruch.

Aber man wird nicht an den Cupfinal denken, wenn man sich an dieses Team erinnert. Sondern daran, wie die Stadt Bern ein, zwei, drei Wochen lang südländischer Fussballekstase verfiel. Und wenige Minuten nach Abpfiff ist der Cupfinal auch auf dem sonnenbeschienenen Vorplatz des Stade de Suisse schon fast verarbeitet. Ganz in Gelb gewandete Menschen trinken Bier, manche lachen, einer schreit: «Ist doch scheissegal.» Und dann johlt er beschwingt: «Meister, Schweizer Meister, schalalalalalalala.» (Der Bund)

Erstellt: 27.05.2018, 22:32 Uhr

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