Wer ist dieser Mann aus Brig eigentlich?

Der Walliser Gianni Infantino ist neuer Fifa-Präsident. Ein jovialer Mann, der die grosse Bühne liebt und jeden Abend Mama Maria anruft.

Am Ziel: Gianni Infantino.

Am Ziel: Gianni Infantino.

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Sepp Blatter erzählte gerne Geschichten von früher, von der kargen Jugend im Wallis, vom Glück des Buben, der einen Ball besass und darum der Chef auf dem Kickplatz war. Blatter besass einen Ball, gar ein Leben lang, bis der ihm von der Ethikkommission der Fifa im Dezember für immer weggenommen worden ist.

Gianni Infantino erinnert an diesem ersten Februartag an seinen Landsmann aus dem bergigen Kanton zwischen Genfersee und Grimsel. Als er, begleitet von Trainergrössen wie José Mourinho und Fabio Capello, seine Kampagne für die Fifa-Präsidentschaft lanciert, hält er den Ball in den Händen. Er tut es nicht auf ­einem staubigen Platz in der Heimat, sondern gleich auf dem heiligen Rasen des mondänen Wembley-Stadions. Die Glatze glänzt, der Anzug sitzt, das Lachen ist wie festgefroren im Gesicht. Infantino ist im Element: Er liebt die grosse Bühne, auf der er mit seiner ­Jovialität und Sprachfertigkeit glänzen kann.

Bei der Uefa konnte er sich als Generalsekretär nur dann da austoben, wenn ihm Michel Platini als Präsident den Platz dafür liess. Nun fühlt er sich selbst zu höheren Weihen berufen. Dabei kokettiert er damit, dass er während seiner Wahlkampfreisen manchmal nicht mehr gewusst habe, ob es gerade Morgen oder Abend sei, ob er gerade frühstücke oder zu Abend esse.

Vielleicht denkt er, das mache sich gut, sich um das Bild des Aufopfernden zu bemühen – nicht für sich, natürlich nicht, sondern für das grosse Ganze. Wenigstens redet er dabei nicht gleich auch noch von Gott, wie das Blatter gerne tat. Aber auch er ist in seinem Anspruch ganz unbescheiden: Es geht um das Wohl von Fussball und Fifa, es geht um Demokratie und Entwicklung, um Transparenz und Solidarität. Es geht um all das, was jeder von sich gibt, der am Freitag im Zürcher Hallenstadion Nachfolger des abservierten Blatter werden will.

In seinem 48-seitigen Manifest zur Wahl listet er auf, welche Reformen er als Präsident vorantreiben möchte. Es sind die Reformen, über deren Einführung am Freitag ohnehin abgestimmt wird. Zusätzlich verspricht Infantino mehr Geld für alle, Verbände und ­Konföderationen. Und nicht zuletzt ködert er mit der Idee, die WM von 32 auf 40 Mannschaften aufzublasen.

Platini hat das schon vorgeschlagen, worauf Blatter damals süffisant antwortete: «Warum nicht gleich 64 oder 128?» Im Kern aber zeigt der Vorschlag, wie nahe Infantino dem Mann ist, der selbst auf den Fifa-Thron steigen wollte, allerdings wie Blatter für acht Jahre suspendiert worden ist.

Der Schweizer Verbandspräsident Peter Gilliéron gehört als Mitglied der Uefa-Exekutive zu denen, die eine Kandidatur Platinis immer unterstützten. Und der nach Platinis Aus schnell bereit war, auf Infantino zu setzen. Warum das, Peter Gilliéron? «Weil ich das Gefühl habe, dass Infantino der richtige Mann zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Platz ist. Weil es einen braucht, der das Metier kennt, und weil Infantino dafür die besten Voraussetzungen mitbringt.» Wie Gilliéron denken grosse Teile Europas, Teile Afrikas und Vertreter von Nord- und Südamerika sowie der Karibik.

Gilliéron hat sich auch mit den vier anderen Kandidaten dieser Fifa-Wahl befasst und bei keinem etwas entdeckt, das ihn von seiner Meinung abgebracht hätte. Er kennt die Bedeutung des Reformpakets, das zur Verabschiedung steht, das von US-Justiz bis Sponsoren alle jene beruhigen soll, die naserümpfend auf die Entwicklung der Fifa schauen. Und doch sagt er: «Das ist alles gut und recht. Aber am Ende kommt es auf den Präsidenten an.»

Und das soll also der Gianni Infantino aus Brig sein, der als Bub beseelt davon war, Profifussballer zu werden, am liebsten in der Serie A. Und am allerliebsten bei Inter Mailand. Von seinem Traumberuf schrieb er als Primarschüler in seinem Aufsatz, der Lehrer erzählt heute noch stolz davon. Und für den Fall, dass die Fähigkeiten nicht für eine Karriere als Sportler reichen würden, gab er eine Alternative an: Jurist. «Und was ist er heute?», fragte seine acht Jahre ältere Schwester Daniela, «irgendwie ist er beides: als Jurist im Sport daheim.»

In der Jugend sog Infantino alles auf, was er an Informationen über den Fussball bekommen konnte. Las die «Gazzetta dello Sport». Schaute Sportsendungen. Fing früh an, selber kleine Turniere zu organisieren und das Flair fürs Organisatorische auszuleben. Und legte so die Scheu ab, die ihn bis 14 prägte. Mit Kollegen gründete er den FC Folgore, der sich dem FC Brig-Glis anschloss und als dritte Mannschaft in der 5.  Liga kickte. Infantino war manchmal der Mann im offensiven Mittelfeld. Tönt nach Regie und Zauber, dabei war sein Talent überschaubar. Er formulierte es selber einmal so: «Ich hatte zwei linke Füsse.» Rinaldo Arnold, heute Präsident des FC Brig-Glis und ein Freund Infantinos, sagt: «Er war kein Lionel Messi.» Um seinen Platz brauchte sich Infantino aber keine Sorgen zu machen. Er war Coach und Chef, Sprecher und Scout. Oder so etwas wie Scout, der bis nach Domodossola fahren konnte, um Spieler für sein Team zu finden. Wirbeln, das war seine Stärke.

Der Stolz des Freundes

Er zog fort aus dem Oberwallis, um seine Ausbildung zu forcieren. Er studierte Jus, war in Neuenburg als Generalsekretär des Internationalen Zentrums für Sportstudien (Cies), bevor er nach Nyon dis­lozierte und bei der Uefa Stufe um Stufe nahm, bis er 2009 zum Generalsekretär befördert wurde. Für die Briger ist er in all den Jahren seines Aufstieg «dr Gianni» geblieben, und was das heisst, erklärt sein Freund Arnold mit einer Reihe von Adjektiven: «Freundlich, umgänglich, unbekümmert, bodenständig, unkompliziert.» Bevor er noch anmerkt: «Wenn man mit ihm unterwegs ist, kann das durchaus etwas länger dauern.»

Infantino hat seinen Lebensmittelpunkt längst verlegt, er wohnt mit seiner Frau, einer Libanesin, und den vier Kindern am Genfersee. Zurück zu den Wurzeln kehrt er trotzdem regelmässig. Er kann einen Match des EHC Visp besuchen oder ein 4.-Liga-Fussballspiel, und wie er sich dann verhält, fasziniert ­Rinaldo Arnold: «Er ist stets mit Emotionen dabei.» Sowieso: Infantino und die Leidenschaft. «Er ist der Richtige für die Fifa», findet Arnold, der keinen anderen Kandidaten für qualifizierter hält, «ihm geht es nicht um Glanz und Macht, sondern einzig um den Fussball. Und wenn ihn etwas fasziniert, kann er dafür eine enorme Begeisterung entwickeln.» Arnold ist stolz, das hört man. Er sagt: «Wir alle sind stolz auf Gianni.»

Dazu gehört natürlich auch Daniela, die als Schwester vom «Piccolino» redet, wenn es um Gianni geht. Wenn sie über ihren Bruder redet, wird ihre Verbundenheit zu ihm spürbar. Dann kommt zum Vorschein, wie wichtig ihr seine Aussendarstellung ist. Jeden Abend meldet sich Gianni bei seiner 81-jährigen Mama Maria telefonisch, egal, wo er sich gerade auf der Welt befindet. Ihm ist es ein Bedürfnis, sich nach dem Befinden zu erkundigen. Und die Mama ist froh über jedes Signal ihres Sohnes. «Unsere Eltern vermittelten uns Werte», sagt Daniela Infantino, die als Berufsschullehrerin in Visp eine Integrationsklasse unterrichtet, «sie konnten uns nicht gross helfen, als es um das Studium ging, weil sie nur Italienisch sprachen. Aber sie konnten uns eines mitgeben: dass wir Respekt vor der Natur und den Mitmenschen haben sollen.» Dann schiebt sie nach: «Gianni braucht nie wüste Ausdrücke, wenn er redet.»

Daniela bewundert Gianni: «Er hebt nicht plötzlich ab und fliegt zu einem anderen Planeten, wenn er Fifa-Präsident wird.» Sie sagt auch: «Ich nehme ihn nicht als Karrieremenschen wahr, der für seinen Erfolg über Leichen gehen würde. Er ist ein sehr gefühlvoller, harmoniebedürftiger und toller Mensch.»

Die anonymen Kritiker

Es gibt auch den kritischen Blick auf den Werdegang des geschmeidigen Italo­wallisers. Als Cheffunktionär steht er für den schwierigen Umgang der Uefa mit den Spielmanipulationen in Griechenland und der Türkei. Als langjähriger Vertrauter Platinis steht er für das System, das auch beim europäischen Verband nach Korruption riecht, wenn es um die Vergabe der EM 2012 an Polen und die Ukraine geht. Wer Infantino nicht mag, kanzelt ihn ab als «Apparatschik wie aus Sowjetzeiten». Redet von «Leichen im Keller». Das Problem dabei ist, dass keiner öffentlich dazu steht.

Wohlwollende wie Martin Kallen dagegen kennen keine Zurückhaltung. Kallen, auch 2016 wieder Cheforganisator des EM-Turniers, hat eine ganze Reihe von lobenden Formulierungen bereit: sehr dynamisch, beharrlich, ehrgeizig, zielorientiert, fleissig, dossiersicher, sehr angenehm als Person, gewiefter Kommunikator, jovial, korrekt im Umgang, harter Arbeiter, sehr direkt im Führungsstil. Und er sagt auch: «Als Mann mit italienischen Wurzeln bringt er auch eine gewisse Lockerheit mit.»

Die Wallfahrt nach Zürich

Auch Christian Constantin kennt Infantino. Der Präsident des FC Sion hatte ihn als Anwalt engagiert, als er 1997 vor einem Europacupspiel in Moskau Protest gegen die Grösse der Tore einlegte. Und er hat einen guten Eindruck behalten, weil er damals recht bekam: Ein Tor war nur 2,32 statt 2,44 m. Und jetzt, denkt er, Infantino sei fähig als Fifa-Präsident? «Ecoute», sagt er, wie er oft eine Antwort einleitet, «fähig? Doch, ich traue es ihm zu. Aber wir müssen das Amt nicht wichtiger machen, als es ist.»

Am Freitag brechen sie trotzdem auf aus dem Oberwallis Richtung Zürich. Jugendfreund Rinaldo Arnold begleitet Infantino an den Kongress. Die Schwestern Daniela sowie Mirella und die ­Mutter wollen auch da sein – in der Hoffnung, dass es ein grosser Tag wird. «Wir sind die moralischen Stützen», sagt Daniela Infantino. Normalerweise spricht sie ruhig und überlegt. Am Schluss aber legt sie Kraft in ihre Stimme: «In diesem Sinne: Forza, Gianni!»

Da bleibt nur noch eine letzte Frage an Peter Gilliéron: Was für ein Typ ist ­Gianni Infantino? «Ein Jurist. Ein guter Jurist, aber er ist nicht nur das. Er hat viele gute Eigenschaften.»

Dieses Porträt erschien am 23. Februar im «Tages-Anzeiger» und «Der Bund». (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 26.02.2016, 18:16 Uhr

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