Wenn Ronaldo Schweizer wäre

Die Schweiz gewinnt und gewinnt und widersteht bislang jedem Druck. Sie hat auf dem angestrebten Weg an die WM nur ein Defizit: Sie schiesst viel zu wenig Tore.

Jubel, wohin das Auge reicht. Die Schweizer Nationalmannschaft befindet sich mit acht Siegen in acht Spielen auf direktem Weg an die WM. Foto: Laurent Gilliéron (Keystone)

Jubel, wohin das Auge reicht. Die Schweizer Nationalmannschaft befindet sich mit acht Siegen in acht Spielen auf direktem Weg an die WM. Foto: Laurent Gilliéron (Keystone)

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Und jetzt? Was ist jetzt alles möglich für die Schweizer? «Der nächste Sieg», sagt Vladimir Petkovic und strahlt zufrieden, als hätte er erfolgreich eine Pointe gesetzt.

Petkovic lässt sich nicht locken, auch nicht in einem Moment der tiefen Zufriedenheit, wie er sie nach dem 3:0 vom Sonntag in Lettland verspürt. Er bleibt sich treu: Er sieht nur das nächste Spiel, nicht das übernächste, und schon gar nicht reicht sein Blick bis zur WM im kommenden Jahr.

Der Nationalcoach mag sich nicht in Was-wäre-wenn-Gedanken verlieren. Zuerst einmal muss sich die Schweiz für Russland qualifizieren. Ein gutes Stück Arbeit bleibt zu erledigen: die zweimal 90 Minuten gegen Ungarn und in Portugal. Diese Spiele können Petkovics Arbeit nicht gleich krönen, aber im schönem Licht erscheinen lassen. Oder sie können sie trüben – wenn es denn nicht zum Gruppensieg reicht, sondern nur in die Barrage.

Der Anspruch

Als die Auslosung für die Qualifikationsgruppen bekannt war, vermeldete Captain Stephan Lichtsteiner, es hätte schlimmer kommen können als mit Portugal, das der Schweiz aus dem Topf der Grossen mit Deutschland, Spanien, Frankreich oder Italien zugeteilt wurde. Seine muntere Aussage stand für den Anspruch, den die Schweizer inzwischen an sich selbst stellen. Sie wollen gut sein. Also äussern sie sich entsprechend.

Dass Portugal ein Jahr nach der Auslosung Europameister wurde, erschütterte sie nicht in ihrer Grundhaltung. Im Gegenteil, sie nutzten das Startspiel zur Qualifikation, um gegen den Favoriten gleich ein Zeichen zu setzen und sich den Rückenwind zu verschaffen, der sie zu acht Siegen in acht Spielen getrieben hat.

Natürlich gibt es schwierigere Auf­gaben zu erledigen als gegen Andorra, Färöer oder Lettland. «Bei allem Respekt vor diesen Gegnern», sagt Admir Mehmedi, «das ist so.» Nur weist er auch auf andere Mannschaften hin, die in anderen Gruppen auf Gegner von ähnlichem Niveau treffen. Deutschland spielt gegen San Marino und Aserbei­dschan, Spanien gegen Mazedonien und Liechtenstein, Frankreich gegen Weissrussland und Luxemburg.

Was die Schweizer auszeichnet, ist die Professionalität, mit der sie mittlerweile ihre Aufgaben angehen. Ist die Fähigkeit, sich auch gegen destruktive Teams durchzusetzen. Ist die Lust, immer nach vorne zu spielen. Ist das, was Petkovic anmerkt: «die Reife und Cleverness».

Selten einmal sind sie in dieser Ausscheidung in Bedrängnis gekommen. In Ungarn war das der Fall, als ihnen der Siegtreffer erst in der 89. Minute glückte. Und in Andorra, wo ihnen in der Nachspielzeit der Ausgleich drohte. Von ihrer Selbst­gefälligkeit wie beim Ausflug in die Pyrenäen ist nichts mehr zu erkennen. Die letzten fünf Spiele gewannen sie zu null. Und das, obschon Portugal den Druck hochhält und inzwischen sieben Siege aneinandergereiht hat. Sie haben sich keinen Ausrutscher geleistet wie die französische Weltauswahl beim 0:0 am Sonntag gegen Luxemburg.

Von der Entwicklung reden alle, nicht nur der Trainer, auch Mehmedi, Djourou, Behrami, Lichtsteiner oder Xhaka. Der Trainer hat sich auf die Spieler zubewegt, die Spieler sind sich untereinander nähergekommen. «Alle zusammen reden viel, um uns auf einen Gegner einzustellen», meldet Granit Xhaka. Die Gruppe harmoniert, was im Erfolg auch einfacher ist. Vielleicht gibt es den Erfolg aber auch, weil sie harmoniert.

Die Schweizer Mannschaft ist gut, aber sie ist nicht komplett, schon gar nicht perfekt. Sie hat einen Mangel: das Toreschiessen. Allein in Riga boten sich ihr Chancen für ein 6:0, mindestens. Oder wie Petkovic rechnet: «In den letzten beiden Spielen hätten wir 10, 15 Tore machen müssen.»

In der Offensive gibt es Haris Seferovic, Admir Mehmedi, Blerim Dzemaili und Xherdan Shaqiri, drei laufstarke Arbeiter und einen feinen Künstler. Seferovic ist mit vier Treffern allerdings bereits führende Kraft, er kommt damit auf so viele wie die anderen drei zusammen. Dabei hätte Dzemaili nur schon am Sonntag viermal treffen müssen. Es wäre darum eine nette Vorstellung, Cristiano Ronaldo im Schweizer Leibchen zu sehen. Er allein kommt bisher auf 14 Goals, was die Hälfte seiner Mannschaft ist.

Die Bestätigung

Mit seiner Effizienz könnte die Schweiz schön träumen. Solange sie fehlt, gilt das Wort von Xhaka: «Wir haben noch nichts erreicht.» Nicht in dieser Qualifikation und schon gar nicht darüber hinaus. Zwei Punkte brauchen sie noch, je einen gegen Ungarn und in Portugal, um Gruppenerster zu werden. Und dann ginge es immer weiter mit der Beweiserbringung, wirklich «eine grosse Mannschaft» zu sein, wie das Lichtsteiner forsch formuliert. Dafür würde ein Achtelfinal an einer WM ganz gewiss nicht reichen.

Aber so weit zu denken, verbietet sich Vladimir Petkovic. Er hat in dieser Qualifikation zwar schon viel gesehen: Spieler, «die die Gegner wegkegeln», Spieler, «die hungrig sind wie ein Bär», «die auf einer Bergtour sind». Nur eines hat er noch nicht gesehen: Schweizer, die bereits für die WM qualifiziert sind.

Die Nachfrage, ob er ihnen nur diesen Sieg im nächsten Spiel gegen Ungarn zutraut und nicht mehr, beantwortet er darum mit einem schelmischen Lächeln: «Das reicht.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.09.2017, 23:17 Uhr

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