«Warum? Warum ist das passiert? Und ich frage mich: Wieso wir?»

Offene Fragen und tiefe Wunden nach dem Anschlag auf den Teambus von Borussia Dortmund. Roman Bürki macht der Uefa grosse Vorwürfe.

Auch Roman Bürki zeigt Solidarität mit dem Opfer, Teamkollege Marc Bartra. Bild: Getty Images

Auch Roman Bürki zeigt Solidarität mit dem Opfer, Teamkollege Marc Bartra. Bild: Getty Images

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Es sind wohl die ­extremsten Tage in der Geschichte von Borussia Dortmund. Am Dienstag wurde der Teambus auf dem Weg zum Champions-­League-Match gegen Monaco Ziel eines Sprengstoffanschlags. Am Mittwoch musste die Borussia gegen Monaco antreten, obwohl die Spieler sich dazu nicht in der Lage fühlten.

Am Samstag spielte sie in der Bundesliga gegen Eintracht Frankfurt, gewann 3:1 und erhielt dafür von Trainer Thomas Tuchel erneut «das grösstmögliche Kompliment». Nachher redete Roman Bürki, 26, und seit bald zwei Jahren Stammtorhüter der Dortmunder, über diese emotionalen Tage.

Wenn Sie am Morgen erwachen, was denken Sie als Erstes: Hauptsache, ich lebe noch?
Ich habe noch immer Probleme, schlafen zu können. Im Unter­bewusstsein zucke ich zusammen und schrecke darum auf. Das ist das Schlimmste: dass ich keine Nacht durchschlafen kann. Wenn ich dann aufwache, bin ich froh, dass ich daheim im Bett liege. Und dass die Familie bei mir ist, so ­finde ich etwas Ablenkung.

Wie ist das am Dienstag genau abgelaufen?
Wir sitzen im Bus wie immer, ­fahren vor dem Mannschaftshotel los. Und dann gibt es einen Riesenknall. Alle Köpfe wirft es vom Druck zur Seite. Dann ist es einen Moment lang ruhig, und plötzlich schreit einer, also Marc . . .

...Bartra und Sie sitzen immer nebeneinander im Bus...
...ja, zuhinterst. Die Scheibe ist ­geborsten, als hätte ein Schuss eingeschlagen. Alle werfen sich auf den Boden, ich rufe den Physiotherapeuten, damit er sich um Marc kümmern kann, aber der liegt selbst auch auf dem Boden und schützt sich. Ja, eigentlich war es ein ganz normaler Tag bis zu diesem Moment, der alles verändert hat – auch für den Fussball.

Muss immer zuerst etwas Gra­vierendes passieren, bevor man handelt?

Wie können Sie so etwas verarbeiten?
Wir haben sehr gute Betreuer, an die wir uns wenden können, wenn wir reden wollen oder ein Symptom auftritt, auf das man re­agieren sollte.

Was für Symptome?
Eben Schlafstörungen. Oder wenn man vergisst zu essen. Oder wenn man alles gleich wieder sieht, ­sobald man die Augen geschlossen hat. Solche Sachen.

Was glauben Sie, wie lange es dauert, bis das vorbei ist und Sie den Vorfall verarbeitet haben? Was sagen die Fachleute?
Bis zu drei Wochen kann es normal sein, dass du wegen des Schocks etwas spürst. Ich hoffe, dass es nicht so lange geht.

Als Sie vor diesem Dienstag Meldungen von terroristischen Anschlägen hörten, was dachten Sie? Zum Glück bin ich nicht betroffen?
Ich habe immer alles genau verfolgt, den Lastwagen in Berlin, den Amoklauf in München... Aber dass es einen Anschlag auf eine Fussballmannschaft gibt, das hätte ich nie gedacht. Alles andere war weit weg, und plötzlich bin ich selbst mitten drin. Das ist etwas, das ich niemandem wünsche. Meine Eltern sind sehr froh gewesen, als sie mich sahen. Da merkst du, wie wertvoll das Leben ist.

Ihr Mitspieler Nuri Sahin hat am Mittwoch nach dem Spiel gegen Monaco gesagt, er habe erst richtig realisiert, was passiert sei, als er seine Familie wieder ­gesehen habe.
Das ist so. Für mich war schlimm, dass wir schon am Tag nach dem Anschlag wieder spielen mussten, ich konnte mich gar nicht darauf konzentrieren. Ich nahm auf dem Platz alles immer etwas später wahr – als hätte ich einen Schleier vor den Augen. Nach dem Spiel kamen dann die Emotionen ­richtig raus. Da gab es Tränen bei ­jedem Spieler.

Das Fernsehen hatte Sie kurz vor dem Anpfiff gezeigt, im Tunnel, der auf den Platz führt. War das bei Ihnen nur der übliche Versuch, sich zu konzentrieren? Oder waren Sie derart bewegt?
Ehrlich gesagt, ich hatte Tränen in den Augen. Du musst raus, Millionen Leute schauen wieder auf dich, du musst wieder deine Leistung bringen. Wenn wir hätten wählen können, von uns hätte ­keiner gespielt.

Trainer Thomas Tuchel redete davon, wie ohnmächtig er sich in diesem Moment gefühlt habe. Weil die, die am meisten betroffen waren, nichts zu bestimmen hatten. Ihr Teamkollege ­Sokratis sagte, die Spieler seien doch keine Tiere, sondern Menschen. Wie war das bei Ihnen?
Ich spürte, dass es denen...

...den Leuten von der Uefa...
...ja, dass es denen nur ums Geld geht und nicht ums Menschliche. Wenn ich dann am nächsten Tag von irgendeinem Sprecher der Uefa oder der Fifa eine Aussage höre, das Spiel wäre abgesagt worden, wenn jemand ums Leben gekommen wäre… Also, das ist doch wohl die grösste Frechheit, die es gibt. Muss immer zuerst etwas Gra­vierendes passieren, bevor man handelt? Alle sagen nun, es sei ein Zeichen gegen den Terrorismus gewesen, dass wir gespielt hätten. Das war doch kein Zeichen, das war nur ein Ignorieren der Tatsachen.

Wenn Sie nun trotzdem ver­suchen, etwas Positives aus diesem Spiel zu lesen: Sind Sie nicht froh, dass Sie es hinter sich und überstanden haben?
Ich hoffte schon vorher, dass es nachher ist. Das ist so. Aber wenn ich jetzt auf diesen Match gegen Monaco zurückschaue, muss ich sagen, dass wir diesen Gegner ­hätten schlagen können. Klar, wir hatten noch ein wenig Pech mit Entscheiden des Schiedsrichters. Aber wenn wir schon in der ersten Halbzeit so gespielt hätten wie in der zweiten, dann hätten wir gewonnen. Und darum ist es, wenn man den sportlichen Aspekt betrachtet, nicht fair, dass wir überhaupt ­antreten mussten.

Haben Sie sich seit dem ­Dienstag die grossen Fragen des Lebens gestellt?
Die Frage ist immer: Warum? ­Warum ist das passiert? Bis jetzt ist das nicht geklärt. Ich sehe keinen Grund, wieso ein Mensch so einen Anschlag verübt. Es ist einfach krass, was auf dieser Welt ­abgeht. Und ich frage mich auch: Wieso wir? Wie ich das wahrnehme, hat es etwas mit Politik zu tun. Aber wieso wir Fussballer als Ziel? Wir haben uns doch immer von politischen Themen distanziert, wir haben dazu nie öffentlich Stellung bezogen. Uns anzugreifen, ist doch komplett absurd. Damit will ich nicht sagen, dass es jemand ­anders verdient hätte. So etwas hat niemand verdient.

Ich muss drei Kreuze an die Decke machen, dass ich noch am Leben bin.

Die «Bild»-Zeitung zeigte am Donnerstag ein Bild von Ihrer Mannschaft vor dem Match gegen Monaco und schrieb dazu in riesigen Buchstaben: «Sie sollten alle sterben».
Das habe ich nicht gesehen, aber ja… Ich habe jetzt auch Details erfahren. Dass sich Metallsplitter in Sitze bohrten, dass durch die parkierten Autos noch viel abgefangen wurde. Alle sagen, es ist ein Wunder, dass uns nicht mehr passiert ist. Ich muss drei Kreuze an die Decke machen, dass ich noch am Leben bin. Ich habe Marc ­(Bartra) im Spital besucht, er sagt: Was er hat, ist eigentlich nichts im Verhältnis zu dem, was noch hätte passieren können.

Drastisch gesagt: Zwischen Tod und Leben lagen Zentimeter.
Es ist unfassbar. Das kann ich gar nicht glauben. Auf einmal bin ich ein Ziel, sind wir alle ein Ziel. Das macht es so schlimm.

Steigen Sie jetzt mit einem dumpfen Gefühl in einen Bus?
Ich glaube, das macht jeder nach einem solchen Erlebnis. Jede Kleinigkeit fällt dir auf, die draussen am Boden liegt, du nimmst alles wahr, wenn du irgendwo entlangfährst. Es ist unangenehm. Zum Glück hatten wir heute (gestern Samstag) keine lange Anfahrt vom Hotel zum Stadion.

Die Stimmung gegen Frankfurt war gerade am Ende gewaltig. War das noch ausgeprägter als sonst? War das Dankesagen der Zuschauer noch lauter?
Schon gegen Monaco war es enorm, obschon wir verloren hatten. Es zeigt, wie in dieser Situation alle zusammenhalten. Wie unsere Fans und die von Monaco zusammenhielten, war krass. Und jetzt waren sie wieder enorm. Dass wir nach dem Spiel alle ein ­Leibchen von Marc trugen, sorgte nochmals für Gänsehaut.

Was ist der Fussball in diesen Tagen für Sie?
Etwas vom Wichtigsten überhaupt. Wegen dieses Vorfalls bin ich froh, dass ich etwas habe, auf das ich mich fokussieren muss. Ich spüre keine Leere, mir ist nie langweilig. Wenn ich jetzt heimkomme, ist die Familie da. Dann gehe ich ins Training, komme wieder heim, und die Familie ist immer noch da. Ich gehe mit dem Hund laufen. Am Wochenende ist ein Spiel, nächsten Mittwoch schon wieder eines. Es ist sehr wichtig, dass ich abgelenkt bin und versuche, nicht zu sehr darüber nachzudenken, was passiert ist.

Dass wir nach dem Spiel alle ein ­Leibchen von Marc trugen, sorgte nochmals für Gänsehaut.

War das 3:1 gegen Frankfurt wieder ein Schritt zurück zur Normalität?
Ja, sicher. Es zeigt, dass nichts ­kaputt ist und dass wir nicht auf einmal unkonzentriert werden. Klar, das Spiel war nicht über­ragend, vor allem die zweite Halbzeit nicht. Aber es hat uns weiter Selbstvertrauen gegeben.

So viel, dass am Mittwoch sogar ein Sieg in Monaco möglich ist?
Wenn wir so spielen wie am ­vergangenen Mittwoch in der ­zweiten Halbzeit…

Woher nahm die Mannschaft eigentlich die Kraft, um da so gut zu spielen?
Wir lagen zur Pause 0:2 zurück und hatten nichts mehr zu ver­lieren. Eine gute Aktion reichte schon, um das Selbstvertrauen ­wieder zu finden.

Was wünschen Sie sich?
Für Mittwoch?

Grundsätzlich.
Dass alle gesund bleiben. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 15.04.2017, 21:57 Uhr

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