Von Bernegger bis Forte: Fünf Fragen zum Saisonstart

Wie fünf Schlüsselfiguren die Spiele der zweiten Runde in der Super League einschätzen.

Der Unterschied zwischen Jubel und Ernüchterung: GC-Goalie Heinz Lindner fliegt im Derby vergebens nach dem Ball von Raphael Dwamena. Foto: Georgios Kefalas (Keystone)

Der Unterschied zwischen Jubel und Ernüchterung: GC-Goalie Heinz Lindner fliegt im Derby vergebens nach dem Ball von Raphael Dwamena. Foto: Georgios Kefalas (Keystone)

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Die neue Saison der Super League begann am vergangenen Wochenende mit dem 2:0 der Young Boys gegen Meister Basel vor 31'000 Zuschauern und mit dem 2:0 des FC Zürich gegen GC vor 20'000 Zuschauern. Dem Auftakt folgt jetzt die zweite Runde mit Spielen wie GC - YB, FCZ - Thun oder Basel - Luzern – und Fragen an fünf Exponenten.

Carlos Bernegger, was wollen Sie bei GC mit einem aufgeblähten Kader von 28 Spielern anfangen?
Den Freitag begann GC-Trainer Carlos Bernegger mit einem Kader von 29 Spielern, den Tag beendete er mit einem von 28. Dazwischen lag die Neuigkeit, dass Jan Bamert per sofort mit einem Vertrag für fünf Jahre zum FC Sion wechselt. «Dieser Transfer ist schon ­speziell», sagt Bernegger.

Sportlich macht der Wechsel für GC wenig Sinn. Bamert gehört mit 19 Jahren zu den Spielern, die der Verein zu einer Reife bringen wollte, um sie eines Tages richtig teuer verkaufen zu können. Aber da sind das Dilemma und die wirtschaftlichen Zwänge, Transfererträge erwirtschaften zu müssen. Darum wechselte Caio für maximal 1 Million Franken nach Haifa, und darum verlässt die Grass­hoppers mit Bamert einer der wenigen Spieler, die andernorts auf Interesse stossen. GC profitiert davon, dass Sion mehr zahlt, als das Benfica Lissabon oder Sampdoria Genua getan hätte, die ebenfalls um Bamert warben. Geschätzt sind das gegen 2 Millionen.

Bleiben also bei GC noch immer 28 Spieler, aber Bernegger sagt: «Das sind zu viele.» Mit 22 wäre er zufrieden. Der Club ist denn auch bemüht, den Umbau weiter voranzutreiben. Fünf Abgänge strebt er an, es könnte Munsy, Olsen oder Antonov treffen. Um Platz zu schaffen für weitere ein, zwei neue Spieler, nachdem bereits sieben verpflichtet worden sind.

«Ich arbeite sehr gerne mit dem ­Kader, das ich habe», sagt Bernegger im Ton des treuen Soldaten. «Was ich sehe, macht mich zuversichtlich», fügt er bei. Nur bleibt auch ein anderer Satz hängen: «Die Integration der Neuen ist eine sehr grosse Herausforderung.» Der Trainer braucht Zeit und muss auf die Geduld seiner Chefs hoffen, um nicht das Gleiche zu erleben wie im Herbst 2014 in Luzern, wo er nach einem tief gehenden Umbruch der Mannschaft wegen Erfolglosigkeit entlassen wurde.

Sechs Tage nach dem ernüchternden 0:2 gegen den FCZ trifft GC heute auf YB. Bernegger sagt: «Wir müssen alles besser machen als im Derby.»

Marco Streller, welche Lehren zieht Basel aus der Niederlage gegen YB?
Nach dem 0:2 des Meisters in Bern las und hörte Marco Streller einiges. Der Sportchef des FCB nahm zur Kenntnis, wie YB das grosse Lob abholte. Und wie gleichzeitig der erste Basler Auftritt in der Nach-Heusler-Ära mit kritischem Ton begleitet wurde. Er registrierte so etwas wie eine Erleichterung in der Restschweiz, frei nach dem Motto: Prima, ist die Super League nicht schon wieder nach der ersten Runde entschieden. «Das ist alles okay», sagt Streller, «eine tolle Geschichte für die Journalisten, wenn sie schreiben können, YB sei nun reif für den Titel. Und ich habe auch nicht vor, unsere Niederlage schönzureden.»

Ein «Aber» liefert er dann doch. Er sah sich den Auftaktmatch in Bern noch einmal an und kam zum Schluss: «Ganz alles war nicht so schlecht.» Dem 36-Jährigen gefiel, wie die Basler die ersten zwei Drittel des Feldes beherrschten und sich viel Ballbesitz erarbeiteten. Er könne sich kaum an eine Partie von ­ihnen bei YB erinnern, in der das so der Fall war. «Unsere Analyse muss kein ­Externer verstehen», sagt Streller, «für uns aber ist es von Relevanz, was wir gesehen haben.» Allerdings gab es einen grossen Makel: das letzte Drittel des Platzes, die Zone, zu der auch der Strafraum des Gegners gehört. «Das lässt sich nicht wegdiskutieren: Wir haben uns kaum Torchancen erarbeitet. Und YB hat seine Sache gut gemacht.»

Was auffiel: Mit Ricky van Wolfs­winkel schickte Trainer Raphael Wicky nur einen Neuen auf den Platz. Was auch auffiel: Das System war das gleiche wie unter Urs Fischer, ein 4-2-3-1. «Stimmt», sagt Streller, «trotzdem kann man mit dem praktisch gleichen Personal und dem gleichen System anders spielen – wie eine neue Mannschaft. Aber wir sollten nicht ständig Vergleiche mit früher ziehen, sondern die Vergangenheit ­ruhen lassen.» Beunruhigt ist er nach dem 0:2 nicht ansatzweise: «Bei uns sind Leute an der Arbeit, die selber ­Profis waren und darum in der Lage sind, die Situation richtig einzuschätzen. Es gibt absolut ­keinen Grund, sich Sorgen zu machen.»

Uli Forte, wird Raphael Dwamena ein neuer Seydou Doumbia?
Der junge Seydou Doumbia war von 2008 bis 2010 die grosse Attraktion der Young Boys. Der Ivorer kam als 20-Jähriger nach Bern und wurde zweimal in Folge Torschützenkönig (20 und 30 Treffer). Letzten Sommer kehrte er noch einmal in die Schweiz zurück – und war mit 20 Toren für Basel zum dritten Mal effizientester Stürmer der Liga.

Der junge Raphael Dwamena kam im Januar dieses Jahres aus Lustenau zum FCZ. Und brachte es in der Challenge League in 18 Partien auf 12 Tore. Nun glückte dem 21-Jährigen ein optimaler Start in seine erste Super-League-­Saison: Mit seinen zwei Toren entschied er das Derby gegen GC. «Dwamena hat alle ­Anlagen, die einen guten Stürmer auszeichnen», sagt sein Trainer Uli Forte, hebt den «super linken Fuss» hervor, die «Power» auch, mit der sein Stürmer auftritt. Aber Vergleiche, gerade mit einem Doumbia, hält er für «zu hoch gegriffen» und für «verfrüht»: «Dwamena hat gerade einmal einen Match in der Super League bestritten. Es gibt für ihn noch einiges zu tun».

Ähnlich tönt es von David Degen, der zusammen mit seinem Bruder Philipp den Ghanaer berät: «Raphael ist beim FCZ sehr gut gestartet. Aber jetzt gilt es, schön auf dem Boden zu bleiben. Wobei ich mir bei ihm keine Sorgen mache: Seine Einstellung ist hervorragend.»

Adi Hütter, stört es Sie, schon am Samstag wieder spielen zu müssen?
Die Young Boys hatten das Startspiel gegen Basel noch gar nicht bestritten (und 2:0 gewonnen), da schrieb die «Berner Zeitung» schon: «YB surft gerade auf einer Euphoriewelle, es ist ein Begeisterungs-Tsunami.» Am Donnerstag ist die gleiche Zeitung schon wieder von Ernüchterung erfasst: «Aus Berner Sicht, Herrgott noch einmal, läuft in der ersten Hälfte deutlich zu vieles schief, um auf diesem Niveau bestehen zu können.» Thema ist jetzt das 1:3 in der Champions-League-Qualifikation bei Dynamo Kiew.

Vielleicht hilft den Young Boys bei dieser medialen Achterbahnfahrt die Ruhe von Adi Hütter. Der Trainer mag sich zwar über das eine oder andere wundern, was er zu lesen bekommt. Er könnte sich auch einen freundlicheren Spielplan wünschen, um nicht innert zehn Tagen auf Basel, Kiew, GC und nochmals Kiew zu treffen. Aber Hütter sagt: «Wir nehmen es, wie es vorgegeben wird, und wollen das Beste aus der Situation machen. Wir konzentrieren uns nur auf Dinge, die wir selber beein­flussen können.»

Trotz des schlechten Formstandes von Guillaume Hoarau, trotz der Schwächen von Abwehrchef Steve von Bergen in Kiew, trotz des Fragezeichens zu den Einsätzen der angeschlagenen Miralem Sulejmani und Sékou Sanogo – die Berner gehen heute als Favorit ins Spiel auf dem Letzigrund. Im Gegensatz zu GC haben sie zwei Vorteile: Sie verfügen über mehr Substanz und eine eingespielte Mannschaft. Oder wie Carlos Bernegger festhält: «Sie sind ein Titelkandidat.»

Marc Schneider, was verbindet Sie noch mit dem FCZ?
Als sich der FCZ am 13. Mai 2006 in der berühmten 93. Minute in Basel zum Schweizer Meister machte, stemmte ­danach Marc Schneider den Pokal in die Luft. Der Thuner war kein Spektakelmacher, aber einer der Zuverlässigsten aus der Defensivabteilung. Und: Er war der Captain. Über elf Jahre später kehrt der 37-Jährige in den Letzigrund zurück – als Trainer des FC Thun.

Schneider verbinden auf Lebzeiten «sehr gute Erinnerungen» mit Zürich. Zweimal ist er Meister geworden (2006 und 2007), einmal Cupsieger (2005). Nirgends feierte der Verteidiger grössere Erfolge als in seinen drei Jahren beim Stadtclub. In Zürich sind auch seine zwei Kinder geboren worden. Und bis heute pflegt er mit Alain Nef und Marco Schönbächler regelmässigen Kontakt.

Das alles bleibt für den morgigen Nachmittag aber im Hintergrund, weil er nur ein Interesse hat: mit den Thunern erstmals zu punkten. Schneiders Einstand als Chef in der Super League missriet am vergangenen Sonntag beim 0:1 gegen Sion – «weil es im Abschluss an Überzeugung mangelte». Wenigstens braucht der Jungtrainer intern keine Unruhe zu fürchten: «Die Leistung war insgesamt gut. Darum ist jetzt nicht gleich die Hölle los.» Und mit Blick auf die ­Aufgabe in Zürich fordert er: «Nicht ­jammern, sondern mutig spielen.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.07.2017, 23:17 Uhr

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