Verwehungen in Madrid

So lustig kann ein torloses Unentschieden sein: Real und Atlético nützen den Rückenwind für viel Sturm. Und alles bleibt möglich in diesem Viertelfinal der Champions League.

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Oliver Meiler@tagesanzeiger

Was hat man vor diesem Madrider Derby nicht über Systeme geredet, über die passende Antwort auf noch zu erwartende Fragen, über zwei Mal 4-4-2, die sich wohl neutralisieren würden. Block gegen Block. Und dann kam im Vicente Calderón doch alles anders. Alle Systeme wurden verweht, nicht nur sprichwörtlich. Man macht sich ja gar keine Vorstellung, wie stark der Wind durch diese unhübsche Arena fegt, die links und rechts von der Haupttribüne offen ist und zu drei Viertel ungedeckt. Alles flatterte im Wind: die Fahnen der Uefa gegen den Rassismus, die Eckfahnen, sogar die Hosen Cristiano Ronaldos, als sich der schon früh für zwei Freistösse wie gehabt in der High-Noon-Pose aufbaute. Da war also Wind, viel Wind. Und Sturm war da auch, viel Sturm – eine Halbzeit lang kam er von Real, eine Halbzeit von Atlético Madrid. Jeweils mit Rückenwind.

Zunächst offerierten die Gäste ihre Qualitäten, im Gourmetpack. Ungezählt waren die Chancen, die sich Real in der ersten halben Stunde erspielte. Mal war es Gareth Bale, der ganz alleine zum Abschluss kam, aus nächster Nähe. Mal war Ronaldo nicht weit vom Erfolg entfernt, mal James Rodríguez. Und immer stand da Jan Oblak und parierte, wie eine Mauer, wie ein Windschutz. Der slowenische Torhüter hätte eigentlich gar nicht spielen sollen. Er war in dieser Saison oft die Nummer 2, obschon er 16 Millionen Euro gekostet hatte – so viel wie vor ihm kein Goalie in Spanien. Doch «Atletis» Trainer Diego Simeone rechnete sich wohl aus, dass er einen mitdenkenden, antizipierenden Torhüter gut gebrauchen konnte, wenn er sein Team wieder so tief stellt. Oblak war der Beste der Seinen. Es war gar, als stehe der grosse Mann mit der ungewöhnlichen Nummer 13 auf dem Rücken ganz allein im Sturm. Und ruhig.

Er drehte, wirbelte, schwirrte

Dann drehte der Wind, oder besser: Mit dem Seitenwechsel blies er nun den Gastgebern in den Rücken. Merklich. Es gelang den Rojiblancos nun das, was ihnen in der gesamten ersten Halbzeit fast nie gelang: Sie spielten Fussball, wo sie davor doch vor allem damit beschäftigt waren, den Fussball des Gegners zu verhindern. Der Türke Arda Turan, den sie in den spanischen Medien und offenbar auch in der Umkleidekabine Atléticos nur «El turco» rufen, kombinierte nun mit Koke und dem Franzosen Antoine Griezmann, zeigte Finessen, die nicht vielen gegeben sind, drehte und wirbelte und schwirrte. Dann wechselte Simeone Fernando Torres ein, den Liebling des Calderón, der gleich eine zusätzliche Menge Adrenalin auf den Platz brachte. Für eine Reihe von Chancen. So lustig kann ein torloses Unentschieden sein, so unterhaltsam auch, wenn die Systeme verweht werden, wenn die Blöcke bersten. Und alles bleibt offen fürs Rückspiel.

Carlo Ancelotti spielt in diesem Viertelfinal um seine Madrider Zukunft. Bei aller Freude über die Décima, die zehnte Trophäe in der europäischen Königsklasse in der Clubgeschichte, die der Italiener Real im letzten Jahr beschert hat: Gegen Atlético verliert es sich nicht folgenlos mehrmals in Serie. Es war nun das siebte Derby in Folge, das Ancelottis Mannschaft nicht gewinnen konnte.

Ancelottis Nonchalance

Vor dem Spiel hatte er mit einigen seiner fein platzierten Plattitüden versucht, Schärfe aus der Situation zu nehmen. So sagte er zum Beispiel: «Gut wäre, wenn alle elf verteidigen und alle elf angreifen. So kompliziert ist Fussball nämlich nicht.» Mehr Nonchalance geht kaum. Man darf aber annehmen, dass er, wenn er den Verein denn verlassen müsste, gerne mit einem Triumph ginge. Und sei es nur, um seinen Kritikern, allen voran Reals Präsidenten Florentino Pérez, eine letzte Demonstration seines verkannten Könnens zu servieren.

Wo hat er denn nicht gewonnen, Carletto? Von Manchester City kommen schon charmante Angebote, wie man hört. Und Ancelotti soll geneigt sein, den Avancen zu erliegen.

Atlético Madrid - Real Madrid 0:0 55'000 Zuschauer. - SR Mazic (Ser). Atlético Madrid: Oblak; Juanfran, Miranda, Godin, Siqueira; Turan, Mario Suarez, Gabi, Koke (83. Torres); Griezmann (77. Raul Garcia), Mandzukic. Real Madrid: Casillas; Carvajal (85. Arbeloa), Varane, Ramos, Marcelo; Modric, Kroos, James Rodriguez; Bale, Benzema (76. Isco), Ronaldo. Bemerkungen: Verwarnungen: 55. Mandzukic (Foul). 80. Ramos und Raul Garcia (Unsportlichkeit). 85. Mario Suarez (Foul/im Rückspiel gesperrt). 89. Marcelo (Foul/im Rückspiel gesperrt).

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