Verlorene Werte

GC hat Benjamin Lüthi nicht das grosse Glück gebracht. Trotzdem bereut der ehemalige Thun-Spieler den Wechsel nach Zürich nicht.

Der Sündenbock des Spiels: Benjamin Lüthi (links) im Duell mit Sittens Nicolas Luechinger.

Der Sündenbock des Spiels: Benjamin Lüthi (links) im Duell mit Sittens Nicolas Luechinger.

(Bild: Keystone)

Ruedi Kunz

Benjamin Lüthi hätte es sich im Winter 2013/14 einfach machen können und beim FC Thun, wo er sich wohlfühlte und zum Leistungsträger aufgestiegen war, einen neuen Mehrjahresvertrag unterzeichnen können. Doch der damals 25-Jährige hatte den Drang, das gemachte Nest zu verlassen, um sich anderswo «als Mensch weiterzuentwickeln», wie er sagt. Liebend gerne hätte er sich einem deutschen oder italienischen Club angeschlossen, nur wollte sich keine Türe öffnen. Stattdessen folgten mehrere Monate Arbeitslosigkeit, begleitet von Gedanken, die Profikarriere aufzugeben und sich an einer Uni einzuschreiben. Im Spätherbst 2014 dann doch noch die Wende zum Guten: Lüthi wird vom damaligen GC-Sportchef Axel Thoma zu Probetrainings eingeladen; ein paar Tage später nimmt ihn der Traditionsclub bis 2017 unter Vertrag.

Oktober 2016. Lüthi sitzt in einem Café nahe dem Limmatplatz, welches von vielen Freelancern als Arbeitsplatz genutzt wird. «Die geschäftige Atmosphäre gefällt mir», sagt der Fussballer, der sich im Bereich Betriebswirtschaft selber weiterbildet. Mehr möchte er zu diesem Thema nicht sagen – wohlwissend, dass es bei GC nicht gerne gesehen wird, wenn Profis regelmässig die Schulbank drücken.

Gerade in diesen Tagen tut Lüthi Ablenkung vom Fussballalltag gut, denn dieser präsentiert sich eher düster. Der «Blick» hat Lüthi zum Sündenbock des Abwehrdebakels in Sitten gestempelt, wo GC am Sonntag früh 0:3 hinten lag und 2:4 verlor. In der Tat zog der Berner einen rabenschwarzen Tag ein: Bei zwei Toren verlor er Gegenspieler Akolo aus den Augen, überdies verschuldete er einen Foulelfmeter. Es war keine gute Werbung in eigener Sache.

Dabei könnte er solche gut gebrauchen, um auf der linken Abwehrseite wieder Fixstarter zu werden und sich für eine Vertragsverlängerung in eine bessere Position zu bringen. Seit Anfang Jahr steht ihm des Öftern der 21-jährige Serbe Nemanja Antonov vor der Sonne, welcher offensiv stärker ist. Lüthi weiss um seine Limiten: «Meine Flanken mit dem linken Fuss haben nicht die gleiche Qualität wie die mit dem rechten.» Womit auch angesprochen ist, was Lüthi zu schaffen macht: Er, der jahrelang auf der rechten Abwehrseite gespielt hat, ist im letzten Sommer auf die gegenüberliegende Aussenposition verschoben worden. Dort fehlen ihm Sicherheit und Gelassenheit, um immer die richtigen Entscheidungen zu treffen. «Es ist nicht ganz einfach für mich», bestätigt Lüthi.

Guter Draht zu Tami

Auch wenn die Luft zuletzt dünn geworden ist, mag der zähe Verteidiger nicht klein beigeben. Zupass kommen ihm seine Führungsqualitäten abseits des Platzes, die von Trainer Pierluigi Tami geschätzt werden. Der kommunikative Berner ist neben Kim Kallström einer der wenigen Spieler, mit denen der Tessiner einen regelmässigen Gedankenaustausch pflegt. Lüthi attestiert dem Coach eine hohe Sozialkompetenz und ein ausgeprägtes Gespür, was gruppendynamische Prozesse angeht.

Das Glück hat Lüthi bei GC nicht wirklich gefunden. Und doch überwiegen die positiven Eindrücke. Er habe sich in einem schwierigeren Clubumfeld behauptet, die grösste Stadt der Schweiz mit all ihren Schattierungen kennen gelernt und etliche neue Bekanntschaften gemacht. «Es war richtig und wichtig, habe ich die Komfortzone verlassen.»

Benjamin Lüthi ist ein Fussballer, der sich viele Gedanken über seinen Beruf und dessen Umfeld macht. Die Transfersummen und Fernsehgelder findet er «zum Teil irrsinnig». Das viele Geld habe dazu geführt, dass sich viele Akteure zu wichtig nähmen und Werte wie Menschlichkeit, Ehrlichkeit und Zuverlässigkeit einen schweren Stand hätten. Was die Super League betrifft, wünscht sich der Spieler mehr Clubs, die eine klare Philosophie definieren und dieser dann über Jahre hinweg treu bleiben. Christoph Spychers kürzliche Beförderung zum YB-Sportchef ist für Lüthi ein ermutigendes Zeichen. «Wuschu ist ein bodenständiger und ehrlicher Mensch, der über den Tellerrand hinausgeblickt und wie Andres Gerber bei Thun klare Wertvorstellungen vertritt.»

Morgen Sonntag kreuzen sich die Wege von Lüthi und Spycher im Stade de Suisse. Der Verteidiger ist mit GC zu Gast, welches eine katastrophale Auswärtsbilanz vorzuweisen hat (6 Spiele, 0 Punkte). «Uns mangelt es an defensiver Stabilität», weiss Lüthi. Ob die Zürcher ausgerechnet gegen YB den Schalter kippen können? Zweifel sind erlaubt, denn sie müssen unter anderen auf Kallström, ihren unbestrittenen Chef im zentralen Mittelfeld, verzichten.

Der Bund

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