Turm der Hoffnung

Guillaume Hoarau ist Fussballer, Abenteurer, Musiker – und bei YB der Mann, der Träume nährt. Heute trifft er mit den Bernern auf Leader Basel.

«Ich habe vor nichts Angst, auch vor Basel nicht»: Guillaume Hoarau bejubelt seinen Treffen in der Europa League gegen Everton. (19. Februar 2015)

«Ich habe vor nichts Angst, auch vor Basel nicht»: Guillaume Hoarau bejubelt seinen Treffen in der Europa League gegen Everton. (19. Februar 2015)

(Bild: Reuters)

Peter M. Birrer@tagesanzeiger

Es wirkt nicht überheblich und doch irgendwie unbernerisch forsch, wenn er darüber redet, was diese Saison den Young Boys noch bringen könnte. «Die Europa League», sagt er, «gewinnen wir nicht. Aber die Meisterschaft? Wieso nicht? Basel zweimal schlagen, ja, dann sieht es gut aus.» Und apropos FCB: «Ich habe vor nichts Angst, auch vor Basel nicht.»

Wie könnte einer wie er auch nur schon ansatzweise Angstgefühle verspüren, eine imposante Erscheinung wie er, 1,92 Meter gross, breite Schultern. An den Ohrläppchen funkelt Schmuck, in der Nase steckt ein feiner Brillant. Er trägt einen Trenchcoat, auffällige Schuhe und eine Mütze, sein Gang ist lässig, die Hektik lässt er an sich vorbeiziehen. Guillaume Hoarau. 31 wird er am 5. März, und wenn der Stürmer über sein Alter und die Entwicklung spricht, sagt er: «Ich habe das Glück, viele Abenteuer erlebt und die Welt gesehen zu haben.»

Der Sprung in den Schnee und die Tränen danach

Seine Geschichte fängt auf La Réunion an, einer französischen Vulkaninsel im Indischen Ozean mit 850 000 Einwohnern, 800 Kilometer östlich von Madagaskar gelegen. «So winzig klein ist es da im Vergleich zum Globus», sagt Hoarau und deutet mit dem Zeigefinger auf ein Staubkörnchen auf dem Tisch: «Man kennt einander.»

Er wird in Saint-Louis geboren, entdeckt bald den Fussball und seine Idole, Ronaldo, den Brasilianer, und Zidane, Franzose wie er. Die grosse Bühne ist weit weg, also kickt Hoarau bei angenehmem Klima auf bescheidenem Niveau und zum Vergnügen, er geht zur Schule und überlegt sich, was er einmal machen könnte. Sportlehrer ist eine Option, Spanisch zu unterrichten eine andere. Aber als er 19 ist, werden alle Pläne Makulatur. Für JS Saint-Pierroise hat er so viele Tore erzielt, dass Le Havre auf ihn aufmerksam wird, ein Ligue-2-Verein aus Frankreich. Hoarau verlässt die Heimat, gepackt von der Lust, etwas zu erleben. Er denkt: «Los, geh raus in die Welt.»

Als er in Le Havre ankommt, sieht er zum ersten Mal Schnee und ist in dem Moment «wie ein Kind», so erzählt er das: «Ich stürzte mich vor lauter Freude in den ersten Schneehaufen, und fünf Minuten später kamen mir fast die Tränen, weil ich vor Kälte schlotterte.» Er muss sich an ganz Neues gewöhnen, nicht nur an das Wetter. Erstmals ist er allein, der Sport ist sein Beruf, er muss beissen. «Aber ich sagte mir damals: Du hast das so gewollt, also heule nicht, sondern mach etwas daraus.»

«Fussballer sind wie grosse Kinder»

Hoarau wird 2006 nach Guegnon ausgeliehen, blüht dort auf, kehrt nach einem Jahr gestärkt nach Le Havre zurück, reiht Tor an Tor, wird zum besten Spieler der Ligue 2 gewählt und führt sein Team in die französische Elite. Auch persönlich steigt er auf, er wechselt zum grossen Paris St-Germain. Er ist jung, begehrt, er erliegt Verlockungen, die das viele Geld möglich machen: Schnelle Autos, schicke Kleider, er geniesst die Aufmerksamkeit der Frauen.

«Als Fussballer», sagt er heute, «hast du manchmal das Gefühl, der Mittelpunkt von allem zu sein. Du hast dein Ego, du lebst es aus, Fussballer sind wie grosse Kinder, denen neben dem Platz manches an Arbeit abgenommen wird. Es gibt viele Klischees, aber einige entsprechen auch der Realität.»

Hoarau wird Nationalspieler, auf fünf Länderspiele bringt er es. Nur fünf? «Nein, jedes einzelne ist ein Bonus», sagt er, «natürlich wäre ich gern an einer WM gewesen, aber es klappte halt nicht.» Im ungünstigsten Moment zieht er sich eine Schulterverletzung zu. Der Arzt eröffnet ihm: «Du musst sie operieren lassen.»

Bickels Bemühungen

Er nimmt das so gelassen hin wie sein Ende in Paris, beschleunigt durch den Einstieg der Eigentümer aus Katar. Für Hoarau, der mit Zlatan Ibrahimovic zusammenspielte, ist fortan kein Platz mehr. Ohne Groll sagt er: «Mission impossible.» Dalian Aerbin, ein Club aus China, meldet sich. Dreijahresvertrag, netter Lohn. Hoarau überlegt nicht lange, packt und geht. In Frankreich wird spekuliert, eine Gage von vier Millionen Euro habe ihm die Entscheidung abgenommen. Hoarau findet im Rückblick, er habe seinen Rucksack gefüllt mit Erlebnissen und Erfahrungen. Und das Geld, ja, es ist natürlich ein Faktor. Er will nach der Karriere tun und lassen können, wonach ihm der Sinn steht.

Seinen Aufenthalt in China kürzt er aber ab, nach einem Jahr unterschreibt er bei Bordeaux. Sechs Monate später ist auch das Kapitel wieder beendet. Was nun also? Stéphane Chapuisat, Scout von YB, empfiehlt Fredy Bickel, sich um den Stürmer zu bemühen. DerYB-Sportchef denkt: «Hoarau? Das ist kein Transfer, der für uns realisierbar ist.» Er nimmt doch einen Anlauf, spürt unerwartet, dass der Spieler nicht abgeneigt ist, und erhält vom Verwaltungsrat die Bewilligung für den Einkauf, falls YB die Gruppenphase der Europa League erreicht. YB hat Erfolg, Hoarau kommt mit einem Vertrag vorerst bis Ende Dezember. Im Winter verlängert er. Bereits laufen die Gespräche, ihn über den Sommer hinaus zu halten.

Bislang hat sich Hoarau als Glücksfall herausgestellt. Bickel stellt ihn auf eine Stufe mit dem Finnen Hannu Tihinen, den er 2006 aus dem Ausland zum FCZ geholt hatte und der umgehend als Chef in der Mannschaft akzeptiert war. Hoarau hat sich ähnlich schnell als Leader etabliert. «Er ist auf dem Rasen unberechenbar», sagt sein Mitspieler Renato Steffen, «er ist immer anspielbar und weiss mit dem Ball etwas anzufangen.»

Inspiriert von Bob Marley

Auch neben dem Platz gibt der Hüne den Takt an, als Musikfreak fühlt er sich dazu fast verpflichtet. Er vergöttert Bob Marley, sein Konterfei hat er sich auf den rechten Unterschenkel tätowieren lassen. Von Marley ist er schon als Kind fasziniert gewesen, seine Lieder übersetzte er in der Schule aus dem Englischen. Die Botschaften Marleys von Liebe und Frieden haben Hoarau nie losgelassen.

Als er in Bern die Musik hört, die in der Garderobe läuft, fragt er irritiert: «Was ist das denn?» Er übernimmt die DJ-Rolle, seither dominiert Reggae. Hoarau spielt selber Schlagzeug, Gitarre und Klavier, er singt auch mit Hingabe und hat sich eine eigene Band zusammengestellt. Eines der Mitglieder fand er zufällig, als er im Zug sass und mit einem Mann ins Gespräch kam, der in Genf lebt und die Leidenschaft des Franzosen teilt.

Ein eiskalter Teamplayer und Gentleman

Als Hoarau mitYB in Bratislava weilte, unterhielt er nach der Partie die Mannschaft in der Hotelbar mit Gesangseinlagen. Sein Cousin Ludovic ist sein musikalischer Lehrer, Ludovic, der ohnehin eine zentrale Figur geworden ist. Er begleitet Hoarau überallhin, kocht für ihn, musiziert mit ihm, «er achtet auf mein seelisches Gleichgewicht», sagt der Fussballer.

Hoarau ist ein Turm von einem Mann, für YB ist er auch der Turm der Hoffnung, dass der Abstand auf Basel kleiner wird. Und dass vielleicht schon diese Saison die Sehnsucht nach dem ersten Meistertitel seit 1986 gestillt wird. «Er ist eiskalt vor dem Tor», sagt Trainer Uli Forte, «ein Teamplayer – und ein Gentleman, ein edler Mensch.» Forte nennt Hoarau gar «ein Phänomen» und zählt ihn zu den drei grössten Attraktionen der Liga.

Guillaume Hoarau versteckt seinen Ehrgeiz und Erfolgshunger nicht. «Wenn es über mich heisst, ich sei ein schlechter Sänger, ist mir das egal», sagt er und lächelt sanft, «ich singe weiter. Wenn es über mich aber heisst, ich sei ein schlechter Fussballer, habe ich ein Problem.» Dieser Gefahr hat er sich bis jetzt nicht ausgesetzt, die Bilanz bezeugt das: sechs Tore in der Super League, sechs auch in der Europa League. Zuletzt hat er gegen GC und Everton mit technisch brillanten Schüssen getroffen und signalisiert: Er ist bereit für heute. Für den FC Basel.

DerBund.ch/Newsnet

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