Stillstand und Bewegung

Der BSC Young Boys darf mit dieser Saison nicht zufrieden sein.

YB hat die vielen Ausrutscher des FC Basel nicht ausgenützt.

YB hat die vielen Ausrutscher des FC Basel nicht ausgenützt.

(Bild: Tobias Anliker)

Ruedi Kunz

Bei YB wurde in den letzten vier Jahren an fast jedem Schräubchen gedreht, welches sich irgendwie bewegen liess. Trainer kamen und gingen in schneller Reihenfolge. Der Stadionchef wurde mehrmals ausgewechselt. Ein Ex-Bundesliga-Manager (Ilja Kaenzig) und ein verdienter Fussballfunktionär (Hansruedi Hasler) prägten die kurze «Phase 3».

Als sich die wilde Vorwärtsstrategie als Rohrkrepierer erwiesen hatte, besann man sich auf die nostalgisch-verklärten Zeiten im Stadion Neufeld, die vom vielsagenden Slogan «YB macht glücklich» geprägt sind. Fredy Bickel, ein Mann mit ausgeprägtem Harmoniebedürfnis, sollte das Glück zurückbringen ins Stade de Suisse. Doch auch ihm ist es bisher nicht gelungen, den Klub von der Seuche zu befreien, an der er leidet, seit er sich im Mai 2010 auf dramatische Weise den Meisterpokal aus den Händen reissen liess.

Die heurige Meisterschaft beendet der BSC YB, der seit nunmehr 27 Jahren auf einen wichtigen Titel wartet, auf einem Europa-League-Platz. Ziel erreicht, erklärt die Führungsriege und wird gleichzeitig nicht müde zu betonen, wo YB am Ende der letzten Saison gestanden ist (7. Platz). Damit lügt sie sich gewaltig in die Tasche. Ein Verein wie YB, der mit dem zweithöchsten Budget der Liga operieren kann, der das zweitgrösste Stadion der Schweiz besitzt und der immer noch am zweitmeisten Zuschauer anzieht, kann und darf nach einer solchen Saison nicht zufrieden sein. Wie in der Katastrophen-Saison zuvor war das Team in der Defensive äusserst fehleranfällig und kassierte in 35 Spielen 50 Gegentore. Weitere Hypotheken waren die ausgeprägten Leistungsschwankungen, das zu statische und langsame Vorwärtsspiel gegen defensiv ausgerichtete Gegner, das mangelnde Durchsetzungsvermögen in der Angriffszone vor dem gegnerischen Tor und das Fehlen von dominanten Figuren im zentralen Mittelfeld.

Verpasster Angriff auf den FCB

YB weist nach 35 Runden 13 Punkte Rückstand auf den alten und neuen Schweizer Meister Basel auf. Das ist eindeutig zu viel angesichts der vielen Ausrutscher des FCB in der nationalen Meisterschaft (15 Unentschieden) und den internen Spannungen beim Ligakrösus. Mit dem Kader, welches Uli Forte zur Verfügung stand, hätten die Berner eigentlich bis zum letzten Spieltag ein ernsthaftes Wort um den Meistertitel mitreden müssen. Sie verpflichteten im letzten Sommer für viel Geld Nationalverteidiger Steve von Bergen; zudem kehrte im Winter der an Thun ausgeliehene Josef Martínez zurück und wurde mit Milan Vilotic ein weiterer teurer Mittelverteidiger unter Vertrag genommen. Doch was passierte? Statt dem in dieser Saison nur mediokren FCB auf den Fersen zu bleiben, gerieten die Berner zeitweise völlig aus der Spur. Hätten nicht die direkten Konkurrenten Luzern, Zürich und St. Gallen auch arg geschwächelt, YB hätte ernsthaft um einen Europa-League-Platz zittern müssen.

«Wir bewegen uns im Stillstand», meinte der geschwätzige Trainer Uli Forte nach einem weiteren ganz schwachen Auftritt in diesem Frühling. Was er damit sagen wollte? Eine gute Frage. Wie auch immer: Mit dem freudschen Versprecher beschrieb Forte ungewollt, was seine Mannschaft in der Rückrunde oft tat: Sie bewegte sich wohl fleissig, doch leider mehr quer- und rückwärts statt schnell vorwärts.

Integration funktioniert

Das Positive einer insgesamt ungenügenden Saison: Die Integration der eigenen Nachwuchsspieler in die erste Mannschaft wurde vorangetrieben. Und nicht minder wichtig: Sie erhielten auch tatsächlich Chancen, sich in der Super League zu bewähren. Namentlich handelt es sich um Leonardo Bertone, Florent Hadergjonaj, Yvon Mvogo und Grégory Wüthrich. Die vier rissen bei ihren ersten Einsätzen verständlicherweise noch keine Bäume aus, doch sie machten mit soliden (Bertone, Hadergjonaj) bis sehr guten Leistungen (Mvogo, Wüthrich) Werbung in eigener Sache.

Das konsequente Einbauen von Eigengewächsen ist in zweierlei Hinsicht ein wichtiges Zeichen. Den vielen Nachwuchsspielern zeigt es, dass die Türe nach ganz oben wirklich offen ist. Die Fans freut es, weil sie nach vielen Enttäuschungen mit teuren auswärtigen Söldnern endlich wieder lokale Helden zu Gesicht bekommen. Wer weiss: Vielleicht gelingt es dieser neuen, noch unverbrauchten YB-Generation, den Klub in den nächsten Jahren dorthin zu führen, wo er schon so lange hinmöchte: auf den Gipfel.

Der Bund

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